CfP: traverse 2/2028 - "Fettleibigkeit"

27. November 2026
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Dieses Themenheft der Zeitschrift "traverse" fragt nach den sozialen Reaktionen auf und den gesellschaftlichen Einordnungen von Fettleibigkeit. In der Geschichtswissenschaft ist Fettleibigkeit vergleichsweise wenig erforscht. Wir freuen uns über Beiträge aus allen Epochen und Regionen. Der geplante Heftschwerpunkt von traverse wird als Ausgabe 2/2028 erscheinen. 

Im Jahr 1292 wurde Walter of Molesworth von seinem zuständigen Bischof bewilligt, eine private Kapelle unterhalten zu dürfen. Als Grund für die Lizenzerteilung ist angegeben, dass Walters Frau zu fett sei, den Weg in die nächstgelegene Kirche auf sich zu nehmen. Diesen Blick auf einen dicken Körper erlaubt uns mittelalterliches Administrativschriftgut, denn die Lizenz ist im Register des Bischofs Oliver Sutton von Lincoln überliefert.

Unklar ist, inwiefern zur Entstehungszeit der Quelle fette Körper bemerkenswert waren. War die Fettleibigkeit von Walters Frau ein rein alltagslogistisches Problem? Würde sie heute eher dazu gebracht werden, den Kirchgang als Gelegenheit zum (medizinisch? moralisch?) dringend nötigen Abnehmen zu nutzen?

Dieses Themenheft fragt nach den sozialen Reaktionen auf und den gesellschaftlichen Einordnungen von Fettleibigkeit. Wir gehen davon aus, dass fetten menschlichen Körpern im Laufe der Geschichte in unterschiedlicher Weise begegnet wurde. Die gemeinhin mit «Völlerei» übersetzte mittelalterliche Sünde beschrieb eine mentale Besessenheit mit Nahrungsaufnahme, die Menschen in dicken wie dünnen Körpern betreffen konnte. Aus dem späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit sind vor allem die Karikaturen dicker Geistlicher und dünner Bauern bekannt, in denen (im Gegensatz zu heute) die Leibesfülle der Fülle des Geldbeutels gleichgesetzt wird. Nicht immer ist Fettleibigkeit negativ konnotiert, wie Betrachter:innen der Venus von Willendorf, der Gemälde von Rubens oder der L’ange protecteur von Niki de Saint Phalle wissen. Kontrovers diskutiert werden Pathologisierung und Moralisierung, die heute zu den prominentesten Reaktionen zählen, wenn es um Körper geht, die mehr Raum einnehmen, als es eine gesellschaftlich zugeteilte Norm vorsieht. Negative Konnotationen prägen diesen Diskurs: Müssiggang, Passivität, Masslosigkeit und fehlende Selbstkontrolle. Als Gegenstück erscheint in der Moderne der leistungsbereite, muskulöse, fitte Körper, der die Norm vorgibt. Diese pejorative Gegenüberstellung wurde von Aktivist:innen als ‘fat phobia’ (Grossophobie) problematisiert. Zudem hat die neuere Forschung den Zusammenhang zwischen Schlankheitsnorm und whiteness herausgearbeitet; Fettleibigkeit wird auf diese Weise mit rassistischen und klassistischen Stereotypen verknüpft (Kate Manne, Da’Shaun L. Harrison). Die geltenden Normgrössen des öffentlichen Raums (Kirchenbänke oder Flugzeugsitze) interagieren auf vielfältige Weise mit dicken Körpern: Die Reaktionen auf dicke Körper stabilisieren die sozialen Normgrössen, während letztere zugleich festlegen, was als fetter Körper gilt.

In der Geschichtswissenschaft ist Fettleibigkeit vergleichsweise wenig erforscht. Wir freuen uns über Beiträge aus allen Epochen und Regionen. Mögliche Leitfragen könnten sein:

- Wie verhalten sich in unterschiedlichen Epochen praktische, medizinische und moralische Reaktionen auf fette Körper zueinander? 
- Korrelieren bestimmte Arten, auf Fettleibigkeit zu reagieren, mit Differenzkategorien wie sozioökonomischen Schichten, Herkunft, race, Alter oder Geschlecht? 
- Mit welchen Verhaltensweisen und Eigenschaften wird Fettleibigkeit in Verbindung gebracht, und wie? 
- Welche Auswirkungen haben soziale Repräsentationen von Fettleibigkeit auf Individuen? Wie wurden solche Normen und Repräsentationen im Laufe der Geschichte verhandelt, in Frage gestellt oder bekämpft?

Der geplante Heftschwerpunkt von traverse wird als Ausgabe 2/2028 erscheinen. Die Texte umfassen maximal 30.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) und werden im Peer Review-Verfahren (double blind) begutachtet. Alle Informationen zu den Formalia sowie das Style Sheet finden Sie hier.

Wir laden Interessierte ein, uns bis spätestens 27. November 2026 ein Abstract von ca. 600 Wörtern, kurze biographische Angaben, sowie eine Auflistung der bisherigen allfälligen sachverwandten Publikationen zu senden. Die Abstracts sind an Maria Tranter (m.tranter@unibas.ch) und Marino Ferri (marino.ferri@unibas.ch) zu senden.

Die Autor:innen werden bis spätestens 18. Dezember 2026 über die Entscheidung der Heftherausgeber:innen benachrichtigt. Deadline für die Eingabe der Artikel ist der 15. Juni 2027.

Kontakt

Maria Tranter, m.tranter@unibas.ch; Marino Ferri, marino.ferri@unibas.ch

Organisiert von
traverse: Zeitschrift für Geschichte – Revue d'Histoire
Sprachen der Veranstaltung
Deutsch
Französisch
Italienisch
Englisch

Zusätzliche Informationen

Kosten

CHF 0.00