Die Kirchgemeinde Langnau im 18. Jahrhundert. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung

AutorIn Name
Bietenhard
Benedikt
Art der Arbeit
Dissertation
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Beatrix
Mesmer
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
1988/1989
Abstract

Seit einiger Zeit befasst sich auch in der Schweiz eine wachsende Zahl von sozialgeschichtlichen Untersuchungen mit Orts- und Regionalgeschichte. Neben dem hauptsächlichen Interesse am Alltagsleben der grossen, weitgehend schriftlosen Mehrheit der Bevölkerung steht in der Regel die Frage nach den Veränderungen von Lebensformen und Mentalitäten und ihren Ursachen im Vordergrund. Ein neues, von der französischen Historiographie erarbeitetes methodisches Instrumentarium erlaubt den Zugriff auf reiche, bislang unerforschte Bestände sog. serieller Quellen und ermöglicht damit einen neuen, durch zeitgenössische Wertungen wenig verstellten Blick auf vorindustrielle Gesellschaften.

 

Ziel der hier vorgelegten Untersuchung ist es, den demografischen, sozialen und wirtschaftlichen Aufbau einer ländlich - zentralörtlichen Gesellschaft des bernischen 18. Jahrhunderts zu beschreiben und zu analysieren. Im Vordergrund steht dabei die Auswertung serieller Quellen (Zivilstandsregister, Haushaltzählungen, Steuerlisten, Almosen- und Vogteirechnungen u.ä.) aus den Beständen des Staatsarchivs Bern und des Gemeindearchivs Langnau in steter Konfrontation mit einer breiten Palette narrativer Quellen (Pfarrberichte, topografische Beschreibungen, Gutachten, Briefe etc.) aus dem gesamten Emmental.

 

Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile. Ein erster befasst sich eingehend mit den verschiedenen Aspekten der Demografie, der zweite anhand der Haushaltzählungen mit der Struktur der gesellschaftlichen Gruppen und der dritte mit den Problemen der sozialen Schichtung und mit den wirtschaftlichen Grundlagen.

 

Das Wachstum der Langnauer Bevölkerung wies seit dem 16. Jh. Phasen unterschiedlicher Intensität auf: Als Zeiten besonders kräftiger Zunahme entpuppten sich das zweite Drittel des 16., der grösste Teil des 17. und die zweite Hälfte des 19. Jh., während der Bevölkerungszuwachs im 18. Jh. sich spürbar verlangsamte. Das nach wie vor beträchtliche natürliche Wachstum wurde zwischen 1750 und 1800 zur Hälfte durch Abwanderung reduziert, die ihre Ziele sowohl in der nächsten Umgebung als auch im übrigen bernischen - vor allem welschen - Staatsgebiet fand. Die sich aufdrängende Frage nach den Ursachen dieser Wanderungsverluste bei gleichzeitiger, gemessen an ostschweizerischen Untersuchungsgebieten, günstigen demografischen Rahmenbedingungen führte zur Hypothese einer wirtschaftlichen Strukturkrise, deren Merkmal nicht mehr Hunger und Seu­ chen, sondern ein Angebotsdefizit auf dem lokalen Arbeitsmarkt war. Die Tragfähigkeit dieser Hypothese wird im dritten Hauptteil eingehend geprüft.

 

Innerhalb des demografischen Teiles der Arbeit nimmt die Analyse der sog. Familienrekonstitution einen zentralen Platz ein. Sie wurde auf der Basis sämtlicher 530 Haushalte der Zählung von 1763 vorgenommen und erlaubt es, die biologischen Gegebenheiten von Leben und Sterben der Lang­ nauer sozial zu verorten (Schichtspezifität von Lebenserwartung, Familiengrösse, Säuglings- und–– Kindersterblichkeit, Fruchtbarkeit, Heiratsalter, Ehedauer) und mit den Ergebnissen anderer schweizerischer Untersuchungen zu vergleichen.

 

Besonderes Interesse gilt in den meisten Studien zur alteuropäischen Demografie den Krisen. Von den vier nachweisbaren grossen Seuchen des 17. und 18. Jh. konnten die beiden Ruhrepidemien von 1750 und 1793 in ihrem Verlauf eingehender analysiert werden. Diese besonders in den Herbstmonaten wütende Krankheit raffte vor allem Kinder zwischen zwei und zehn Jahren hinweg. Pfisters umfangreiche Studien zur schweizerischen Klimageschichte ermöglichten es im weitem, den Einfluss des Klimageschehens auf den langfristigen Verlauf der Geburten, Heiraten und Todesfälle zu beobachten, was sich besonders im Zusammenhang mit Seuchenjahren als fruchtbar erwies.

 

Die Grundlage des zweiten Teils der Untersuchung bildet die Auswertung der drei vom Ortspfarrer in den Jahren 1751, 1757 und 1763 durchgeführten Haushaltzählungen. Die in den Städten seit dem Mittelalter bekannte Aufteilung der Häuser in Haushalte scheint sich auch auf dem Land spätestens seit dem 17. Jh. im Zusammenhang mit der Verbreitung der Heimarbeit durchzusetzen. Von den heutigen, in der Regel aus der Eltern - Kind - Gruppe, kinderlosen Paaren oder Einzelpersonen bestehenden Haushalten unterscheidet sich der Langnauer Haushalt des 18. Jh. durch seine grössere Vielfalt in der personellen Konstellation und seine viel grössere Anpassungsfähigkeit. Der Langnauer Haushalt entpuppt sich dank der Genauigkeit pfarrherrlicher Registrierarbeit nicht nur synchron als hochdifferenzierte Gruppe, sondern auch diachron als zyklisch sich veränderndes Kollektiv, dessen personale Zusammensetzung funktional auf das Ueberleben des Ganzen bezogen bleibt. Für den Begriff "Haushalt" ergibt sich demzufolge die Definition (ohne Berücksichtigung der Einpersonenhaushalte) als "Gruppe von Personen, die unter einem Dach wohnen und ihren Lebensunterhalt aus einem gemeinsamen Budget bestreiten". Dabei spielt es keine Rolle, aus welchen Quellen dieses Budget gespiesen wird.

 

Aufgrund der präzisen Angaben in den Haushaltverzeichnissen liessen sich auch soziale Gruppen wie Kinder, Dienstboten, Mieter und verschiedene Arten von Almosenbezügern genauer erfassen und beschreiben. Am Beispiel der Küherhaushalte konnten Zusammenhänge von Haushaltstruktur und wirtschaftlicher Funktion aufgezeigt werden. Auch hier war die Verknüpfung mit andern Quellengattungen, vor allem dem Almosensteuerrodel zur schichtspezifischen Analyse der Ergebnisse, von grundsätzlicher Bedeutung.

 

Das in den beiden ersten Teilen der Untersuchung verwendete Schichtungsmodell wird im dritten Teil eingehend dargestellt und begründet. Wie jede historische Schichtungsanalyse steht auch die hier versuchte vor dem Problem., dass Modelle aus zeitgenössischen Quellen selten quantifizierbar und deshalb ohne grossen heuristischen Wert sind. Aufgrund des Almosensteuerrodels liess sich immerhin nach der ökonomischen Dimension hin eine brauchbare, wenn auch mechanische Schichtungsanalyse vornehmen, die durch Berufs- und Aemterangaben ergänzt wurde. Die erwähnte Beschränkung verbot aber eine Verwendung eines umfassenden Schicht- und Klassenbe­ griffs, an dessen Stelle das Wort "Steuerklasse" gesetzt wurde, um den rein arithmetischen Charakter der Schichtungsgrenzen nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Neben der sozioökonomischen Grundlagendiskussion nimmt die Frage der Tragfähigkeit der vorhandenen wirtschaftlichen Strukturen Langnaus breiten Raum ein. Wegleitend war dabei die nach dem demografischen Befund sich aufdrängende Hypothese einer strukturell bedingten Krise des dörflichen Stellenangebots gegen Ende des Ancien Regime. Der Reihe nach wurden die verschiedenen Wirtschaftssektoren dargestellt und auf ihre Fähigkeit geprüft, zwischen 1750 unq 1800 neue Stellen zu schaffen, um die wachsende Bevölkerung im Gemeindegebiet zu halten. Es kann gezeigt werden, dass keiner der traditionellen Bereiche der dörflichen Wirtschaft mit Ausnahme des Gewerbes sein Stellenreservoir signifikant erweitern konnte. Die Landwirtschaft stand am Anfang einer langfristigen Umstellung auf Graswirtschaft, die lukrativer und weniger personalintensiv war, die textile Heimarbeit, um 1760 noch blühend, stagnierte wegen französischen Importrestriktionen in den I780er Jahren, während die Käseproduktion auf den Alpen und der Holzexport an ökologische Grenzen stiessen.

 

Einzig im Bereich der wenig kapitalintensiven Handwerke ist in der zweiten Hälfte des 18. Jh. eine gewisse Verdichtungstendenz auszumachen, welche die Strategien erkennen lässt, mit denen die wachsenden Unterschichten in den engen ökonomischen Nischen zu überleben versuchten. In Anlehnung an Forschungsergebnisse aus vergleichbaren Untersuchungsgebieten ist anzunehmen, dass ein grosser Teil dieser handwerklichen Berufe als Nebenerwerbstätigkeiten ausgeübt worden ist. Das Budget des Unterschichtshaushaltes setzte sich auch in Langnau im 18. Jh. aus dem Einkommen aus verschiedenen Tätigkeiten zusammen, und spätestens um 1800 bestand Langnau zu mehr als der Hälfte aus Haushalten, die nicht primär von landwirtschaftlicher Tätigkeit lebten.

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