Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Julia
Richers
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2017/2018
Abstract
Am 26. April 1986 ereignete sich im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl die zum damaligen Zeitpunkt weltweit schlimmste Reaktorkatastrophe. Der Versuch der sowjetischen Behörden, den Super-GAU geheim zu halten, scheiterte an der „radioaktiven Wolke“, dem Fallout der Explosion, die im schwedischen AKW Forsmark den Strahlenalarm auslöste und ihre radioaktive Fracht in den folgenden Tagen über fast ganz Europa verteilte.
Die Radioaktivität an sich entzieht sich jedoch unserer sinnlichen Wahrnehmung und damit auch einer abbildhaften Darstellung. Im spezifischen Fall von Tschernobyl akzentuierte sich diese „Unsichtbarkeit“ zusätzlich durch die anfangs inexistente und danach selektive Bildfreigabe der Sowjetunion sowie durch die teilweise berechtige Skepsis der westlichen Medien bezüglich der Authentizität dieser Aufnahmen, weshalb nur ein Bruchteil der erhaltenen Bilder abgedruckt wurde.
Die westliche Moderne ist seit der Renaissance und trotz den wiederholt formulierten Zweifeln an der Möglichkeit, die „Realität“ in ihrem Wesen sinnlich zu erfassen, bis heute geprägt vom Primat des Sehsinnes als Grundlage von Erkenntnis. Auch lässt sich gerade im Hinblick auf die „Atombilder“ aufzeigen, wie (mentale) Bilder oft dem wissenschaftlichen Nachweis oder der technischen Realisierung von Anwendungsmöglichkeiten vorausgingen und, die jeweiligen Erwartungen und Einschätzungen prägend, direkt oder indirekt auf die (historische) Wirklichkeit einwirk(t)en.
So zeigte sich beispielsweise, dass das apokalyptische Potenzial einer atomaren Katastrophe lange primär als von der Atombombe bzw. dem Atomkrieg ausgehend imaginiert worden war. Im Zuge der Atomdebatten ab den 1970er Jahren wurde die dichotome Konzeption des „friedlichen“ und des „kriegerischen“ Atoms zwar aufgeweicht, in den populärkulturellen Auseinandersetzungen blieb der Super-GAU allerdings nur angedeutet.
Unter Berücksichtigung dieser generativen Kraft der Bilder wurde exemplarisch die Bild berichterstattung von insgesamt sieben Presseorganen aus der Deutsch- und Westschweiz in den Jahren 1986 bis 2006 zum Super-GAU in Tschernobyl analysiert. Über diesen Zeitraum von 20 Jahren konnten mittels seriell-ikonografischem Verfahren die Sichtbarkeitskonjunkturen der Reaktorkatastrophe sowie die der einzelnen Bildmotive herausgearbeitet werden. Aufgrund der Abbildlosigkeit der Radioaktivität standen deren visuelle Spuren, die sich auf unterschiedlichen Trägermedien einschrieben, im Zentrum der nachfolgenden Einzelanalysen, die auf einer kombinierten Anwendung der semiotischen und ikonogra schen Methode basierten.
Am Ende des Untersuchungszeitraumes liess sich anstatt der typischen visuellen „Verdichtung“ in Form einer „Ikonisierung“ eine Pluralisierung der Bildmotive zu Tschernobyl beobachten. Dies ist unter anderem auf die teilweise erheblichen Verzögerungen zurückzuführen, mit denen die sowjetischen Fotogra en Eingang in das „westeuropäische“ Bildrepertoire fanden, obschon sie zumindest Ende der 1980er Jahre in der UdSSR selbst medial präsent waren. Weitgehend unsichtbar blieben während des gesamten Zeitraumes die zivilen Opfer der Katastrophe sowie insbesondere die Evakuierung der Kraftwerksiedlung Pripjat’. Diese Leerstelle kompensierten Anfang der 1990er Jahre die Fotogra en der sogenannten „Kinder von Tschernobyl“, die als faktisch einzige Opferdarstellungen allerdings umstritten waren.
Die Aufnahmen vom Katastrophengebiet selbst zeichneten sich durch ihre diffuse Temporalität aus, indem kaum Bildelemente auf die Gegenwärtigkeit oder das Andauern der Katastrophe verwiesen; ein Eindruck, den die visuelle Absenz der Opfer verstärkte. Die Indizierung der radioaktiven Gefahr erfolgte stattdessen durch die geschützten Körper der Liquidatoren sowie der Visualisierung einer postapokalyptischen Ödlandschaft, ähnlich den ktiven von einem Atomkrieg gezeichneten Landstrichen.
In den ersten Jahren nach der Katastrophe fungierte Tschernobyl als Ort, von dem aus die (aussen-) politische und kulturelle Verbundenheit der Schweiz zum restlichen Europa reflektiert und kritisiert wurde. Insbesondere in der Romandie findet sich die Vorstellung des durch Tschernobyl als Schicksalsgemeinschaft verbundenen Europas, während die Deutschschweizer Presse lediglich ironisch darauf referierte.
Für die Zeit nach 2000 zeichnete sich, durch die touristische Öffnung von Pripjat’ 2002 begünstigt, nicht nur eine Fiktionalisierung der Opfer, sondern auch eine Ästhetisierung des Katastrophenortes ab. Indem die radioaktive Gefahr vor der Kulisse einer blühenden Natur reinszeniert und fotografisch festgehalten wurde, entwickelte sich Pripjat’ zum Ort, von dem aus temporär und kontrolliert der eigene Untergang als das Andere imaginiert werden kann. Die ausgeblendeten realen Opfer sowie die als triumphierend dargestellte Natur relativieren jedoch auch die Folgen der Reaktorkatastrophe, insbesondere als sich zu dieser Zeit in Westeuropa eine Renaissance der Atomenergie abzuzeichnen begann.