CfP: Zurück. Remigrieren zwischen Geschichte und Literatur

1. May 2026
Call for papers

Interdisziplinäre Tagung, Universität Bern, 8.–10. Oktober 2026 

Zurück. Remigrieren zwischen Geschichte und Literatur

«Remigration» wurde 2023 zum Unwort des Jahres erklärt. Die Jury befand, dass es als Kulturkampfbegriff zur Verschleierung einer menschenunwürdigen Abschiebepraxis benutzt werde. Gegenüber dieser politischen Funktionalisierung ist daran zu erinnern, dass Rückwanderungen seit jeher ein Bestandteil von Migrationsprozessen und als solche Gegenstand einer breiten Erzählpraxis sind. Rückkehrerzählungen haben individuelle Lebensläufe strukturiert, kollektiven Erinnerungen zum Ausdruck verholfen und gesellschaftliche Narrative geprägt, und sie tun dies noch heute.

Doch wer erzählt von der Rückwanderung? Wie wird das migrantische Erleben narrativ gefasst und wie wird es sozial, politisch und kulturell gedeutet? Unter welchen Bedingungen werden die entsprechenden Erzählungen tradiert oder marginalisiert? Welche Rolle spielen dabei Gattungen, Medien und Diskurse? Unter der Prämisse einer kritisch reflexiven Migrationsforschung gilt es zu hinterfragen, in welche historische Konstellationen sich die betreffenden Erzählpraxen einfügen, inwieweit sie bestehenden Macht- und Deutungsregimen gehorchen und wo sie ein Unruhepotential entfalten, das auch auf die Selbstwahrnehmung der Sesshaften zurückwirkt.

In den letzten zwei Jahrhunderten ist die Geschichte Europas von Migrationsbewegungen geprägt. Halb vergessen wurde dabei, dass der Kontinent, der sich heute von Migrant:innen bedrängt glaubt, zumal in Phasen gesellschaftlicher und politischer Umbrüche von Emigrationen gezeichnet war: von Revolutionären und Dissidenten, Kolonialisten und Siedlern in Übersee, globalen Arbeitsmigrierenden bis hin zu Vertriebenen und Kriegsflüchtlingen. Viele von ihnen träumten oder planten ihre Rückkehr. Einige traten sie auch, zumindest temporär, an. 

In einem weiten interdisziplinären Spektrum – Geschichte, Literaturwissenschaft, Ethnologie und Soziologie – bildet deshalb die Rückwanderung in die (oft nur imaginierte) Heimat ein wiederkehrendes Motiv. Zugleich ist Rückkehr jedoch eine schwer fassbare analytische Kategorie. Die Migrationsforschung hat eine Vielzahl verflochtener Dimensionen zu untersuchen: Verbindungen und (transnationale) Netzwerke von Migranten, Bedingungen für Entscheidungsprozesse zur Rückkehr, sowie nicht zuletzt Dynamiken des Ankommens und der konfliktreichen Wiedereingliederung in die Herkunftsgemeinschaft. 

Rückkehrprozesse sind ausserdem in hohem Mass krisenanfällig und von Ambivalenzen geprägt. Es ist deshalb kein Zufall, dass sie in verdichteter Weise narrativ bearbeitet werden: in Reiseberichten, Tagebüchern, (Auto-)Biographien, Memoiren, journalistischen Texten, Essays, Briefen, Briefnovellen, Romanen oder auch Dramen. Um der Schwellenerfahrung der Heimkehr eine Struktur zu geben, sind Formen und Muster der Erzählpraxis zentral. 

Eine migrantische Grunderfahrung ist in diesem Zusammenhang, dass die Rückkehr nicht zirkulär zum verlassenen Ausgangsort zurückführt, dass sie vielmehr oft einen Moment des Verfehlens markiert. Wie alle Schwellenerfahrungen wirkt sich dies zugleich rückwirkend aus: Sie nötigt dazu, auch die Vergangenheit neu zu bestimmen, und macht aus der Biographie der jeweiligen Akteure statt einer linearen Lebensbeschreibung einen diskursiv und narrativ geformten Verhandlungsgegenstand. Das Gleiche gilt für den sozialen Raum, in dem sie sich positionieren. 

Die interdisziplinäre Tagung thematisiert narrative Verfahren und Darstellungslogiken der Rückkehrerzählungen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Sie soll das Spannungsfeld ausloten, das aus der komplexen Trias von Migration, Text und Macht im Brennpunkt der biographischen Schwellenerfahrung der Rückkehr entsteht. 

Themenkomplexe
- Migrantische Texte: Selbstzeugnisse und Erzählstrategien der Rückkehr
- Absenz, Erwartungsstörung, Enttäuschung
- Erfahrungswissen der Heimkehrenden. Perspektivwechsel, Irritation und Innovation
- Intendierte Funktion und soziale Antwort auf Rückkehrerzählungen
- Sinnstiftendes Narrativ versus Disruption
- «Remigration» zwischen materiellen und diskursiven Realitäten

Auf der interdisziplinären Tagung, die vom 8. bis 10. Oktober 2026 an der Universität Bern ausgerichtet wird, möchten wir Beitragsideen des skizzierten Themenkomplexes Zurück. Remigrieren zwischen Geschichte und Literatur diskutieren und weiterentwickeln.

Die Initiatorinnen der Tagung, Agnes Gehbald (Universität Bern) und Eva Eßlinger (Universität Konstanz), laden alle Interessierten ein, bis zum 01. Mai 2026 Vorschläge, zusammen mit einem Kurz-CV, einzureichen. Die Abstracts sollten 500 Worte nicht überschreiten. Im Anschluss an die Tagung ist an die Publikation ausgewählter Beiträge gedacht, die Texte dafür sind bis Anfang 2027 fertigzustellen.

Organisiert von
Agnes Gehbald (Universität Bern) & Eva Eßlinger (Universität Konstanz)

Veranstaltungsort

Universität Bern

Kontakt

Agnes Gehbald
Sprachen der Veranstaltung
German

Zusätzliche Informationen

Kosten

CHF 0.00