Spätestens seit den Stonewall-Krawallen von 1969 bildete Sichtbarkeit eine zentrale politische Forderung vieler Lesben- und Schwulengruppen in den USA und in Westeuropa. Sichtbarkeit im politischen Kontext stand dafür, sich als sexuelle Minderheit erkennbar zu machen und politisch-kulturelle Repräsentation einzufordern. Auch in der DDR organisierten sich Aktivist:innen, die schwul-lesbische Emanzipation anstrebten und sich dabei an westeuropäischen und US-amerikanischen Strategien, Büchern und Gruppierungen orientierten. Nur äusserte sich das Streben nach schwul-lesbischer Sichtbarkeit zweifellos anders in einer Diktatur, welche die Bevölkerung breitflächig überwachte und in der die Selbstorganisation in kirchlichen Arbeitskreisen praktisch der einzige Weg war, das staatliche Vereinigungsverbot zu umgehen.
Diese Arbeit untersucht die Aktivitäten der Ostberliner Gruppe Arbeitskreis Homosexualität (AKHS) – Schwule in der Kirche von 1983 bis 1989 und versucht dabei herauszuarbeiten, welche Formen schwul-lesbischer Sichtbarkeit diese Gruppe zu erreichen suchte.
Die Forschung zu der Homosexuellenbewegung der DDR ist nach wie vor begrenzt, viele bisherige Publikationen stammen von ehemaligen Aktivist:innen selbst. Dabei fehlen Forschungen mit Fokus auf den früh aktiven und landesweit impulsgebenden Ostberliner AKHS. Diese Arbeit versteht sich somit als Beitrag zur Homosexuellengeschichte der DDR und als Anstoss für weitere Forschungsunterfangen in diesem Bereich.
Schwul-lesbische Sichtbarkeit war zu keinem Zeitpunkt ein ausformuliertes Ziel des AKHS. Trotzdem zeigt diese Arbeit, wie Sichtbarkeit als wesentlicher Faktor alle gesellschaftlichen Ziele und Strategien der Gruppe begleitete. Schwerpunkt der Untersuchung war es, herauszufinden, inwieweit der AKHS den kirchlichen Raum für Sichtbarkeit nutzte, in welchen Kontexten er Sichtbarkeit anstrebte und wie Staat und Kirche auf diese zunehmende Sichtbarkeit reagierten. Diese Fragestellungen wurden anhand einer qualitativen Auswertung von Archivmaterialien, Zeitzeug:innengesprächen und Zeitungsartikeln untersucht. Die theoretische Basis für die Quellenauswertung bildete das Verständnis von Sichtbarkeit als analytische Kategorie. Der Schwerpunkt liegt dabei einerseits auf der gruppeninternen Arbeit des AKHS und beschreibt Selbstverständnis, Arbeitsweise und politisch-religiöse Selbstpositionierung der Gruppe. Andererseits werden die Aktivitäten der Gruppe beleuchtet, die sich an die breitere Gesellschaft richteten, so dass Formen der Öffentlichkeitsarbeit, Versuche, homosexueller Opfer der NS-Zeit zu gedenken sowie die Aids-Arbeit des Arbeitskreises untersucht werden.
Wie gezeigt werden konnte, stellte die evangelische Kirche für die gegenseitige Vernetzung Schwuler und Lesben eine wichtige Alternative zur anonymen Subkultur dar. Von der kirchlichen
Infrastruktur machte der Arbeitskreis Gebrauch, um seine Anliegen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Die Aktivist:innen des AKHS versuchten, sich als gleichwertige Mitbürger:innen und als bedeutende Minderheit der DDR sichtbar zu machen. Neben der Erarbeitung positiver Kontexte ging es darum, negative Assoziationen von Homosexualität zu überschreiben. Der AKHS befand sich in seiner Arbeit stets auf einer Gratwanderung, die sich einerseits aus einer Abhängigkeit zur Kirche sowie aus dem Bewusstsein ergab, vom Ministerium für Staatssicherheit beobachtet zu werden. Dies zeigt sich darin, dass der Arbeitskreis sich sowohl gegenüber der Kirche als auch gegenüber dem Staat offen, kooperativ und dialogbereit positionierte und trotzdem – vor allem bei den Gedenkveranstaltungen für homosexuelle NS-Opfer – bestehende Grenzen immer wieder aufs Neue austestete.
Die Entstehung der landesweiten AKHS erzeugte starke Reaktionen aus kirchlichen Kreisen, und es gab Bemühungen, sich mit dem Thema Homosexualität aus theologischer Perspektive neu auseinanderzusetzen. Kirchenpolitisch gab es jedoch bis 1989 wenige Änderungen und die Unterstützung der Arbeitskreise ist vor allem auf einzelne Kirchenvertreter:innen zurückzuführen.
Die Staatssicherheit reagierte schon früh mit Überwachung der einzelnen Kreise, und erkannte, dass die DDR den Homosexuellen Alternativen zum Kirchenraum bieten musste, um den Zulauf der AKHS zu stoppen. Praktisch gleichzeitig zu staatlichen Öffnungen wurden jedoch Zersetzungsmassnahmen gegen den AKHS eingeleitet, die das Ziel hatten, dessen Arbeit zu behindern.
Weiterführende Forschung könnte die Resultate der vorliegenden Arbeit mit Zielen und Strategien weiterer AKHS der DDR abgleichen und herausfinden, ob die hier gewonnenen Erkenntnisse auch allgemeiner gültig sind.