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Panelbericht: Zur Kritik der digitalen Ökonomie

Autor / Autorin des Berichts: 
Anna-Pierina Godenzi
ap.godenzi@gmail.com
Universität Bern

Zitierweise: Godenzi, Anna-Pierina: Panelbericht: Zur Kritik der digitalen Ökonomie, infoclio.ch Tagungsberichte, 22.08.2019. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0220>, Stand: 24.10.2020.

Verantwortung: Christiane Sibille / Martin Rüesch
Referierende: Ariana Dongus / Moritz Feichtinger / Carlo Vercellone

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Das Kapital ist nach Marx nicht ein Gegenstand, sondern vielmehr eine Relation zwischen Klassen, die in asymmetrischen Besitzverhältnissen reproduziert wird. Die Bedingung für das Kapital ist die Lohnarbeit. Im 19. Jahrhundert stand eine zahlenmässig überlegene Arbeiterschaft einer kleinen Gruppe von Besitzbürgern gegenüber. Erstere leistete nicht nur viel zu günstige Arbeit, ihr wurde auch politische Macht und die Möglichkeit zur Selbstentfaltung verweigert. Marx’ Analysen haben auch in der digitalisierten Welt noch ihre Berechtigung: Der privilegierte Zugang zu Daten als Ressource stellt die Grundlage für zukünftigen Reichtum dar – und bleibt jetzt schon einem Grossteil der Bevölkerung verschlossen. In diesem Panel werden diese Prozesse in historischer Perspektive durchleuchtet.

Der Datenkapitalismus generiere neue Arbeitsorte und –formen, so ARIANA DONGUS (Karlsruhe). Sie stellt die These auf, dass sich neue Formen der immateriellen Arbeit etablieren und zeigt das anhand der Registrierungspraxis in Flüchtlingscamps der UNHCR. Vor dem Eintritt in ein solches Camp müssen sich die geflüchteten Menschen mittels Iris-Scan registrieren. Nur nach einem solchen Scan erhält man Eintritt und Unterstützung. Dieses neue Vorgehen der „face-to-screen“-Registrierung beschreibt einerseits eine neue Form der logistischen Abwicklung und andererseits eine neue Form der technologischen Kontrolle, da die Mobilität der Menschen überwacht wird. Somit findet eine Reproduktion hegemonialer Strukturen statt: Die „Arbeit“ ist unfreiwillig (ohne Iris-Scan keine Unterstützung) und findet an einem anderen Ort statt als die Entwicklung der Technologie. Dieses Vorgehen zeigt auch einen neuen Entwicklungsprozess technologischer Produkte: Anhand der Erfahrungen in den Flüchtlingscamps wird die Iris-Scan-Technologie laufend analysiert und verbessert. Die geflüchteten Menschen dienen somit auch als Datengrundlage und müssen daher als wichtige Produktivkraft verstanden werden. Diese Arbeit leisten sie als „Körper-Daten-Hybride“ jedoch in einer prekären, unsicheren und unfreien Form. Das Beispiel zeigt, dass die Digitalisierung dabei helfen kann, Arbeit zu verlagern, nicht jedoch die Arbeiter*Innen, denn trotz Digitalisierung wird die Arbeit an und über spezifische Körper ausgeführt.

Auch CARLO VERCELLONE (Paris) greift neue Formen der Arbeit auf, die sich durch den neuen „capitalisme cognitif“ ergeben. In deutlicher Abgrenzung zum Früh- und Industriekapitalismus ist der „capitalisme cognitif“ gekennzeichnet durch die Dominanz geistiger und immaterieller Arbeit bei der Erwirtschaftung von Profit und Reichtum. Er streicht heraus, dass ein immer grösserer Teil der Bevölkerung Informationen verarbeite, Wissen produziere oder sich anderweitig in Beziehungen einbringe, die auf Wissensaustausch basieren. Somit wird Wissen und Information immer mehr zu einer Ware. Ein weiteres Merkmal des „capitalisme cognitif“ sei die fortlaufende Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit. Dieser Vorgang wird durch das Internet besonders vorangetrieben, da es neue, versteckte Formen der immateriellen Arbeit begünstige. Das Paradox des Internets ist es, dass es zu Beginn als dezentralisiertes, nicht-kommerzielles Allgemeingut gedacht war, heute jedoch das Objekt eines machtvollen Dezentralisierungsprozesses und der Kommerzialisierung darstellt. Vercellone erklärt dieses Paradox mit dem Konzept des „Gratis-Handels“, das einen (vermeintlich) gegenseitigen, unentgeltlichen Austausch beschreibt: Plattformen wie Google und Facebook bieten ihre Dienstleistungen gratis an und ihre Kundschaft gibt ihnen gratis ihre Daten. Diese werden von den Plattformen an Werbefirmen verkauft, welche dann wiederum dieselbe Kundschaft bewerben. Aus dieser „free digital labour“ machen Internet-Oligopole Profit. Dabei werde verkannt, dass digitale Arbeit nicht nur eine Arbeit, sondern auch in einen profitoptimierenden Prozess eingebunden ist. Dem zugrunde liegt, dass die digitale Arbeit von der Allgemeinheit nicht als „richtige“ Arbeit wahrgenommen werde und deshalb nicht sichtbar sei, oft nicht einmal für diejenigen, die sie verrichten.

Ergänzend dazu widmet sich MORITZ FEICHTINGER (Zürich) der Entwicklung und Produktion materieller Güter und der räumlichen Verteilung von Arbeit im Zuge der Digitalisierung. Er geht dabei von der Feststellung aus, im Rahmen der Diskussion um die Digitale Ökonomie werde vermehrt die Ansicht vertreten, dass materielle Produktionsmittel zunehmend weniger Relevanz hätten im Vergleich zu den aufkommenden digitalen, nicht-materiellen Gütern (Daten, Software). Dies wird mit Bezug auf die Produktion von Halbleitern in globaler, historischer Perspektive hinterfragt, denn ohne die Erfindung und Weiterentwicklung der Halbleiter wäre die digitale Revolution nicht möglich gewesen. Ein Rückblick auf die Halbleiter-Industrie zeigt eine sich wiederholende Struktur der internationalen Arbeitsteilung, denn da die Produktionsschritte voneinander trennbar sind, lassen sie sich geografisch dezentralisieren. So verbleiben die kapitalintensiven Bereiche wie Forschung und Entwicklung in den globalen Zentren. Die Montage hingegen wird an die Peripherie ausgelagert. In den 1960er Jahren beginnen darum amerikanische Hersteller, auch in Südostasien zu produzieren. Dies wiederholt sich auch bei den vier Tigerstaaten: Nach einer massiven Staatsinvestition in die Bildung bauen sie eine eigene Halbleiterindustrie auf und lagern ihre Produktion unter anderem nach Malaysia und auf die Philippinen aus. Diese geografische Arbeitsteilung verläuft parallel zu einer sozialen Trennung: Im Zentrum finden sich in der Entwicklung und Forschung zumeist hochqualifizierte Männer, in der Peripherie junge Migrantinnen in der Produktion. Diese konzentrische Struktur weist eine relative Stabilität auf: Die Billigproduktion zieht schnell weiter und die Zentren verbleiben an derselben Stelle

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Bei der Halbleiterindustrie entstehen durch Lohnarbeit Klassenbeziehungen zwischen einer kleinen, machtvollen Gruppe und einer grossen, arbeitsleistenden Gruppe. Dies resultiert in einer ungleichen Verteilung von Reichtum und unterschiedlichen sozialen Bedingungen. Die Halbleiterindustrie als Grundlage für die digitale Revolution reproduziert die Machtverhältnisse des 19. Jahrhunderts und ihre Konsequenzen. Auf den ersten Blick jedoch scheinen die Marx’schen Grundsätze nicht überall zu greifen. Durch die Digitalisierung und den Datenkapitalismus entstehen sowohl neue Arbeitsorte, wie das Flüchtlingslager, aber auch neue Arbeitsformen. Diese haben zunächst nichts mit Lohnarbeit zu tun, da sie nicht direkt mit Lohn vergütet werden: Der Iris-Scan der Geflüchteten und die „free digital labour“ in den sozialen Netzwerken werden unentgeltlich geleistet. Doch zeigen gerade diese Beispiele, dass der Datenkapitalismus Vermischungen zwischen Ware und Währung hervorbringt: Daten haben sowohl einen Wert auf dem Markt, sind aber gleichzeitig auch die Einheit, mit der Menschen für eine Dienstleistung – die Aufnahme in ein Flüchtlingscamp oder auf einer sozialen Plattform – bezahlen. Diese Daten sind Ausdruck und Bestandteil der eigenen Identität. Ihre Abgabe an Unternehmen (unentgeltlich und zumindest zeitweise unfreiwillig) bedeutet somit auch eine Abgabe der eigenen Macht und Autonomie. Dieser freiwillige, unentgeltliche digitale Arbeit im reichen globalen Norden auf den sozialen Plattformen steht die unfreiwillige, unentgeltliche Arbeit in den Flüchtlingscamps gegenüber, die von an sozial und wirtschaftlich geschwächten Menschen geleistet wird. Im Bereich der digitalen Arbeit finden also perfide Vermischungen statt, indem die Gruppe des Besitzbürgertums von der digitalen, unbezahlten Arbeit einer schwächeren Gruppe profitiert und diese gleichzeitig durch eigene, unentgeltliche digitale Arbeit einer anderen Gruppe zur Vergrösserung deren Profits verhilft.


Panelübersicht:

Dongus, Ariana: Versteckte Arbeitsorte im Datenkapitalismus

Vercello, Carlo: Le déplacement des frontières entre travail et temps libre dans le passage du capitalisme industriel au capitalisme cognitif. Le cas du free digital labour

Feichtinger, Moritz: „Cloud-busting“: Materialität, Arbeit und Energie in der globalen „Digitalen Ökonomie“



Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen

Veranstaltung: 
5. Schweizerische Geschichtstage
Organisiert von: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Universität Zürich
Veranstaltungsdatum: 
05.06.2019
Ort: 
Zürich
Art des Berichts: 
Conference