In seiner Privilegienausstellung an die Angehörigen des studium aurelianense von 1337 beschrieb Philippe VI. Orléans als „la cité et estude [...], où les enfans des ducs, contes et princes, et d’autres barons, nobles, bourgois, marchans, de toutes nations, viennent pour estre entroduis ès sciences des droiz civilz et canons, neccessaires et poufitables pour le gouvernement de droiture et de raison“. Damit werden die zentralen Dimensionen des vorliegenden Gegenstandes skizziert: (1.) über die Privilegierung selbst die Entstehung einer Universität aus dem Kräftespiel verschiedener gesellschaftlicher oder herrschaftlicher Akteure; (2.) die sozial herausgehobene Qualität der Klientel des Studiums von Orléans inklusive deren überregionale Herkunft und (3.) die praktische Ausrichtung eines Studiums der Rechte sowie dessen Dienstbarmachung für einen Herrscher, der seine Regierung zu rationalisieren bestrebt war.
Die Arbeit ist in den Zusammenhang der Geschichte der graduierten Gelehrten einzuordnen. Dabei interessiert besonders der Besuch sogenannter höherer Fakultäten: der Theologie, der beiden Rechte sowie der Medizin. Die Forschung zählt die Absolventen dieser Fakultäten zu den wichtigsten Modernisierungsträgern im alten Europa. Ganz explizit trifft dies auf Juristen zu. Sie gelten als die politische Funktionselite, welche sich Herrschaftsund Verwaltungswissen erwarb und herrschaftsnah handelte.
Die Rechtsschulen verdankten ihren Erfolg der praktischen Anwendbarkeit der Jurisprudenz, letztlich also der Möglichkeit erlernte Kompetenzen ökonomisch nutzbar zu machen. Eine der wichtigsten internationalen Ausbildungsstätten für Juristen ausserhalb Italiens war im Mittelalter die Universität Orléans. Sie genoss hohe Attraktivität und soziales Prestige und zog insbesondere Universitätsbesucher aus dem Nord- und Südwesten des alten Reiches an, darunter auch aus der Schweiz.
Die vorliegende Arbeit unternimmt eine systematische Analyse der Sozial- und Wirkungsgeschichte der deutschen Nation an der Universität Orléans. Die Betrachtung konzentriert sich auf Schweizer Studierende, die zwischen 1444 und 1546 in Orléans einem Rechtsstudium nachgegangen sind. Mit dem Instrumentarium der historischen Personenforschung werden die klassischen Fragen nach Frequenz, Herkunft, Status, Mobilität, Karriere und sozialer Vernetzung beantwortet.
Wie für die meisten französischen Universitäten existiert auch für Orléans keine gesamtuniversitäre Matrikel. Die Regel sind Verzeichnisse der einzelnen die Universität mittragenden ‚nationes‘, wie jene universitären Teilkörperschaften von Personen gleicher Herkunft hiessen. Für die Universität Orléans sind nur die Bücher der deutschen Nation überliefert. Deshalb konnten die französischsprachigen Schweizer, die üblicherweise der burgundischen Nation angehörten, nicht in die Untersuchung miteinbezogen werden. Wichtigste Quelle der vorliegenden Untersuchung war somit das ‚liber procuratorum nationem germanie‘. Zudem wurde die Fragestellung entsprechend fokussiert: „Wer aus dem Gebiet der heutigen Schweiz wollte als ein ‚receptus ad venerabilem nationem Al[e]manie‘ in Orléans einem Studium der Rechte nachgehen?“
Die Arbeit gliedert sich in folgende Kapitel: (1.) Geschichte der Universität Orléans, (2.) Organisation des Studiums, (3.) Behandlung der ‚klassischen Bedeutungsfrage‘ anhand von Besucherfrequenz, geographischer und sozialer Herkunft und (4.) Verdichtung von Studienmotiven und Gründen für die Wahl Orléans’ als Studienort mittels eines subjektivierenden Verfahrens. Wichtigste Ergebnisse: Die frühe Akzeptanz des gelehrten römischen Rechts führte dem Studium von Orléans rasch eine grosse Zahl von Studierenden aus den sozialen Eliten aus weiten Teilen Europas zu. Die Schweizer Studenten gelten mit ihrem Sozialprofil geradezu als repräsentativ für Orléans’ Studienklientel. Das Jusstudium, insbesondere das ‚jus civile‘, war für sie eine Bestätigung ihres gesellschaftlichen Anspruchs. Nicht zuletzt kam die praxisorientierte Rechtslehre jenen, die mit Aufgaben im Dienst des Gemeinwesens betraut waren, sehr entgegen. Aber auch die Aufstiegsorientierten in der Grauzone zwischen Adel und Nichtadel, mit betont adelsmässiger Lebenshaltung, wussten sich das Studium in Orléans nutzbar zu machen.
Die Universität Orléans war eine typische Etappenuniversität auf der adeligen Bildungsreise. Darüber hinaus bot sie ein angenehmes urbanes, spezifisch auf die auswärtige deutsche Nation ausgerichtetes Klima. Unter den Schweizern dominierten jene aus den (reichs-)städtischen Zentren Bern, Zürich und Luzern, der freien Stadt Basel sowie den fürstbischöflichen Zentren des Wallis überaus deutlich.