„Ein Spiegelbild gewaltigster Ereignisse“. Hermann Konsbrücks „Großer Bilderatlas des Weltkrieges“: eine Visualisierung des Ersten Weltkrieges und die serielle Nutzung von Fotografien in der Narrativkonstruktion

AutorIn Name
Hanna Katharina
Brem
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Dr. habil
Carmen
Scheide
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Im Zentrum der Masterarbeit steht der zwischen 1915 und 1919 erschienene Grosse Bilderatlas des Weltkrieges von Hermann Konsbrück, eine der umfangreichsten zeitgenössischen Bildpublikation zum Ersten Weltkrieg. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass der Erste Weltkrieg als erster Konflikt gilt, indem die bereits seit 70 Jahren bestehende Fotografie zum Massenmedium wird und damit zu einem zentralen Medium in der Erinnerungskonstruktion. Der Krieg wurde nicht mehr nur durch professionelle Fotograf:innen, sondern auch durch unzählige Amateur:innen dokumentiert. Während die Bildbände der Weimarer Republik in der Forschung viel Beachtung fanden, geriet der Bilderatlas trotz seinem Umfang von knapp 6000 Abbildungen in Vergessenheit, obwohl sich später publizierte Bildbände direkt auf ihn beziehen. Diesem Desiderat wird Rechnung getragen, indem der Bilderatlas in einem ersten Teil der Arbeit quellen- und forschungsgeschichtlich verordnet wird. Anhand des Börsenblattes für den Deutschen Buchhandel, Zeitungsartikeln, den Vorworten und weiteren Quellen werden Verlag und Herausgeber vorgestellt, Entstehung, Konzeption, intendiertes Publikum, Vertriebswege und die zeitgenössische Rezeption ausgearbeitet, sowie der Aufbau und das Verhältnis von Text und Bild analysiert. Es handelt sich beim Bilderatlas um eine publizierte Quelle, die in 30 Lieferungen beziehungsweise drei Sammelbänden zwischen 1915 und 1919 erschienen ist. Die Hefte sind geografisch beziehungsweise militärstrategisch geordnet. Während es sich beim Verlag um den bekannten Bruckmann-Verlag handelt, liess sich trotz intensiver Recherchen kaum etwas über den Herausgeber Hermann Konsbrück herausfinden. Die abgedruckten 6000 Bilder–mehrheitlich Fotografien–wurden von Konsbrück aus über 60 000 gesammelten Bilder ausgewählt, aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst und durch neue Bildunter- beziehungsweise Seitenüberschriften und serielle Anordnung in ein eigenständiges Narrativ überführt. Mittels Abgleich der Fotografien mit Archivbeständen wurde gezeigt, dass Konsbrück zeitliche, örtliche und inhaltliche Gegebenheiten dabei korrekt wiedergibt.


 

Methodisch stützt sich die Arbeit auf eine seriell-ikonografische Analyse des gesamten Werkes, wobei hauptsächlich wiederkehrende Motive und Kompositionsmuster untersucht werden. Sowohl die Komposition wie auch die Verbindung von Bild und Text untermauern eine narrative Darstellung des Krieges. In der Untersuchung mitberücksichtigt wurde die herrschende Zensur während des Krieges, sowie die Möglichkeit der Retuschen und Inszenierungen bei der Darstellung von vermeintlich authentischen Kriegsbildern. Wie am Schluss der Arbeit skizziert wird, bildet die serielle Analyse eine Grundlage für detaillierte ikonografische Einzelstudien, die in weiteren Untersuchungen bearbeitet werden könnten. Der Bilderatlas wird zunächst als Orientierungshilfe analysiert. Es wird gezeigt wie Konsbrück den Krieg räumlich (über Karten und Bilder der einzelnen Frontabschnitte) und personell (über Porträts und Darstellungen verschiedener Ethnien) ordnet und hierarchisiert. Im Zentrum der anschliessenden inhaltlichen Analyse steht die Frage, wie Konsbrück den Krieg visualisiert und wie sich die Darstellung über die Zeit verändert. Dabei werden die Bilder anhand ausgewählter Topoi (Technik und Zerstörung, Natur, Macht, Kriegsgefangenschaft, Beute, Lazarettwesen, Tod, Hygiene, Lebensmittelversorgung, Zivilbevölkerung sowie der Alltag der Soldaten zwischen Front und Etappe) seriell ausgewertet. Es wird gezeigt, dass im Zentrum des Narrativs ein (durch Deutschland) kontrolliertes Kriegsgeschehen steht, dabei aber extreme Gewalt und die menschliche Katastrophe ausgespart wird. Trotzdem zeigt der Bilderatlas eine immense Breite, indem die in später erschienenen Bildbänden stark untervertretene Ostfront sowie nicht militärische Bereiche miteinbezogen werden. Abschliessend wird der Bilderatlas als „Siegerwerk“ diskutiert und gezeigt, wie Konsbrück Sieg, Niederlage und Kriegsschuld darstellt. Auch nach dem Kriegsende hält Konsbrück an seiner Darstellung der deutschen Überlegenheit fest. Durch die serielle Analyse konnte gezeigt werden, dass narrative Brüche – wenn überhaupt – nur implizit sichtbar werden. Trotz seiner Differenzierung ist der Bilderatlas nicht als neutrale Dokumentation, sondern als visuelle Stellungnahme in zeitgenössischen gesellschafts- und erinnerungspolitischen Debatten zu verstehen.

Zugang zur Arbeit

Bibliothek

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