In den Drei Bünden erschwerte die starke kommunale Bewegung des 16. Jahrhunderts, in deren Verlaufe das gemeindekirchliche Prinzip institutionalisiert und die bischöflichen Herrschaftsrechte weitgehend zurückgedrängt wurden, die vom Konzil von Trient geforderte Erneuerung des kirchlich-religiösen Lebens massgeblich.
Durchsetzungsfähige Reformbemühungen seitens der Churer Bischöfe lassen sich erst in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausmachen. Es geschah dies just zu einem Zeitpunkt, als in den Wirren des Dreissigjährigen Krieges die europäischen Grossmächte den Kampf um die Vormachtstellung in Europa auch im rätischen Alpenraum austrugen. Ausgehend von dieser Beobachtung fragt die Studie nach den möglichen Zusammenhängen zwischen der bischöflichen Aussenverflechtung und der spezifischen Prägung der katholischen Reform in den Drei Bünden. Fokussiert wird dabei auf die besonders intensiven Aussenbeziehungen des Reformbischofs Johann VI. Flugi von Aspermont (1636-1661). Es wird danach gefragt, inwiefern die Aussenverflechtungen Flugis die Handlungsspielräume der mittelbar oder unmittelbar an der katholischen Reform beteiligten Akteure zu strukturieren vermochten. So interessiert insbesondere, welche materiellen, politischen und sozialen Ressourcen der Churer Bischof aus grenzüberschreitenden Beziehungsgeflechten zu generieren vermochte und inwieweit er diese Ressourcen einsetzen konnte, um die in den Drei Bünden massgebenden gesellschaftlichen Kräfte für seine Reformvorhaben zu gewinnen.
In einem ersten Teil wird dargestellt, wie der Churer Reformbischof über das Ordensnetzwerk der Kapuziner, über seinen Neffen sowie über seinen persönlichen Agenten in Rom Beziehungskanäle zu einzelnen Mitgliedern der römischen Kurie aufzubauen versuchte, um dadurch finanzielle Ressourcen wie zum Beispiel Stipendien einerseits, und Kontakte zu Vertretern europäischer Fürstenhäuser andererseits aktivieren zu können. Dabei handelte Johann VI. nicht nur nach rein religionspolitischen Gesichtspunkten, sondern war in seiner Rolle als Vorsteher eines adligen Familienverbandes darüber hinaus bedacht, seine Verwandtschaft an dem aus seinem römischen Beziehungsnetzwerk mobilisierten Sozialund Ehrkapital teilhaben zu lassen.
Anhand der Beziehung zwischen Johann VI. und dem Mailänder Erzbischof Cesare Monti zeigt das zweite Kapitel des Darstellungsteils exemplarisch auf, dass die römische Kurie dem Churer Bischof über ihr kirchliches Netzwerk finanzielle und politische Unterstützung zu vermitteln in der Lage war. So trug die Propagandakongregation dem Mailänder Erzbischof auf, Einkünfte aus dem Erzbistum der rätischen Kapuzinermission zukommen zu lassen und über seine Kontakte zum Gouverneur von Mailand und zu einzelnen Senatoren Einfluss auf die spanisch-mailändische Religionspolitik in den Drei Bünden zu nehmen. Für Johann VI. stellte der Kontakt zu Monti infolgedessen einen beträchtlichen Zugewinn an mikropolitischem Vermittlungspotential dar, konnte er doch über diesen Mittelsmann die Vergabe von mailändischen Studienplätzen und Militärstellen zu beeinflussen versuchen. Dadurch wurde es ihm möglich, sich führende Bündner als Klienten zu verpflichten und so seinen kirchlichen Reformvorhaben gesellschaftliche Durchsetzungskraft zu verschaffen.
Im dritten Teil steht die Rolle der in den Drei Bünden tätigen Kapuzinermissionare für die Aufrechterhaltung der grenzüberschreitenden Beziehungsgeflechte Johanns VI. zur Diskussion. Da die Kapuziner zum Grossteil aus Norditalien stammten und von Mailand sowie von der österreichischen Erzherzogin Claudia de Medici unterstützt wurden, erwiesen sie sich als ideale Mittlerfiguren zwischen fremden Mächten und dem Churer Bischof. Dieser wusste die Kapuziner denn auch regelmässig für Informantenund Botendienste in Innsbruck, Rom und Mailand einzusetzen, um damit externe weltliche Unterstützung für seine Reformvorhaben zu mobilisieren.
Das abschliessende Kapitel widmet sich der politischen Aussenorientierung Johanns VI. Sowohl der mailändische Gesandte Francesco Casati als auch die französischen Ambassadoren in Solothurn priesen ihm ihre königlichen Dienstherren als Förderer und Verteidiger des Bündner Katholizismus an. Diese Konkurrenzsituation der beiden Kronen ermöglichte dem Churer Bischof eine weitgehende Opportunität bei seiner Aussenorientierung: Bezog Johann VI. bei seiner Wahl zum Bischof noch finanzielle Unterstützung aus Frankreich, so setzte er bezeichnenderweise nach dem Bündnis zwischen Spanien und den Drei Bünden von 1639 vermehrt auf seine Beziehungen zu Mailand, auch wenn er weiterhin den Kontakt zum französischen Repräsentanten pflegte.
Katholische Reform und Aussenverflechtung in den Drei Bünden. Der Churer Bischof Johann VI. Flugi von Aspermont (1636-1661) und seine Einbindung in grenzüberschreitende Beziehungsnetzwerke
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Windler
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2010/2011
Abstract