Ein „weiblicher Arzt“ – „etwas Unerhörtes“ . Die Auswanderung der deutsch-schweizerischen Ärztin Josephine Zürcher (1866–1932) und die Verschiebung von Geschlechtergrenzen im transnationalen Missionskontext

AutorIn Name
Simone
Keller
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
PD Dr.
Francesca
Falk
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Diese Masterarbeit untersucht die Emigration der Schweizer Missionsärztin Josephine Zürcher (1866 –1932) im Zeitraum vom späten 19. bis in die frühen 1930er Jahre. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Verschiebungen von Geschlechtergrenzen in Zürchers Migrationsbiografie zeigen und wie diese im Kontext transnationaler Verflechtungen sowie kolonialer und imperialer Machtverhältnisse zu verstehen sind. Ausgangspunkt der Analyse bildet die Biografie der Ärztin, deren Lebens- und Arbeitsräume sich von der Schweiz über verschiedene europäische Länder bis ins Spätosmanische Reich und nach Palästina erstreckten.
 

Die Arbeit verortet Zürchers medizinische Tätigkeit im Umfeld protestantischer Missionseinrichtungen und Kliniken und bettet diese in einen von politischen Umbrüchen geprägten zeithistorischen Kontext ein, der unter anderem das Ende des Osmanischen Reiches, den Ersten Weltkrieg sowie die britische Mandatszeit in Palästina umfasst.
 

Diese Entwicklungen werden nicht im Detail analysiert, sondern als Rahmenbedingungen berücksichtigt, innerhalb derer sich Zürchers berufliches und persönliches Handeln vollzog. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf den Missionsstationen und medizinischen Einrichtungen, an denen sie tätig war.

 

Zentrale Quellenbasis bildet der Nachlass von Josephine Zürcher, der sich in der Spezialsammlung der Zentralbibliothek Zürich (ZBZ) befindet. Ergänzend werden veröffentlichte Texte Zürchers aus medizinischen Zeitschriften und Zeitungen aus den Jahren 1919 bis 1932 untersucht. Diese Schriften sind bislang vorwiegend biografisch rezipiert worden; eine geschlechtergeschichtliche und kritisch-analytische Auseinandersetzung stellt hingegen ein Forschungsdesiderat dar. Die vorliegende Arbeit setzt hier an und analysiert diese Texte im Hinblick auf geschlechtsspezifische Zuschreibungen, Handlungsspielräume und Selbstpositionierungen.

 

Methodisch greift die Untersuchung auf multiperspektivische Ansätze zurück und bezieht unter anderem die Geschlechtergeschichte, das Konzept der Intersektionalität sowie der Transnationalität als Analyseinstrumente ein. Die Analyse zeigt, dass sich Zürcher durch ihre Migration in einem komplexen Spannungsfeld aus Geschlecht, Machtverhältnissen und beruflicher Handlungsmacht bewegte. Einerseits eröffnete ihr die Emigration neue Räume, in denen sie als Ärztin tätig sein und gesellschaftliche Positionen einnehmen konnte, die ihr in der Schweiz aufgrund struktureller Geschlechterdiskriminierung nur eingeschränkt zugänglich gewesen wären. Andererseits blieb ihr Handlungsspielraum weiterhin durch patriarchale Normen, geschlechtsspezifische Erwartungen sowie institutionelle und familiäre Abhängigkeiten begrenzt. Die Ehe führte etwa zum Verlust ihres Schweizer Bürgerrechts und patriarchale Strukturen im Missions- und im osmanischen Kontext schränkten die freie Ausübung ihres Berufes ein.

 

Die Arbeit macht deutlich, dass Migration im Fall von Josephine Zürcher nicht als linearer Emanzipationsprozess verstanden werden kann. Vielmehr bewegte sich ihr Leben in einem widersprüchlichen Erfahrungsraum, in dem sich individuelle Handlungsmöglichkeiten und strukturelle Begrenzungen fortwährend überlagerten. Zugleich zeigen Zürchers Texte eine weitere Ambivalenz: Während sie selbst geschlechtsspezifische Diskriminierung erfuhr, reproduzierte sie in ihren Schriften eurozentrische und rassistische Deutungsmuster. Durch die Abgrenzung gegenüber der indigenen Bevölkerung schrieb sie sich Autorität und Deutungsmacht zu und stabilisierte damit Ausschlussmechanismen, von denen sie als Frau in europäischen Kontexten selbst betroffen war

Zugang zur Arbeit

Bibliothek

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