Kontinuierliche Beobachtungen, sorgfältige Versuche, nutzbare Erfahrungen. Entstehungsgeschichte und Tätigkeit der Versuchsstation und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil

AutorIn Name
Stefan
Jampen
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Rohr
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2022/2023
Abstract

Im Kontext der Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs auch in der Schweiz mehr und mehr das Bedürfnis nach spezialisierten Institutionen, welche sich konstant und auf wissenschaftlicher Basis mit Herausforderungen und Fragen spezifischer Teilbereiche der Landwirtschaft befassten und dadurch für die Praxis relevante Ergebnisse bereitstellten. Auch im Bereich des Obst-, Wein- und Gartenbaus drängte sich eine Ausbildungsstätte und damit verbunden eine wissenschaftliche Versuchsanstalt auf. Die Vorbereitungen für die Schaffung einer solchen Institution wurden als gemeinsames Projekt von mehreren Deutschschweizer Kantonen aufgenommen, welche sich zu diesem Zweck in einem Konkordat zusammenfanden und per 1. September 1890 die Deutsch-schweizerische Versuchsstation und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil eröffneten.

Die Institution war sowohl im Bereich der Bildung als auch der Forschung sehr aktiv. In der Forschungstätigkeit befassten sich die Mitglieder der Einrichtung ausführlich mit aktuellen Problemstellungen. Sowohl im Obst- als auch im Wein- und Gartenbau wurden Themen bearbeitet, die vom Anbau verschiedener Kulturen bis zu deren Ernte und Verwertung respektive Vermarktung reichten. Auch die Kommunikation der gewonnenen Erkenntnisse zur praktischen Anwendung und gleichzeitigen Weiterentwicklung war ein wichtiger Bestandteil der Tätigkeit agrarwissenschaftlicher Forschungseinrichtungen wie jener in Wädenswil. Durch die Publikation von Resultaten und Empfehlungen wurden die generierten Erkenntnisse für die Praxis nutzbar.

Für die Bereiche des Obst-, Wein- und Gartenbaus wurden in der Masterarbeit die im Untersuchungszeitraum relevanten Periodika Schweizerische Zeitschrift für Obst- und Weinbau, Der schweizerische Gartenbau und Schweizerische Landwirtschaftliche Zeitschrift untersucht. In diesen Publikationen äusserten sich verschiedene Akteure zu aktuellen Herausforderungen, wobei sie sich dadurch am Diskurs um optimierte landwirtschaftliche Praxis beteiligten. Die Zeitschriften dienten dabei als Medium der Verwissenschaftlichung: Sie boten eine Plattform für die diskursive Weiterentwicklung von Wissen. Diese wurde sowohl von Forschenden als auch von Personen aus der landwirtschaftlichen Praxis vorangetrieben und unterhalten. Die Forscher nahmen in diesem Prozess jedoch keine topdown-Rolle ein, sondern waren vielmehr Teil einer diskursiven Wissensproduktion, an welcher sich auch Bauern, Gärtner und weitere Interessierte beteiligten.

Die drei untersuchten Periodika behandelten teilweise dieselben Themen, was ein Indiz dafür ist, dass es sich bei diesen um wichtige Herausforderungen im entsprechenden Bereich der Landwirtschaft handelte. Die Suche nach einer Kultur, welche die anfällige Kartoffel zumindest teilweise ersetzen konnte, die Reduktion von Kosten und Krankheiten durch möglichst ideal imprägnierte Rebpfähle sowie Fragen der richtigen Ernährung bestimmter Pflanzen sind Beispiele dafür. Zudem zeigen solche Überschneidungen, dass sich sowohl diese Medien als auch die darin publizierenden Autoren mit unterschiedlichen Hintergründen am selben Diskurs um die Verbesserung der landwirtschaftlichen Praxis im Bereich des Obst-, Wein- und Gartenbaus beteiligten. Auf allgemeinerer Ebene lassen sich drei grössere Problemstränge erkennen, welche in der untersuchten Zeitspanne prägend für diesen Diskurs waren: erstens die Ernährung und Pflege der kultivierten Pflanzen, zweitens deren Feinde und Krankheiten wie auch die Bekämpfung derselben sowie drittens eine generelle Produktionssteigerung.

Der Umwelthistoriker Frank Uekötter schlug vor, den Zeitraum am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert als Sattelzeit einer Umweltgeschichte der Landwirtschaft zu lesen, da die Umweltauswirkungen der heutigen Landwirtschaft stark mit dem ihr zugrunde liegenden Wissenssystem verbunden sind. Inwiefern die Weichen in Richtung der aktuellen „intensivlandwirtschaftlichen Wissensgesellschaft“ in der Zeit zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und zirka 1930 gestellt wurden, kann für die Institution in Wädenswil nicht genau beantwortet werden. Nur mit einem erweiterten Untersuchungszeitraum könnten zusätzliche Erkenntnisse zu Uekötters These gewonnen werden.

Für die Zeit zwischen 1890 und 1902 hat sich gezeigt, dass sich die Wädenswiler Institution an der diskursiven Erarbeitung und Etablierung des intensivlandwirtschaftlichen Wissenssystems beteiligte und damit eine Grundlage für dessen weitere Entwicklung bis heute legte. Durch kontinuierliche Beobachtungen und sorgfältige Versuche strebten der Direktor Hermann Müller-Thurgau und sein Team in einem gut vernetzten Umfeld nach nutzbaren Erfahrungen, die der landwirtschaftlichen Praxis dienlich waren und daher auch für die Lösung virulenter Herausforderungen herangezogen wurden.

 

Publikation: https://boris.unibe.ch/164440/

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