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Panelbericht: Fund-reich?

Autor / Autorin des Berichts: 
Valentin Rubin
v.rubin@ggaweb.ch
Universität Zürich

Zitierweise: Rubin, Valentin: Panelbericht: Fund-reich?, infoclio.ch Tagungsberichte, 05.08.2019. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0215>, Stand: 04.12.2020.

Verantwortung: Lotti Frascoli / Michael Nadig
Referierende: Elias Flatscher / Lotti Frascoli / Matthias Grawehr / Michael Nadig



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Aus archäologischer Perspektive birgt «Reichtum» gewisse Probleme, bringt aber auch Erkenntnisgewinne für die Geschichtswissenschaft. Auf den ersten Blick ist das Konzept «Reichtum» in der Archäologie allgegenwärtig, man denke an Prunkgräber und Tempelanlagen. Wie ELIAS FLATSCHER (Zürich) in seiner Einleitung zum Panel aber erläutert, wird «Reichtum» in der Archäologie nur mit Vorsicht behandelt. Es handelt sich um einen relativen Begriff, der von zahlreichen Aspekten abhängt. Daher sei es wichtig, den Fundkontext sowie die Bedeutung der Symbolik zu berücksichtigen. Reichtum oder «ökonomische Potenz» – wie man in der Archäologie bevorzugt sagt – bedürfe hier einer vielfältigeren Kontextualisierung als in der Geschichtswissenschaft.

MATTHIAS GRAWEHR (Universität Basel) zeigt in seinem Beitrag anhand römischer Grabfunde, wie Bildsymbolik auf den Reichtum der Toten hindeutet. Mit Blick auf zwei Nekropolen in der Nähe von Rom argumentiert er, dass in den Gräbern Reichtum unterschiedlich angedeutet wird. Wurden reiche Personen beerdigt, wie in der Nekropole Tenuta Vallerano, so ist Reichtum erkennbar durch wertvolles Grabinventar. Weniger naheliegend ist die Sachlage in der zweiten Nekropole, Castel Malnome, bei der es sich um 326 Gräber von Männern aus der römischen Unterschicht handelt. Grabbeilagen fehlen fast vollständig, da dies in der Unterschicht unüblich war. Die beiden Nekropolen zeigen exemplarisch auf: Die Grabpraktiken der verschiedenen sozialen Schichten unterschieden sich zum Teil stark, was insbesondere die jeweils beigelegten Tonlampen verdeutlichen. Während beim Grab der jungen, wohlhabenden Frau aus Vallerano auf diesen Lampen Amor zu erkennen ist, zieren bei den Lastenträgern aus Malnome Symbole ihres Berufes die Gefässe. Das heisst aber nicht, dass letzteren kein Reichtum mit ins Grab gegeben wurde: Ihre Arbeit hatte auch ihren Wert. Das Bild des Lastenträgers nimmt so auch eine wichtige Rolle in der Grabsymbolik ein: Ökonomischen Reichtum hatten die Lastenträger nicht, dafür wurde ihre Arbeitskraft als Reichtum im nicht-materiellen Sinn verstanden.

Mit einem Zeitsprung von fast 1500 Jahren setzt der zweite Beitrag des Panels ein, den MICHAEL NADIG und LOTTI FRASCOLI (Zürich) gemeinsam bestreiten. Nadig stellt die Frage, wie sich Reichtum im spätmittelalterlichen Zürich fassen lasse. Klassischerweise würde man Steuerlisten und demographische Schichtmodelle erstellen. Allerdings handele es sich dabei letztlich um Zahlen, die auf willkürlich vorgenommenen Abstufungen zwischen arm und reich basieren und die häufig als Schätzwerte nicht aussagekräftig sind. Nadig schlägt daher einen alternativen Ansatz vor und setzt den Fokus auf demonstrativen Konsum von Kleidung, Nahrung und Hausrat. Diese Aspekte sind mit Rechnungsbüchern oder Inventarlisten fassbar. Am Beispiel des Zürcher Chorherren Niklaus Münch versucht Nadig, ein genaues Bild von dessen Reichtum Ende des 15. Jahrhunderts zu zeichnen, wobei er den Fokus – gemäss seinem Vorschlag – auf Konsumgüter legt. Reichtum wurde aber auch in Ländereien angelegt, und Inventarlisten widerspiegeln oft den erwünschten, nicht aber den effektiven Besitz. Reichtum als Aspekt eines wohlhabenden Lebens ist folglich nicht unproblematisch und auch nicht immer klar bestimmbar. Nicht zuletzt, weil im Spätmittelalter für die Menschen nicht nur der Reichtum an sich zählte, sondern auch, wie man dazu gelangte. Menschen wollten primär nicht reich, sondern adelig sein – so eine gängige These in der Forschung –, das heisst: Durch Erbe weitergegebener Reichtum zählte mehr als durch eigene Arbeit generierter. Im Unterschied dazu kann die Archäologie ein anderes Resultat liefern, sodass zwischen schriftlicher und materieller Hinterlassenschaft Unterschiede auftreten können. Lotti Frascoli greift Nadigs Ausführungen auf und versucht, aus archäologischer Sicht Reichtum im reformatorischen Zürich zu fassen. Auf archäologischer Basis lässt sich in der Regel eher kollektiver Reichtum bemessen. Denn der Fundkontext ist für Aussagen über Artefakte entscheidend, und nur in seltenen Fällen lässt sich auf die Lebensumstände einer spezifischen Person schliessen. Konkret beleuchtet Frascoli einen Fundkomplex im ehemaligen Zürcher Kratz-Quartier. In nachreformatorischer Zeit wurde im Zuge der Stadterweiterung Material in den See geschüttet. Darunter finden sich viele Keramikreste, anhand derer nicht nur die Verbreitung spezifischer Keramiken und deren Motivik erkennbar ist, sondern ebenso ein Wandel der dargestellten Bilderwelt. Nach der Reformation war katholische Ikonographie nicht mehr erwünscht, weswegen unter dem vermeintlichen Abfall besonders häufig katholische Motive auftauchen. Was das für eine archäologische Untersuchung zum Thema Reichtum bedeutet, sei, so Frascoli, klar: Es handele sich quasi um eine Zerstörung von Wissen und der damit verbundenen reichhaltigen Bilderwelt. Aber dass mit einer archäologischen Untersuchung andere Aspekte herausgearbeitet werden können, nämlich dass Keramik nicht nur bei Reichen zum Inventar gehörte, oder dass sich der religiöse Wandel in der Veränderung des Hausrates niederschlägt, zeigt erstens, wie relativ ein Konzept von «Reichtum» sein kann, und zweitens, wie wichtig es ist, sich der Thematik interdisziplinär zu nähern.

Im letzten Panelbeitrag beleuchtet Elias Flatscher materielle Überreste, die in Latrinen – den «Universalmüllschluckern» seit dem 13. Jahrhundert – auffindbar sind. Am Beispiel des Jagdschlosses Thaur sowie einem nahegelegenen Gasthof bei Hall im Tirol zeigt er auf, welches Spektrum an Gegenständen in Latrinen landen konnten – von Münzen, Toilettenartikeln oder Trinkgefässen bis zu Keramik, Waffen oder gar Mordopfern. Latrinen eignen sich sehr gut für eine breit angelegte Untersuchung, da man sie überall finden kann, sodass ein repräsentativer Vergleich möglich ist. Anhand der Fäkalienschichtung sowie der Überreste in den Latrinen können archäologische Untersuchungen anschaulich zeigen, wie sich beispielsweise die Ernährung der Oberschicht über längere Zeiträume hinweg verändert hat. Die sogenannte «Garbology» generiert in zweierlei Hinsicht einen Mehrwert: Einerseits liefert sie einen grossen Quellenfundus, der ergänzend zu schriftlichen Quellen viel über das Konsumverhalten – und damit über den Reichtum – der jeweiligen Zeit aussagt. Andererseits erhellt sie den Blick auf die Verteilung von Reichtum. Was in Museen an Prunkgegenständen ausgestellt wird, ist häufig weniger alltagsnah als das, was man in Latrinen finden kann.

In der Zusammenschau der drei Beiträge wird klar, wie problematisch es ist, mit dem Begriffskonzept «Reichtum» zu arbeiten. ANDREAS VICTOR WALSER (Zürich), Mitorganisator der Geschichtstage 2019, gibt denn auch zu bedenken, dass der Begriff zwar schwammig und schwierig zu handhaben sei. Aber diese Unschärfe ermögliche es auch zu zeigen, dass die verschiedenen Aspekte von Reichtum ineinander greifen und dass so unterschiedliche Zugänge möglich würden. Genau diese Interdisziplinarität schlagen die Beiträge vor, allerdings ist die Aussage, die sich daraus ergibt, auch sehr naheliegend: Nämlich, dass «Reichtum» in der Archäologie wie auch in der Geschichtswissenschaft ein problematischer Begriff ist. Nichtsdestotrotz zeigen alle drei Beiträge, inwiefern dabei auftretende Probleme zu beurteilen sind, ohne dabei das Konzept gänzlich zu verwerfen.


Panelübersicht:

Grawehr, Matthias: Bilder für Arm und Reich? Römische Grabfunde als methodischer Testfall

Flatscher, Elias: Pecunia (non) olet. Latrinenarchäologie – Die schmutzige Seite des Reichtums

Frascoli, Lotti / Nadig, Michael: Reichtum im Seewasser. Wohlstand in Zürich vor 1542 im archäologisch-historischen Methodenvergleich



Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen

Veranstaltung: 
5. Schweizerische Geschichtstage
Organisiert von: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Universität Zürich
Veranstaltungsdatum: 
07.06.2019
Ort: 
Zürich
Art des Berichts: 
Conference
Dateianhänge: