Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Windler
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2020/2021
Abstract
Die Masterarbeit beleuchtet französisch vermittelte Interaktionen zwischen Tunis und dem Johanniterorden im ausgehenden 18. Jahrhundert. Letzterer hatte sich in seinen Statuten auferlegt, einen ewigen Krieg gegen die Muslime zu führen, was seit der Seeschlacht von Lepanto 1571 seinen Ausdruck im Wesentlichen in einem anhaltenden und von beiden Seiten ausgetragenen Korsarenkrieg fand. Was aber bedeutete diese Ausgangslage in der Praxis eines mediterranen Raums, der im 18. Jahrhundert immer mehr den Charakter einer Kontakt- als jener einer Konfliktzone annahm?
Die Auseinandersetzung mit den Korrespondenzen der französischen Konsuln in Tunis, den Chargé d’Affaires in Malta sowie deren Prinzipalen in Versailles eröffnet eine vielschichtige Perspektive auf die teils divergierenden, teils konvergierenden Interessen der involvierten Akteure. Das Nebeneinander situativer Feindseligkeit und längst intensiver, wenngleich noch indirekter Handelsbeziehungen bildete das Spannungsfeld, in dem Normen abwechslungsweise eingehalten, angezweifelt und neu ausgehandelt wurden.
Hier setzt die Arbeit an. Anhand konkreter Beispiele werden solche Aushandlungsprozesse analysiert. Der erste Hauptteil widmet sich dem Streben des Beys, mit Malta einen dauerhaften Frieden zu schliessen. Der akteurszentrierte Fokus erlaubt es nicht nur, nach den Interessen der Verhandlungspartner zu fragen, sondern erweitert die Perspektive und führt mitunter zur Frage nach den Absichten der involvierten Franzosen: Inwiefern fürchteten jene um die Geschäfte der eigenen caravane maritime, sollten Tunis und der Johanniterorden Frieden schliessen?
Der zweite Hauptteil beleuchtet den Freikauf von Sklaven und Gefangenen bzw. die im Zusammenhang mit dem Korsarenwesen entstandenen Interaktionen. Wie konnten trotz fehlender Abkommen zwischen dem Orden und dem Bey Gefangene ausgetauscht werden? Auf welche Normen beriefen sich die Akteure bzw. wie wurden jene in actu hervorgebracht und ausgelegt? Inwiefern vermochten die Franzosen im Einzelfall auf die Ausgestaltung der tunesisch-maltesischen Aushandlungsprozesse Einfluss zu nehmen?
Während sowohl der erste wie auch der zweite Hauptteil Prozesse beleuchten, die im Zusammenhang mit alltäglichen Ereignissen stehen, behandelt der dritte und letzte Hauptteil die Frage, wie bei ausserordentlichen Situationen verfahren wurde – namentlich nach einem maltesischen Angriff auf drei tunesische Galioten im tunesischen Hafen von La Goulette. Die Tatsache, dass es sich bei jenem Angriff im Untersuchungszeitraum um einen isolierten Einzelfall handelte, macht die Abgrenzung zum Normalfall umso deutlicher: Interaktionen im Rahmen von vertraglichen Normen und Herkommen («usage»), die beide Seiten anerkannten – seien sie nun friedlicher Natur oder im Rahmen von Korsarenaktivitäten. Welche Rolle vermochte die normative Vorgabe eines statutarisch festgeschriebenen ewigen Kriegs vor dem Hintergrund solcher Entwicklungen noch zu spielen?
Anhand dieser und weiterer Beispiele lässt sich ablesen, wie im untersuchten Zeitraum Handelsinteressen trotz anhaltendem de-iure-Kriegszustand gegenüber feindseligen Interaktionen in den Vordergrund traten. Sowohl die Tunesier wie auch die Malteser hatten ein unverkennbares Interesse, den gegenseitigen Warenverkehr dem Zugriff feindlicher Korsaren weitestgehend zu entziehen. Die Arbeit gibt einen Einblick in die damit einhergehenden Aushandlungsprozesse, zeigt aber auch auf, dass jene dort an Grenzen stiessen, wo insbesondere der Johanniterorden sich um seine selbst auferlegte Daseinsberechtigung als christliche Speerspitze gegen die Muslime sorgte und zugleich französische Akteure um ihre Handels- und Schifffahrtsinteressen fürchteten, die aufgrund der Neutralität der französischen Flagge durch die andauernden Konflikte zwischen maltesischen und maghrebinischen Korsaren begünstigt wurden.