Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Sacha
Zala
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2020/2021
Abstract
Mit der Internationalisierung des Warenverkehrs und der Schaffung eines gemeinsamen europäischen Binnenmarktes wurde die Schweiz in den 1980er Jahren mit neuen verkehrspolitischen Problemen konfrontiert. Die Globalisierung führte zu einem Anstieg der Mobilität, wodurch insbesondere der Strassenverkehr ein Wachstum verzeichnete und die Verkehrssysteme ausgebaut wurden.
Die europäische Gemeinschaft (EG) setzte sich vor diesem Hintergrund für einen liberalen Güterverkehr ein und förderte Massnahmen, welche den Warenaustausch innerhalb Europas vereinfachten. Die bestehenden verkehrspolitischen Regulierungen in der Schweiz waren für die EG entsprechend ein Dorn im Auge. Die 28t-Limite sowie das Nacht- und Sonntagsfahrverbot für Lastwagen erschwerten den freien Güterstrom und führten zu einem Mehrverkehr in den Nachbarländern, allen voran in Österreich. Entsprechend übte die EG auf die Schweiz und ihre restriktive Verkehrspolitik Druck aus. In den Verkehrsverhandlungen von 1989 bis 1991 liess die EG von ihrer Forderung nach einer Erhöhung der 28t-Limite auf 40 Tonnen bis kurz vor Abschluss des Transitvertrages nicht ab. Der damals zuständige Bundesrat Adolf Ogi, von 1988 bis 1995 Vorsteher des damaligen EVED, setzte sich in den Gesprächen entschieden für die Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene ein und beharrte auf die 28t-Gewichtslimite für Lastwagen, welche die Schweiz durchquerten. Ziel war es, die Zunahme von ausländischen Fahrzeugen auf den einheimischen Strassen zu verhindern. Das Narrativ der 28 Tonnen entwickelte sich schliesslich zum Hauptargument im politischen Diskurs.
In der Forschungsliteratur wurde die Gewichtslimite nachträglich als Mythos bezeichnet. Eine fundierte Analyse des Narrativs unter Berücksichtigung der Theorien aus der Mythosforschung blieb bis anhin jedoch aus. Ausgangspunkt der Masterarbeit ist deshalb die These der 28t-Limite als Mythos und die Frage, ob und mit welcher Begründung diese Gewichtsbeschränkung als mythische Erzählung bezeichnet werden kann. Mit Hilfe der Theorien aus der Forschung und der qualitativen Analyse der Quellen des Bundesarchivs sowie des Archivs SBB Historic wird eine differenziertere Betrachtung des Mythosʼ im Kontext der Verkehrspolitik angestrebt.
Unter Berücksichtigung der jüngsten Erkenntnisse von Wodianka, Bizeul und Hein zeigt die Arbeit auf, dass es sich bei der Gewichtslimite erstens um einen modernen Mythos handelt, welcher zweitens im Handlungsfeld der Politik zu verorten ist. Das Narrativ wurde von Politiker*innen intentionalverwendet,umihreInteressenimInwie Ausland demokratisch durchzusetzen. Insofern stellte die Limite ein Glaubenssatz dar, welcher durch eine einfache Erzählstruktur und eine symbolische Sprache die Sympathien für die Anliegen der Politik zu gewinnen vermochte. Gleichzeitig nahm das Narrativ eine Orientierungsfunktion ein, welche die damals komplexe Realität in Bezug auf die Verkehrspolitik reduzierte. Die Erzählung diente somit als Bindeglied zwischen der Gesellschaft und der Politik. Dass die 28t-Limite auf politischer Ebene eine Konsensbereitschaft herbeiführte, bestätigten die verschiedenen Vorlagen zur Stärkung der Verlagerung des Schwerverkehrs, welche in den 1990er Jahren vom Volk angenommen wurden.
Seine Bedeutung verloren hat der Mythos Mitte der 1990er Jahre, als unter dem nachfolgenden Bundesrat Leuenberger die Aufhebung der Gewichtslimite zur Diskussion stand. Als möglicher Auslöser für die Abkehr von den 28 Tonnen war das überraschende Nein der Bevölkerung zum EWR-Beitritt im Dezember 1992. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stand die Schweiz erneut vor politischen Herausforderungen und mitten in der Diskussion um die Frage nach der europäischen Integration. In diesem Kontext schienen die Positionen der politischen Akteure jedoch nicht so eindeutig und man benötigte in der Frage nach einer europäischen Annäherung neue Deutungsmuster.