„Bereits das Wasser im Hause aber kein Abfluss“. Die Abwasserentsorgung in der Stadt Bern Von den mittelalterlichen Ehgräben, Morastsammlern und Senkgruben zum grosstechnischen System der Schwemmkanalisation 1850-1900

AutorIn Name
Ruth
Stalder
Academic writing genre
Licenciate thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Pfister
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
1998/1999
Abstract

Mit der Zunahme der Stadtbevölkerung seit den 1860er Jahren ergaben sich für die Stadt Bern verschiedene Versorgungs- und Entsorgungsprobleme. Vor 1860 besass die Stadt ein gut funktionierendes Abwasserentsorgungssystem. Parallel zu den Hauptgassen und auf der Rückseite der Häuser angelegte Ehgräben führten Abfälle und Abwässer aus der Stadt in die Aare. Kurz vor der Einmündung der Ehgräben in die Aare befanden sich Morastsammler, in denen sich die Feststoffe absetzten, welche dann als Dünger verwertet wurden. Für abseits gelegene Häuser gab es schliesslich auch noch Abtrittgruben. Im Verlauf der 1860er Jahre begann sich die Gemeinde verstärkt mit der Trinkwasserversorgung und der Abwasserentsorgung zu befassen. Um 1870 standen in Bern zwei Abwasserentsorgungssysteme zur Wahl, die seinerzeit europaweit zu Diskussionen Anlass gaben: Einerseits das Kübelsystem, bei dem die Abtrittableitung an einen Kübel im Keller des Gebäudes angeschlossen war, der regelmässig ausgewechselt wurde. Andererseits die Schwemmkanalisation, die aus einem zusammenhängenden Netz von unterirdischen Rohren bestand, welche mit ausreichend Spülwasser und mit genügend Gefälle ausgestattet sein mussten, so dass die Fäkalstoffe unterirdisch und für die Stadtbevölkerung unsichtbar in das nächstgelegene Fliessgewässer gespült wurden.

 

Schwerpunkt der Lizentiatsarbeit bildet die Aufarbeitung der Diskussion um die zur Wahl stehenden Abwasserentsorgungssysteme. Ziel der Untersuchung ist es, die zur Problembehebung vorgeschlagenen Lösungen und die Faktoren, die dazu führten, dass in Bern schliesslich die Schwemmkanalisation gewählt wurde, zu analysieren. Weiter wird die konkrete Einführung der Schwemmkanalisation in der Stadt bis 1900 aufgezeigt. Als theoretische Grundlage der Arbeit dient der Ansatz der grosstechnischen Systeme, der ursprünglich von Thomas P. Hughes zur Beschreibung der Elektrifizierung in Europa erarbeitet und später auch auf andere technikgeschichtliche Themen, wie etwa den Eisenbahnbau, angewandt wurde. Erstmals wird dieser theoretische Ansatz in der vorliegenden Arbeit auf die Abwasserentsorgung übertragen. Die Arbeit diskutiert somit auch, inwieweit es sich bei der Einführung der Schwemmkanalisation in Bern um die Einführung eines grosstechnischen Systems handelt.

 

Die Kompetenz zur Abwasserentsorgung lag während des Untersuchungszeitraums vollumfänglich bei der Einwohnergemeinde der Stadt Bern, weshalb der Arbeit primär Quellen der Stadtverwaltung zugrunde liegen. Durch die Auswertung der Verwaltungsberichte der Stadt und der Protokolle des Gemeinderates (Exekutive) lässt sich ein guter Überblick über die Problematik gewinnen. Weiter werden Protokolle der Kanalisationskommission, der Baukommission und der für das öffentliche Gesundheitswesen zuständigen Sanitätskommission sowie Broschüren, Reglemente und Verordnungen beigezogen.

 

Die Arbeit zeigt, dass sich die Entwicklung der Abwasserentsorgung in Bern im Wesentlichen in das Modells der grosstechnischen Systeme einfügen lässt, welches die Entwicklungsphasen Destabilisierung, Systemwahl und Systemkonsolidierung unterscheidet. Die erste Phase setzte mit der Destabilisierung der vorhandenen Abwasserentsorgung ein. Als Auslöser wirkten vermehrt auftretende Typhusepidemien und der mehrmals drohende Ausbruch von Choleraepidemien. Folge der tatsächlichen und der drohenden Epidemien war, dass einerseits der Gemeinderat prophylaktische Massnahmen und Verhaltensmassregeln erliess und 1865 eine ständige Santitätskommission einsetzte, die sich mit der Seuchenbekämpfung befasste. Andererseits begannen sich insbesondere Aerzte und Hygieniker mit den hygienischen Verhältnissen in der Stadt zu beschäftigen. Dies führte zu einer erhöhten Sensibilisierung der Stadtbevölkerung und der Stadtbehörden gegenüber verschiedenen Formen von Unreinlichkeiten. Die bis dahin als Dünger verwerteten Exkremente stellten nun eine potentielle Gefahr für die Gesundheit dar, die es möglichst rasch aus der Stadt zu entfernen galt. Ab 1867 wurden verschiedene technische Lösungen der Abwasserentsorgung diskutiert, die Gemeinde fällte jedoch noch keinen Grundsatzentscheid. 

 

Die zweite Phase setzte 1869 mit der Einführung eines Hochdruckleitungsnetzes zur verbesserten Trinkwasserversorgung ein. Die offene Frage der Systemwahl erhielt dadurch einen erneuten Anstoss. Die Stadt geriet unter konkreten Handlungsdruck, da der Wasserverbrauch in den städtischen Wohnungen anstieg und eine grössere Menge Abwasser entsorgt werden musste. Sie beschloss daher 1872 die Schwemmkanalisation in der Innenstadt einzuführen. Für diesen Entscheid waren insbesondere zwei Faktoren ausschlaggebend. Erstens bot die Schwemmkanalisation – im Gegensatz zum ebenfalls diskutierten Kübelsystem – eine ideale Ergänzung zur neuen Wasserversorgung. Durch die Schwemmkanalisation liessen sich problemlos grosse Mengen an verunreinigtem Wasser entsorgen. Die durch den zunehmenden Wasserverbrauch anfallende erhöhte Abwassermenge verbesserte gleichzeitig die Funktionsfähigkeit der Schwemmkanalisation, da für ausreichend Spülwasser in den Kanälen gesorgt war. Zudem lag es im Interesse der Stadt als Besitzerin des Wasserwerks ein System zu wählen, mit dem sich der Wasserverbrauch durch die Installation von Wasserklosetts und durch zusätzliche Spülung der Kanäle weiter erhöhen liess. Zweitens hatte die Stadt bisher mehrheitlich positive Erfahrungen gemacht mit den Ehgräben, die eine Vorstufe zur Schwemmkanalisation bildeten.

 

In der dritten Phase der Systementwicklung kam es zur Umsetzung der Schwemmkanalisation. Nach einer kurzen Zeit der Systemvielfalt erfolgte nach dem Grundsatzentscheid von 1872 die Verdichtung der Ehgrabenanlagen in der Innenstadt zu einem umfassenden Kanalisationsnetz, an das bis 1896 gut 95% der Häuser in der Innenstadt angeschlossen waren. In den Aussenquartieren bestanden bis in die 1890er Jahre vereinzelt Gebäude mit Kübelsystem. Die weitaus grösste Zahl der Häuser jedoch besass noch Abtrittgruben. Mit zunehmender Hochbautätigkeit in den Aussenquartieren nach 1885 dehnte sich das Kanalnetz auch in diese Quartiere aus, so dass eine allmähliche Systemvereinheitlichung stattfand. 1896 waren rund zwei Drittel der Wohnungen im ganzen Gemeindegebiet an die Kanalisation angeschlossen, nur noch ein Drittel besass Abtrittgruben. Das Kanalnetz dehnte sich im selben Zeitraum von ca. 8 Kilometer (1872) auf 73 Kilometer (1893) aus. Zwischen 1872 und 1900 entwickelte sich die Schwemmkanalisation in Bern zu einem grosstechnischen Entsorgungssystem, welches mehr und mehr die für grosstechnische Systeme typischen Merkmale aufwies. Diese Entwicklung lässt sich besonders gut anhand der räumlichen Ausdehnung und anhand der zunehmenden Reglementierung und Normierung belegen. 

 

Abschliessend lässt sich festhalten, dass für die Wahl der Schwemmkanalisation in der Stadt Bern die geographische Lage der Stadt, die bereits eingeführte Hochdruckwasserversorgung und Erfahrungen mit den seit dem Mittelalter bestehenden Ehgräben ausschlaggebend waren. Hinzu kam die seit Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkte Wahrnehmung der Fäkalien als Gefahrenherd von Krankheiten und damit verbunden das Bedürfnis nach einer Technik, die eine sofortige, unsichtbare und geruchlose Entsorgung gewährleistete.

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