Instrumentalisierung – Fiktionalisierung – Desinteresse. Die Darstellung der 'Anarchie' in der englischen Chronistik zwischen dem Ende des 12. Jahrhunderts und dem ausgehenden 14. Jahrhundert

AutorIn Name
Adriana Lea
Beyeler
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Hesse
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2023/2024
Abstract

Obwohl in der Forschung zu der mittelalterlichen Historiographie immer wieder die Feststellung aufkommt, dass Geschichte gerne instrumentalisiert wurde und sich die Darstellungen einzelner Ereignisse in verschiedenen Chroniken stark unterscheiden, beschäftigen sich nur wenige Untersuchungen mit den Veränderungen in der Darstellung einzelner Ereignisse über einen längeren Zeitraum. Deswegen wurde in der vorgelegten Arbeit genau dies geleistet.

 

Nachdem als Untersuchungsgegenstand die englische Anarchie 1135 – 1154 ausgewählt wurde, wurde anhand zwölf englischer Chroniken aus den 1180ern bis in das ausgehende 14. Jahrhundert untersucht, wie Geschichte umgeschrieben wurde, aber auch warum dies geschah. Dies diente in erster Linie dem Zweck, einen Referenzpunkt für Betrachtungen zu Veränderungen in der Darstellung anderer Ereignisse zu bieten, gleichermassen aber auch dazu, einen Beitrag zu der bisherigen Forschung zu liefern, diese zu bestätigen und sie zu ergänzen.

 

Für die Analyse wurden die Quellen entsprechend ihres Entstehungszeitpunkts in vier Gruppen unterteilt, worauf untersucht wurde, welche Darstellungsweise typisch für einen bestimmten Zeitraum war und welche Faktoren zu der jeweiligen Darstellungsweise beitrugen. Beurteilt wurde dies anhand dreier Untersuchungsfragen:

1. Wie sind die drei Hauptakteure der Anarchie dargestellt?

2. Welche Ereignisse werden erwähnt, wie ausführlich werden sie behandelt und was ist nicht dargestellt?

3. Kann eine „Legendenbildung“, d. h. eine Abweichung vom als wahr angenommenen Ereignisverlauf oder ein Auftreten eines Ereignisses als epische Kurzform, festgemacht werden?

Die zweite Untersuchungsfrage wurde zudem aufgeteilt. Während für viele Ereignisse eine herkömmliche Quellenanalyse verwendet wurde, wurden umfangreichere Ereignisse und Teile der Anarchie auch quantitativ ausgewertet.

 

Nach der Analyse konnten sowohl eine kollektive Interessensspanne der Chronisten sowie verschiedene Phasen des Umschreibens der Geschichte benannt und beschrieben werden. Bei der Interessensspanne handelt es sich um einen Zeitraum, in dem ein Ereignis mit all seinen für das Verständnis bedeutsamen Eckpunkten – wenn diese nicht ausgelassen wurden, um ein bestimmtes Bild zu vermitteln–normalerweise in einer Chronik inkorporiert wurde. Für sie wurden 160- 180 Jahre veranschlagt.

 

Um auf die Phasen zu sprechen zu kommen, so gehörte die Chronistik des späten 12. Jahrhunderts der individuellen Phase an. In dieser haben die Chronisten noch keine objektive Distanz zu den beschriebenen Ereignissen entwickelt. Dies hat dazu geführt, dass die Schwerpunkte der Darstellung sehr individuell gesetzt wurden und die Beschreibung noch stark durch die politische Einstellung des Chronisten geprägt war. Während die Chronistik dieser Phase somit der zeitgenössischen Chronistik noch sehr ähnelte, konnten auch einige kleinere Unterschiede zu ihr festgemacht werden, wie beispielsweise, dass nun die Ereignisse in Hinblick auf ihre jeweilige Auswirkung beurteilt werden konnten.

 

Die Chronistik des frühen 13. Jahrhunderts war wiederum von einer verhältnismässigen Neutralität geprägt, was zu der Bezeichnung als neutral-distanzierte Phase führte. Die Chronisten dieser Zeit schienen die Anarchie recht objektiv betrachtet zu haben, was auf die grössere zeitliche Distanz zu den Geschehnissen zurückgeführt wurde. Zudem hat sich in dieser Zeit nun eine einheitliche Sichtweise auf die Bedeutung der verschiedenen Ereignisse herauskristallisiert. Gerade in dieser Zeit konnten aber auch ausserordentlich viele Veränderungen an der Darstellung festgemacht werden, die auf Unwissenheit zurückgeführt werden konnten.

 

Erst die Chronistik des ausgehenden 13. Jahrhunderts respektive der fiktionalisierenden Phase zeigte sich teilweise wieder als parteiischer. Wichtiger ist aber, dass die Darstellung nun stark schematisiert und teilweise auch fiktionalisiert wurde.

 

Zuletzt nahm das Interesse an der Anarchie zu Beginn des 14. Jahrhunderts rapide ab. In dieser desinteressierten Phase gestalteten die Chronisten die Akteure nicht mehr selbstständig und vormals als vital für das Verständnis wahrgenommene Ereignisse verschwanden aus der Betrachtung. Wenn die Chronisten in dieser Zeit eigene Nuancen mit in die Darstellung einbrachten, war dies auf eine lokale Verwurzelung zurückzuführen.

 

Was die Faktoren für das Umschreiben der Geschichte betrifft, so traten die in der Forschung immer wieder betrachteten verschiedenen Faktoren, die sich vereinfacht unter dem Begriff zeitgenössische und individuelle Umstände subsumieren lassen, natürlich oft auf. Insbesondere der in der Forschung selten angesprochene und der Geschichtsschreibung inhärente Faktor der zeitlichen Distanz zu den Ereignissen zeigte sich aber ebenfalls als sehr darstellungsprägend.

Zugang zur Arbeit

Bibliothek

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