Institutionelle Prozesse in einer Anstalt für Geisteskranke zwischen 1847 und 1879. Am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt St. Priminsberg in Pfäfers SG

AutorIn Name
Annemarie
Weder-Rupp
Academic writing genre
Licenciate thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Philipp
Sarasin
Institution
Neuzeit
Place
Zürich
Year
2013/2014
Abstract
Ausgelöst durch Reformbewegungen in der „Irrenfrage“ am Ende des 18. Jahrhunderts, die von England und Frankreich ausgingen, begann sich die Idee eines humanitäre(re)n Umgangs mit Geisteskranken Mitte des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz durchzusetzen. Neue medizinische Erkenntnisse trugen dazu bei, dass in der sich etablierenden bürgerlichen Gesellschaft immer mehr die Medizin statt wie bisher vorwiegend die Religion zum zentralen Referenzsystem avancierte. Ärzte gelangten so rasch zu einer grossen Klientel und enormem Einfluss. Dies trifft in ausgeprägter Weise auf die Ärzte im noch jungen medizinischen Fachgebiet der Psychiatrie zu. Diese fällten mit ihrer Diagnose „gesund“ respektive „krank“ nicht zuletzt auch ein Urteil über die Mündigkeit einzelner Bürger und damit über deren Status in Staat und Gesellschaft. Die 1847 eröffnete Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg in Pfäfers/SG ist die erste kantonale psychiatrische Anstalt in der Deutschschweiz, die nicht einem Kantons- oder Bürgerspital angegliedert war. Sie stellte (nach Eröffnung des „Asile des Vernets“/GE im Jahr 1838) die zweite staatliche Einrichtung in der Schweiz dar, welche sich ausschliesslich um die Versorgung Geisteskranker kümmerte. Dies zu einer Zeit, in der die Stellung der Diagnose „geisteskrank“ noch auf äusserst vagen Kriterien beruhte, die Ausbildung der Ärzteschaft selbst noch in den Kinderschuhen steckte, sich die Vertreter des Fachs noch nicht auf ein verbindliches nosologisches Ordnungsschema der unterschiedlichen Formen von Geisteskrankheit geeinigt hatten und es bis zur Einrichtung der ersten Professur für Psychiatrie in der Schweiz im Jahr 1870 noch eine Weile dauern sollte. Die Verabreichung der meisten Arzneimittel sowie die Anwendung der gewählten Behandlungsmethoden basierten damals mehr auf einem Experimentieren denn auf einem Zurückgreifen auf bewährte, gefestigte Erfahrung. Vor diesen Hintergründen der ersten Jahrzehnte in der schweizerischen Anstaltspsychiatrie untersuche ich die institutionellen Prozesse der Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg zwischen 1847 und 1879. Da diesen innerbetrieblichen Prozessen häufig äussere Einflüsse zu Grunde lagen, werden auch Bezüge zu den tangierenden externen Vorgängen hergestellt. Es interessieren mich insbesondere die zunehmend standardisierten Prozesse, die sich aufdrängten, um die anhaltend wachsende Zahl von Patienten und Patientinnen auf St. Pirminsberg zu verwalten. Mit dem kontinuierlichen Anstieg der versorgten Patientinnen und Patienten gingen eine Vermehrung sowie eine Diversifizierung der produzierten Akten einher. Unter ihnen spielten Formulare eine zentrale Rolle. Nach der Einführung in den 1860er Jahren wurden das Formular „Ärztlicher Bericht“ der einweisenden externen Ärzte ebenso wie das pro Patient bzw. Patientin geführte Formular „Journal“ für die Notizen der Anstaltsärzte mehrmals inhaltlich angepasst. Ich versuche einerseits, die Ursachen für die Mutationen in den Fragestellungen dieser beiden Formulare zu ergründen. Andererseits überprüfe ich, inwiefern sich die Antworten der Ausfüllenden durch den Einsatz der Formulare im Vergleich zu den früheren Angaben in Prosaform veränderten. Doch bringen stets umfangreicher und strukturierter erfasste und gesammelte Informationen zwangsläufig eine erhöhte Aussagekraft mit sich? Wie sich das Verfassen all dieser Dokumente auf die Patientinnen und Patienten auswirkte und wozu das Aktenmehr überhaupt nützte – sei es beim Aufnahmeverfahren, während des Klinikaufenthalts oder nach dem Verlassen der Anstalt – sind weitere an den Quellenkorpus gerichtete Fragen. Im gewählten Untersuchungszeitraum lösten sich vier Ärzte in der Leitung der Institution ab. Als weiterer Aspekt institutioneller Prozesse interessieren mich daher Unterschiede in der Amtsführung, sowohl in medizinischer wie ökonomischer Hinsicht. Antworten auf diese Fragen liefern Recherchen in den Aktenbeständen der St. Gallischen Psychiatrie-Dienste Süd sowie in zeitgenössischen Patienten- und Patientinnenunterlagen der Klinik St. Pirminsberg.

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