Im Unterschied zu anderen Zweigen der Medizin steht die Psychiatrie nicht nur für die Differenz von «gesund» und «krank», sondern auch von «normal» und «verrückt» im Sinne sozialer Devianz und Stigmatisierung, wie ihre Geschichte seit der Wende zum 20. Jahrhundert zeigt. Seit den 1970er Jahren ist diese Differenz brüchig geworden, sie hat sich aber nicht einfach aufgelöst. Die aktuelle Ausgabe der Zeithistorischen Forschungen, herausgegeben von Cornelius Borck und Karen Nolte, beschäftigt sich mit der «Psychiatrischen Zeitgeschichte» und diskutiert, ob und wie die untersuchten (Ver-)Handlungsweisen im psychiatrischen Feld den Blick auf die Zeitgeschichte insgesamt verändern können.
Urs Germann (Bern) stellt in seiner Rezension die Beiträge des Hefts in ihren verschiedenen Formaten vor, die ein vielschichtiges Bild einer «psychiatrischen Zeitgeschichte» vermitteln. Die These «einer fortschreitenden Erosion psychowissenschaftlicher Gewissheiten und ihrer institutionellen Ausformungen in der Ära der ‹neuen Unübersichtlichkeit›», so hält er abschliessend fest, erweise sich als plausibel und produktiv.
Die Rezension ist frei und online auf infoclio.ch und HSozKult verfügbar, ebenso das Heft «Psychiatrische Zeitgeschichte» auf Zeithistorische Forschungen.
Germann, Urs: Rezension zu: Borck, Cornelius; Nolte, Karen (Hrsg.): Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 22 (2026), 1: Psychiatrische Zeitgeschichte, Göttingen 2026, in: in, 22.10.2026, <https://www.infoclio.ch/de/rez?rid=163572>.