Minderheiten zwischen Anerkennung, Verweigerung und Indifferenz. Eine Analyse direktdemokratischer Entscheidungen im Kanton Graubünden von 1860 bis 2009

AutorIn Name
Rudolf
Haltiner
Academic writing genre
PhD thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Siegfried
Weichlein
Institution
Seminar für Zeitgeschichte
Place
Fribourg
Year
2024/2025
Abstract

Die Politikwissenschaft hat in den letzten drei Jahrzehnten eine umfangreiche Forschungstätigkeit zum Thema direkte Demokratie und Minderheiten entwickelt. Dabei geht es vornehmlich um die Frage, inwieweit die direkte Demokratie für betroffene Minderheiten eine Chance oder eine Gefahr darstellt. Diese Forschung wird hier einerseits um eine neue Fragestellung und andererseits um die historische Perspektive erweitert. Im Fokus steht jetzt nicht mehr die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheiten, sondern nach der Anerkennung von Minderheitenanliegen durch andere Minderheiten. Dahinter steckt die Alltagshypothese, dass Minderheiten gegenüber anderen Minderheiten eine besonders ausgeprägte Anerkennungsbereitschaft aufweisen müssten, da sie ja aus eigener Erfahrung wissen, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu sein. Zusätzlich soll geklärt werden, ob sich die Anerkennungsbereitschaft in den letzten 150 Jahren in auffälliger Weise verändert hat, und wie sich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen auf die Anerkennungsbereitschaft für Minderheitenanliegen auswirkten.

 

Ausgangspunkt der Untersuchung bilden drei Hypothesen zu Effekten auf die Anerkennungsbereitschaft, zum Zusammenhang zwischen Minderheitsausprägung und Anerkennungsbereitschaft sowie zum Einfluss des historischen Kontexts. Zu deren Überprüfung stehen elf eidgenössische und sieben kantonale Volksabstimmungen im stark zergliederten und mit mehreren sprachlichen und konfessionellen Minderheiten bevölkerten Kanton Graubünden zur Verfügung. Zur Analyse der Abstimmungsresultate dienen varianz- und regressionsanalytische Methoden, mit denen Varianzen bei den Abstimmungsresultaten zwischen Gemeinden bzw. Minderheitsregionen, Korrelationen zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen sowie die Ausprägung von Effekten auf die Abstimmungsresultate berechnet werden. Die Interpretation der berechneten Differenzen baut auf Archivquellen auf und wird mit Debattenbeiträgen in der deutsch-, italienisch- und romanischsprachigen Presse angereichert und durch den historischen Kontext ergänzt.

 

Die Untersuchung zeigt, dass die Anerkennungsbereitschaft für Anliegen anderer Minderheiten einerseits vom eigenen Minderheitsempfinden und andererseits vom thematischen Inhalt abhing. Von den untersuchten Einflussfaktoren übten die Konfession und die Stimmbeteiligung den grössten Einfluss auf die Abstimmungsresultate aus. Insbesondere gegenüber den Ansprüchen nach sprachlicher Förderung lag die Anerkennungsbereitschaft in den italienischsprachigen Regionen tiefer als in den romanischsprachigen, aber immerhin noch höher als in den deutschsprachigen Regionen. Bezogen auf die untersuchten Zeitperioden erreichte die Anerkennungsbereitschaft zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Ölkrise der 1970er-Jahre einen Tiefpunkt. Auch zeigen sich in dieser und auch in der vorausgegangenen Zeitperiode zwischen den einzelnen Minderheitsregionen Graubündens die grössten Differenzen. Zwar wiesen während aller Zeitperioden die romanisch- und auch die italienischsprachigen Regionen eine höhere Anerkennungsbereitschaft als die deutschsprachige Mehrheit auf, doch sanken diese Werte nach dem Zweiten Weltkrieg in einzelnen italofonen Regionen noch unter jene der deutschsprachigen Regionen. Dieser Befund lässt sich u. a. mit dem grossen Einfluss von kirchlichen und parteipolitischen Meinungsführern erklären.

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