Im kolonialen Blick: Krankheit, Hygiene und Geschlecht in Südindien

AutorIn Name
Chiara
Neuhaus
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christof
Dejung
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2020/2021
Abstract


Missionsangehörige beeinflussten mit zahlreichen Berichten über ihre Erfahrungen in den Kolonien massgeblich das Bild, das man sich in der Schweiz von «nichtchristlichen» Gesellschaften machte. Meist stammten diese Berichte von männlichen Missionaren – die Genferin Eva Lombard war eine der wenigen Frauen, welche von einer Missionsgesellschaft ausgesandt wurde. Sie berichtete regelmässig in die Heimat und war ausserdem die allererste Frau, die in ihrer Funktion als autonome Ärztin unter Führung einer Schweizer Mission ausgesandt wurde. Die vorliegende Masterarbeit untersucht den Quellenbestand zu Eva Lombard im Basler Missionsarchiv, mit Fokus auf die ersten zehn Jahre ihres Wirkens in Indien.

Eva Lombards Bestimmungsort war das kleine Städtchen Udipi an der Südwestküste Indiens. Zum Zeitpunkt der Ausreise im Jahr 1921 war sie 31-jährig und für die Kanaresische Mission tätig, die sich von der Basler Mission abgespalten hatte. Sie verwaltete ehemalige indische Gebiete der Basler Mission, die auf Druck der britischen Regierung im Ersten Weltkrieg aufgegeben werden mussten.

Nach einem «Lehrjahr» in einem britischen Missionskrankenhaus, gründete Lombard 1923
ein eigenes Frauenspital. 1927 absorbierte die Basler Mission die Westschweizer Splittergruppe. Eva Lombard trat 1929 der Muttermission bei und stand dem von ihr gegründeten Spital bis ins Jahr 1954 vor. Beziehungen von Frau zu Frau stehen im Zentrum der vorliegenden Arbeit. Das Untersuchungsfeld liegt im Komplex zwischen Geschlecht, Kaste, Religion, «Rasse» und Medizin. Im Fokus der vorliegenden Arbeit steht dabei die zentrale Frage nach der Darstellung und Deutung indischer Frauengesundheit in den Quellen von Eva Lombard.

Dazu wird zuerst der praktische Aufbau des Frauenspitals mit Schwerpunkt auf der internen Organisationsstruktur, der Finanzierung, der Konkurrenz anderer Gesundheitseinrichtungen sowie der Haltung der lokalen Bevölkerung gegenüber der Institution untersucht. Die Quellenanalyse zeigt, dass die Fokussierung des Missionsspitals auf Frauengesundheit einen Versuch darstellte, eine Lücke der medizinischen Versorgung von südindischen Frauen zu füllen. Ausserdem dokumentiert die Untersuchung die unterschiedlichen Aufgaben des Spitals. Neben der Funktion als Gesundheitseinrichtung war das Spital primär eine Missionsinstitution, die sich als Kernaufgabe die christliche Missionierung der vornehmlich hinduistischen Bevölkerung vornahm. Daran geknüpft folgten weitere Aufgabengebiete: Das Spital fungierte als «Bindungsinstitution» für bereits christianisierte Inder*innen. Es bot zudem optimale Rahmenbedingungen für das Vorantreiben der «Zivilisierungsmission»; so fanden Kurse zur «Erziehungsarbeit» im Feld der «Hygiene» für junge indische Frauen statt. Das Vertrauen in die Institution wuchs über die untersuchten Jahre; als wichtiges Hilfsmittel um allfällige Berührungsängste mit «westlicher» Medizin abzubauen, erwiesen sich Hausbesuche. Das Frauenspital war zwar oft nicht die erste Wahl für eine Behandlung – dies jedoch nicht, weil die praktizierte «westliche» Medizin auf breite Ablehnung stiess, sondern weil primär der Einfluss der christlichen Propaganda im Spital gefürchtet wurde.

Die vorliegende Masterarbeit analysiert ferner kulturell und religiös eingebettete Körper- und Hygienevorstellungen und ergründet koloniale Austauschprozesse. Die Arbeit greift dafür auf das Konzept der Intersektionalität zurück, welches von der Verschränkung verschiedener sozialer Differenzkategorien ausgeht. Nicht nur Geschlecht, sondern auch Klasse, «Rasse» und Kaste stellten für die Machtverhältnisse im kolonialen Umfeld des Spitals zentrale Kategorien dar. Besonders spannend zeigt sich in der Quellenuntersuchung die unterschiedliche Art der Interaktion von Lombard mit Frauen aus höheren Gesellschaftsschichten gegenüber solchen aus niedrigeren Schichten. Generell ist das gezeichnete Bild von indischen Frauen niederer Kaste und Klasse von Brüchen gekennzeichnet. Diese Frauen wurden im selben Quellenbestand einmal als passive Opfer, als «Mittäterinnen» bei sozio-religiöser Gewalt und als machtvolle Akteurinnen bei einer gesamtgesellschaftlichen Transformation dargestellt. Wie aus der Untersuchung hervorging, versprach sich Eva Lombard durch die Zusammenarbeit mit Frauen aus höheren Schichten zu einem Wandel der indischen Gesellschaft gemäss ihrem Fortschrittsideal beitragen zu können. Ihnen attestierte sie den Bildungshintergrund und die zu ihrer Schicht gehörenden Normen und Moralvorstellungen, die für eine wirkliche Verankerung des christlichen Fortschrittsideals benötigt wurden. Bei der Missionierung – sowie beim Versuch, Ideen von «Fortschritt» in der indischen Gesellschaft zu verwirklichen – erwiesen sich demnach Klassenzugehörigkeit, der soziale Stand des Individuums und der damit verbundene Bildungshintergrund als bedeutende Faktoren. Die Arbeit untersucht, wie diese Aspekte mit dem Konzept Geschlecht zusammenhängen.

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