Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Windler
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2019/2020
Abstract
Die Art des Reisens veränderte sich durch die Zeit. Beeinflusst wurde sie von technologischen Entwicklungen, politischen Umständen, aber auch geistesgeschichtlichen Veränderungen. So wirkte sich beispielsweise die Reformation auf das religiöse Reisen aus, indem sie das Pilgern delegitimierte. Entdeckungen neuer Weltregionen, Humanismus und Aufklärung brachten die Forschungsreise hervor. Daran anschliessend postulieren historische Betrachtungen für die Frühe Neuzeit einen Übergang vom religiösen zum profan-forschenden Reisen. Die religiöse Motivation soll dabei der reinen Neugier im humanistisch-aufklärerischen Sinn gewichen sein. Dieser mit der Säkularisierungsthese in Verbindung stehende Befund wird in der hier vorgelegten Arbeit problematisiert. Zu diesem Zweck wurden Berichte von britischen Reisenden aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert auf ihren religiösen Inhalt hin untersucht. Diese Reisenden verband ihre Herkunft, ihre Zugehörigkeit zur anglikanischen Kirche sowie ihr Selbstverständnis und Vorgehen als Forschungsreisende. Weiter teilten sie das Reiseziel Palästina. Der Ablauf ihrer Reise unterschied sich äusserlich nur minimal von jener der römisch-katholischen Pilger. Sie besuchten gleichermassen die heiligen Stätten on Bethlehem bis Jerusalem, mussten sich denselben Reisestrapazen aussetzen und wurden dabei von den franziskanischen Mönchen der Kustodie Terrae Sanctae beherbergt. Der entscheidende Unterschied war ihre Reisemotivation. Katholische Reisende versprachen sich vom Besuch des Heiligen Landes Erlösung. Die britischen Reisenden hingegen wollten das biblische Palästina mit eigenen Augen sehen und mit der Bibel als Reiseführer erkunden und erforschen.
Die Quellenanalyse hat gezeigt, dass Religion in den Berichten der britischen Reisenden eine wichtige Rolle spielte. Religiöse Inhalte hatten dabei verschiedene Gestalten und Funktionen. Erstens enthielten die Reiseberichte eine Vielzahl von wörtlichen Zitaten aus der Bibel, Verweisen auf die biblische Überlieferung und biblische Begrifflichkeiten (z. B. Ortsbezeichnungen). Diese zeigten nicht nur die Bibelfestigkeit der Reisenden, sondern waren auch ein Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit der Offenbarung, wie sie der «historical criticism» und der Deismus in England zu jener Zeit in Frage stellten. Zweitens war die konfessionelle Auseinandersetzung in den Berichten omnipräsent. Den Antikatholizismus, den die Reisenden dabei bei jeder Gelegenheit äusserten, spiegelte die konfessionellen Verhältnisse in ihrem Heimatland wider. Neben den gebräuchlichen Stereotypen vom geldscheffelnden und wohlgenährten katholischen Geistlichen war der Vorwurf des Aberglaubens in den Berichten zentral. Der Heiligenkult und die Verehrung von legendären Stätten waren für die Reisenden genauso verwerflich wie die Pflege und Förderung dieser Praxis durch die franziskanischen Mönche. Die Reisenden demonstrierten mit ihrem Antikatholizismus ihre Treue zum protestantischen Glauben.
Dabei liess sich ferner eine Funktionsverschiebung bezüglich Aberglaubensvorwurf und Antikatholizismus vom frühen 18. hin zum frühen 19. Jahrhundert ausmachen.
Anhand der Bedeutung, die Religion und Konfession in ihren Reiseberichten hatten, liess sich also zeigen, dass auch britische Protestanten im 18. Jahrhundert aus frommen Motiven Palästina bereisten und sich folglich frommes und profanes Reisen vermischten. Dies brachte eine neue Art des Reisens hervor: die fromme Forschungsreise.