CfP: Schweizer Künstlerinnen und ihre Netzwerke zwischen 1850 und 1950

28. Juni 2026
Call for papers

Interdisziplinäres Symposium: 5./6. November 2026
 

Anlässlich des 75-jährigen Bestehens von SIK-ISEA im Jahr 2026 widmet sich das geplante Symposium einem Thema, das sowohl im Fokus verschiedener Arbeitsbereiche des Instituts liegt als auch seit einigen Jahren weit darüber hinaus in das Interesse von Forschung und Museen gerückt ist: weibliche Kunstschaffende in der Schweiz und ihre Netzwerke in den Jahrzehnten um 1900. Während nur wenige wie Sophie Taeuber-Arp oder Meret Oppenheim eine ungebrochene öffentliche Bekanntheit erlangten, wird das Werk zahlreicher Künstlerinnen, die damals ebenfalls erfolgreich tätig waren, nun wiederentdeckt und aufgearbeitet.

Der Kunstbetrieb in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde nach wie vor stark von männlichen Protagonisten gesteuert, auf der Künstler- wie auch auf der Auftraggeber-, Händler- und Sammlerseite. Zudem gab es für Frauen bereits bei den Ausbildungs- möglichkeiten grosse Hürden. Neben der gesellschaftlichen und rechtlichen Benachteiligung erschwerten es ihnen die Umstände im Kunstbetrieb zusätzlich, den Weg zur Künstlerin einzuschlagen und noch mehr, sich als solche erfolgreich zu etablieren. Nicht ohne Grund betitelte die amerikanische Kunsthistorikerin Linda Nochlin ihren epochalen Aufsatz 1971 mit der pointierten Frage «Why Have There Been No Great Women Artists?».

Trotz der Anstrengungen der letzten Jahre weist die Erforschung der Künstlerinnengeschichte für die Schweiz vor 1950 noch erhebliche Lücken auf. Die geplante Tagung beleuchtet verschiedene Themenkomplexe, wie (1) die damaligen Ausbildungs- und Ausstellungsmöglichkeiten für Frauen, (2) ihre Strategien, sich im Kunstbetrieb zu positionieren, (3) ihr Selbstverständnis als Künstlerinnen, (4) ihre Netzwerke und (5) ihre Rezeption.

1) Zwar waren in den Jahrzehnten um 1900 diverse Kunstschulen für Frauen zugänglich, doch nicht überall waren sie zu allen Klassen zugelassen. Besonders das für Frauen vielerorts als unschicklich betrachtete Aktstudium blieb zahlreichen Künstlerinnen verwehrt, wodurch ihnen der Zugang zur prestigeträchtigen Historienmalerei beschnitten wurde.

2) Grob lassen sich zwei Strategien beobachten, um sich als Künstlerin zu positionieren: Entweder versuchten sich Frauen bewusst aus den existenten Einschränkungen zu lösen und sich mittels etablierter, für sie zuweilen als unangemessen geltender Bildthemen einen Platz auf dem regulären Kunstmarkt zu verschaffen, oder sie wählten Nischengattungen, die jedoch wenig Rezeption und Akklamation erfuhren.

3) Nach heutigem Kenntnisstand haben sich Selbstzeugnisse von Künstlerinnen aus jener Zeit seltener erhalten als solche ihrer männlichen Berufsgenossen. Umso wertvoller sind Selbstporträts und autobiografische Texte von Künstlerinnen als Quellen für ihr Selbstverständnis, aber auch für ihre Selbstinszenierung, im grösseren Kontext des zeitgenössischen Kunstbetriebs.

4) Netzwerke (auch über Landesgrenzen hinaus) waren von kaum zu überschätzender Bedeutung für eine erfolgreiche Künstlerinnenlaufbahn. Dabei lassen sich im Wesentlichen zwei Arten von Netzwerken identifizieren: Zum einen die Verbindung zu anderen Kunstschaffenden, einschliess- lich der Mitgliedschaft in Vereinigungen, zum anderen die Kontaktpflege mit (potenziellen) Auftraggeberinnen und Auftraggebern, Händlerinnen und Händlern, Sammlerinnen und Sammlern. Den gewählten Zeitraum prägten zudem einschneidende politische Umstände, die sich sowohl auf die künstlerische Tätigkeit als auch auf die Netzwerkpflege auswirkten.

5) Neben dem Werk selbst entscheidet dessen Rezeption zu Lebzeiten über die postume Bekanntheit einer kunstschaffenden Person. Grundsätzlich wurden Künstlerinnen in den Jahrzehnten um 1900 deutlich weniger stark rezipiert als männliche Kunstschaffende, sei es in Form von Ausstellungen oder in Form von schriftlichen Berichten. Die Rezeption war nicht selten von stereotypen Geschlechterbildern und einer Auffassung der Frau als mangelhafter Künstlerin geprägt – so wurden Künstlerinnen beispielsweise «gelobt» für ihr «männliches Talent». Die publizistische Rezeption bildet ebenfalls eine wichtige Quelle zur Berufsrealität weiblicher Kunstschaffenden.

Ausgangspunkt für die geplante Tagung ist die gegenwärtige Fokussierung verschiedener Aktivitäten bei SIK-ISEA auf Künstlerinnen, die im ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Schweiz wirkten. Zum einen konnten zwei neue Catalogue-raisonné- Projekte lanciert werden, die sich mit der Malerei von Ottilie W. Roederstein beziehungsweise dem Gesamtwerk von Sophie Taeuber-Arp befassen. Zum anderen wird seit dem vergangenen Jahr die Sichtbarkeit historischer Künstlerinnen durch zahlreiche neue Lexikonartikel im SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz gestärkt. In einem ersten Schritt wurden Künstlerinnen berücksichtigt, die zwischen 1850 und 1900 geboren wurden. Bis Ende 2026 wird der Untersuchungszeitraum auf Geburtsjahre bis 1925 ausgeweitet, bevor weibliche Positionen der älteren Kunstgeschichte in den Fokus rücken.

Ziel des Symposiums ist es, anhand von monografischen und thematischen Beiträgen aus unterschiedlichen kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen neue Erkenntnisse zur wenig erforschten Berufswirklichkeit von Künstlerinnen in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu gewinnen. Auch der wissenschaftliche Nachwuchs wird ausdrücklich zur Einsendung von Themenvorschlägen eingeladen. Für die Referate sind jeweils 20 Minuten vorgesehen; Tagungssprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch, wobei mindestens passive Kenntnisse in allen Sprachen vorausgesetzt werden. Es ist vorgesehen, eine Selektion von Tagungsreferaten in der institutseigenen Reihe «outlines» zu publizieren. Aufenthaltskosten und Reisespesen (Bahn, 2. Klasse, Flugreisen nur nach Rücksprache) werden gegen Vorlage der Belege von SIK-ISEA übernommen. Exposés für Referate (max. 1 Seite) senden Sie bitte mit kurzem Lebenslauf bis zum 28. Juni 2026 an Marianne Wackernagel (marianne.wackernagel@sik-isea.ch).

Organisiert von
In Kooperation mit der Vereinigung der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in der Schweiz (VKKS)

Veranstaltungsort

SIK-ISEA
Zollikerstrasse 32
8032 
Zürich

Zusätzliche Informationen

Kosten

CHF 0.00