Geschichte unter der Schere politischer Zensur. Amtliche Aktensammlungen im internationalen Vergleich

AutorIn Name
Sacha
Zala
Academic writing genre
PhD thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Judit
Garamvölgyi
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
1998/1999
Abstract

Entlang historiographischer Fragestellungen analysiert die Dissertation international vergleichend das Spannungsverhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und Politik. Das Problem wird anhand der Geschichte von amtlichen Akteneditionen hauptsächlich in den letzten zwei Jahrhunderten exemplifiziert. Dabei werden nicht nur staatliche Zensoren betrachtet, sondern ebenfalls die Historiker, die im Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlicher Ethik und Staatsräson die Professionalisierung ihres Berufs voranschreiten lassen konnten. Die Verwissenschaftlichung der Editionspraktiken stand im Banne der Kriegsschuldkontroverse. Nach dem Ersten Weltkrieg, in einem regelrechten «Krieg der Dokumente», zwang der Druck, den die Publikation der deutschen Akten im Ausland erzeugte, die britische und die französische Regierung ihre Archive ebenfalls schrittweise zu öffnen. Im Zweiten Weltkrieg erhielt die Archivfrage nochmals politische Bedeutung, als die Armeen der USA und Grossbritanniens die Erbeutung deutscher Archive durchführten. Aus dem zunächst rein nachrichtendienstlichen Projekt folgte im Kalten Krieg das historische Editionsunternehmen der Documents on German Foreign Policy, wo historische Quellen auch als Instrument der Propaganda benutzt wurden. Anhand neu zugänglicher Archivmaterialien und einer breiten Anzahl von Beispielen versucht diese Studie das Verhältnis zwischen Geschichte und Politik empirisch zu diskutieren. Während über methodische Grundsätze wissenschaftlicher Quelleneditionen eine breite Literatur zur Verfügung steht, gibt es zur Geschichte und zum Quellenwert grosser Editionen aussenpolitischer Akten, ausser Rezensionen, nur wenig Forschungsliteratur. Quellenmässig wurde die Arbeit sowohl auf private als auch staatliche Akten und Korrespondenzen von Historikern aufgebaut, sowie auf amtliches Aktenmaterial im Schweizerischen Bundesarchiv und in den National Archives in Washington, DC. Die Akten der Herausgeber lieferten nicht nur Belege für Konflikte mit dem zensierenden Staat, sondern zeigten ebenfalls die zeitgenössischen politischen Interessen auf, ein opportunes Schmieden der Historie zu forcieren.

 

Als Einstieg wurde das europäische Phänomen der Farbbücher dargestellt. Dies vermochte sowohl den Nachweis ihrer politischen Funktion als auch ihrer tagespolitisch bedingten Ausrichtung zu erbringen. «Dank» des höheren Grades der Entstellung der Farbbücher im Vergleich mit den grossen Akteneditionen ermöglichte die Betrachtung ebenfalls, leichter jene quellenkritischen Problemkomplexe aufzuspüren, welche es auch für die späteren Editionen, die wissenschaftlichen Anspruch erhoben, zu überprüfen galt: so wurden die heiklen Problemfelder der «inneren» und «äusseren» Selektion, der Edition und der Echtheit aufgezeigt.

 

Die Verwissenschaftlichung der Dokumentensammlungen zur Aussenpolitik erfolgte, wie erwähnt, nach dem Ersten Weltkrieg im Zuge der virulent geführten Kriegsschuldkontroverse, als amtliches Material derart diskreditiert erschien, dass es seine legitimatorische Funktion nicht mehr durchzusetzen vermochte, und die deutsche Regierung das Publikationsunternehmen der Grossen Politik der Europäischen Kabinette beschloss, um dadurch eine Entlastung der deutschen Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu erreichen. Dabei steuerte, kontrollierte, zensierte und genehmigte das Auswärtige Amt verschiedene Publikationen. Die revisionistischen Erfolge der deutschen Edition zwangen die britische und die französische Regierung, ihre eigenen Editionen in Angriff zu nehmen. Während die europäischen Weltkriegsserien aus dem aussenpolitischen Legitimationsbedürfnis heraus entstanden waren, richtete sich die amerikanische Edition der Foreign Relations of the United States in ihrer Entstehungsphase primär an den Kongress und diente juristischen Bedürfnissen. Auch diese Serie unterlag aber der gleichen Professionalisierungstendenz wie die europäischen Editionen in den zwanziger Jahren; ebenfalls wurde ihr die aussenpolitische Instrumentalisierung nicht erspart. So sahen sich in der Zwischenkriegszeit alle Regierungen gezwungen, die obsolet gewordene Tradition manipulierter Farbbücher aufzugeben, und ihren Dokumentensammlungen durch Beizug von professionellen Historikern im staatlichen Dienst ein höheres Mass an Legitimität zu verschaffen. Als Beamte unterstanden sie aber auch den Vorgaben des Departements, das besonders für die innere Selektion verbindliche Richtlinien erliess. Um ihrem Berufsethos nachleben zu können, suchten und fanden diese verbeamteten Historiker Unterstützung bei ihren Fachverbänden. Innerdepartementale Widerstände vermochten die Historiker manchmal noch zu überwinden, nicht jedoch die Freigabe wichtiger Quellen anderer relevanten Dienststellen (Militär, CIA) zu erreichen. Als weniger gravierend erwiesen sich Einflussnahmen im Rahmen der äusseren Selektion, sie bewirkten meist bloss eine Verzögerung der Publikation, so beispielsweise Churchills Widerstand gegen die Publikation von Akten zur Pariser Friedenskonferenz 1919.

 

Die Arbeit fokussiert ferner auf die Editionsgeschichte der Documents on German Foreign Policy. Gewarnt durch das Beispiel der Grossen Politik sollte den Historikern für die Selektion nun freie Hand gelassen werden, die Edition «in accordance with the best criteria of historical research» erfolgen. Bedeutsam an diesem Unternehmen war auch die internationale Herausgeberschaft. Nachdem die Briten von Beginn weg beteiligt waren, stiess 1947 auch Frankreich dazu. Die Sowjetunion zeigte wider ursprünglichen Erwartungen kein Interesse an einer Mitarbeit. Dagegen bedurfte es eines langen Weges, um die Akten an den allseits als rechtmässig erachteten Eigentümer, an die neu konstituierte und jetzt auch verbündete Bundesrepublik Deutschland, zurückzugeben. Eine Gruppe germanophober, durch die Kriegsschuldkontroverse geprägter britischer Historiker entwickelte hinhaltenden Widerstand und vermochte die Rückgabe und den Beizug deutscher Historiker zum Herausgebergremium bis Anfangs der sechziger Jahre hinauszuzögern. Allerdings deuten gewichtige Indizien auf eine keineswegs vollständige Rückgabe der erbeuteten Akten.

 

Die Sicherung von deutschen Akten im Zweiten Weltkrieg diente amerikanischerseits zuerst primär nachrichtendienstlichen Zwecken, aber auch ökonomischen Interessen. Sie war ferner durch die geplanten Kriegsverbrecherprozesse und die Entnazifizierung motiviert. Gegenüber den Neutralen wurden die erbeuteten Akten aber schon früh in der Manier der Farbbücher politisch eingesetzt, wenn auch mit geringem Erfolg. Für die Briten stand von Beginn weg mehr die Kriegsschuldfrage im Vordergrund. Interessante Erkenntnisse liefert der Umgang mit den Partnern der Allianz: Während die Militärs recht lange für die gleichberechtigte Beteiligung der sowjetischen und französischen Seite plädierten, sperrten sich die politischen Behörden dagegen. Immerhin ging man mit für die Sowjetunion peinlichen Aktenfunden zunächst äusserst diskret vor; die Akten zu den geheimen Zusatzprotokollen des Hitler-Stalin-Paktes wurden dem Nürnberger Gerichtshof noch einvernehmlich vorenthalten. Von einem propagandistischen Umgang mit den Akten zeugt aber die 1948 erfolgte vorzeitige Publikation eines Bandes über die Nazi-Soviet Relations: der fertiggestellte Band wurde erst ausgeliefert, nachdem auch die Londoner Aussenministerkonferenz im Herbst 1947 gescheitert und die Gründung eines separaten deutschen Weststaates unvermeidlich geworden war.

 

Im Unterschied zu den grossen Serien der Zwischenkriegszeit vermochten sich nach 1945 die professionellen Historiker der von den Alliierten aus der erbeuteten deutschen Aktenmasse herausgegebenen Documents on German Foreign Policy die Zusicherung zu erkämpfen, dass Selektion und Edition allein wissenschaftlichen Kriterien folgen und in der Verantwortung der Historiker liegen würden. Dabei liefert die Rezeption dieser Edition durch die neutrale Schweiz Einsicht ins Spannungsfeld zwischen Politik und Wissenschaft, exemplifiziert anhand der Versuche des Bundesrates, Einfluss auf die Aktenselektion zu nehmen. Dies war eine für die Neutralitätskonzeption funktionale Obstruktion gegen eine kritische und unabhängige Aufarbeitung der Zeitgeschichte. Dabei schreckte das Eidgenössische Politische Departement unter der Führung von Bundesrat Max Petitpierre nicht vor Intrigen gegen Forscher zurück, damit diesen von den Alliierten die Akteneinsicht verwehrt wurde. Der zunehmend von aussen auf der Schweiz lastende Druck nach einer «Vergangenheitsbewältigung» durch die Enthüllungen der Documents on German Foreign Policy wurde im Innern durch selektiven und kontrollierten Aktenzugang im amtlichen Auftrag ausgeglichen (Berichte-Praxis). Als die alliierten Herausgeber im Frühjahr 1961 dennoch die Veröffentlichung der Akten zur geheimen franco-helvetischen Militärkooperation von 1939/40 erreichten, gelang es dem Bundesrat erfolgreich, die gefürchtete Guisan-Affäre in eine Wille-Affäre zu transformieren. Erst als das militärische Neutralitätsgeheimnis der franco-helvetischen Militärkooperation ohne den gefürchteten Schaden gelüftet worden war, und unter dem Druck der mangels Archivzuganges in der Schweiz zwangsläufig spekulativen Abhandlungen, liess sich der Bundesrat bewegen, die Bahn für eine – zwar priviligierte – Erforschung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges durch den bereits «bewährten» Historiker Edgar Bonjour frei zu geben. Die in den fünfziger Jahren auf der politischen Ebene der westalliierten Aussenministerien erstaunlich rezeptive Bereitschaft gegenüber der Schweiz, das Neutralitätsgeheimnis der franco-helvetischen Militärkooperation zu bewahren, deutet zumindest bei den Amerikanern auf ihr Interesse, die bereits strapazierten Beziehungen mit der Schweiz nicht zu verschlechtern. Die Interventionen der NATO zeigen indirekt die militärische Bedeutung, welche der neutralen und wehrbereiten Schweiz als Lücke im eigenen Verteidigungsdispositiv beigemessen wurde. Die von Bundesrat Petitpierre angeführte Argumentation und gleichzeitiger Wink an die Adresse der Alliierten, eine Preisgabe des Guisan’schen Kooperationsgeheimnisses würde es der Schweiz verunmöglichen, in einem zukünftigen Krieg dasselbe zu tun - im Klartext: eine Kooperation mit der NATO für den Fall eines sowjetischen Angriffes abzuschliessen - wurde prompt rezipiert und war in der bipolaren Logik des Kalten Krieges u.a. Grund genug, schweizerischen Diskretionswünschen entgegenzukommen.

 

Das Kapitel über die Schweiz ist bereits als Monographie erschienen:

Sacha Zala, Gebändigte Geschichte. Amtliche Historiographie und ihr Malaise mit der Geschichte der Neutralität. 1945-1961, Bern 1998 (Reihe Dossiers des Schweizerischen Bundesarchivs, Bd. 7), EDMZ Nr. 304.206.

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