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Panelbericht: Wealthy State = Healthy Populations? State Interventions, Health and Inequalities since the Nineteenth Century

Autor / Autorin des Berichts: 
Sandra Sieber
sandra.sieber@stud.unibas.ch
Universität Basel

Zitierweise: Sieber, Sandra: Panelbericht: Wealthy State = Healthy Populations? State Interventions, Health and Inequalities since the Nineteenth Century, infoclio.ch Tagungsberichte, 08.07.2019. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0199>, Stand: 22.10.2020.

Verantwortung: Frédéric Vagneron / Mirjam Janett
Referierende: Maria Böhmer / Arno Haldemann / Peter Streckeisen
Kommentar: Martin Lengwiler


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Die stetig steigenden Kosten im Gesundheitswesen sind ein politisch hochaktuelles Thema und rangieren derzeit auf dem zweiten Platz des neuesten Schweizer Sorgenbarometers. Die historischen Perspektiven auf den Gegenstand, die das Panel verspricht, sind also spannend. Das betonte auch FRÉDÉRIC VAGNERON (Zürich) in seiner kurzen Einführung und ergänzte auf das Panel bezogen: „It’s a challenge“ – eine Herausforderung hinsichtlich des Zeitmanagements, der Komplexität des Gegenstandes sowie der interdisziplinären Ausrichtung.

ARNO HALDEMANN (Basel) illustrierte am Beispiel von Bern, dass es im bevölkerungspolitischen Diskurs des 18. Jahrhunderts zu einer Verbindung zwischen allgemeinem Wohlstand und der Gesundheit der Bevölkerung kam und postulierte, dass Gesundheitspolitik in diesem spezifischen Kontext zugleich Herrschaftskritik war. In Bern wurde diese Verbindung primär durch Mitglieder der 1759 gegründeten Oekonomischen Gesellschaft hergestellt. Den historischen Hintergrund bildete eine längere Periode der demographischen Stagnation, die im 18. Jahrhundert auch in anderen Regionen Europas zu verzeichnen war. Diese liess in der gelehrten europäischen Öffentlichkeit bereits seit den 1740er-Jahren – in einem Klima wachsender nationaler Konkurrenz – die Angst vor dem militärisch und wirtschaftlich bedrohlichen Szenario der Entvölkerung grassieren. In der Eidgenossenschaft stellte die Oekonomische Gesellschaft das zentrale Forum für bevölkerungspolitische Interessen dar: Sie verfügte nicht nur über herausragende Denker, sondern auch über ein transnationales Netzwerk. In ihrem umfassenden Reformprogramm setzte sie Reichtum und Gesundheit – zusammenfassend als „Wohlstand“ verstanden – in einen unmittelbaren Zusammenhang. 1764 schrieb die Gesellschaft eine Preisfrage zum Zustand der Bevölkerung im Territorium aus. In seinem Beitrag diskutierte Haldemann nun Auszüge aus Berichten von vier Waadtländer Pfarrern. Diese hatten sich intensiv mit der Gesundheit der Bevölkerung als Grundlage von (Bevölkerungs-) Wachstum und Prosperität auseinandergesetzt und dabei mehr oder weniger explizit Kritik an der Politik der Bernischen Obrigkeit formuliert. Am deutlichsten trat diese jedoch in Jean-Louis Murets preisgekrönter Schrift hervor. Muret arbeitete bereits seit 1761 an einer Studie zur Bevölkerungsentwicklung in der Waadt und diagnostizierte einen Bevölkerungsrückgang. Die Verantwortung verortete er bei der Berner Regierung, die der Gesundheit ihrer Bevölkerung zu wenig Sorge trage. In der Vorrede zur Publikation von Murets Studie erhob der damalige Sozietätspräsident den Wohlstand und damit auch die Gesundheit der Bevölkerung zum Beweis guten Regierens und bestärkte so Murets Kritik. Dass die Berner Obrigkeit als Reaktion auf die Publikation ein Verbot zur Beschäftigung mit demographischen Themen verhängte, stützt Haldemanns These bezüglich der Gesundheitspolitik als Herrschaftskritik.

MARIA BÖHMER (Zürich) referierte über die Milchhygiene als Problem der öffentlichen Gesundheit in der Schweiz seit den 1950er-Jahren. Sie konzentrierte sich dabei auf die Geschichte der Bekämpfung von Euterinfektionen im Spannungsfeld von Milchqualität, Lebensmittelsicherheit und Rentabilität. Im 20. Jahrhundert wurden Ernährungssicherung und Lebensmittelsicherheit als wichtige Pfeiler der „öffentlichen Gesundheit“ und insofern auch als Grundlage von „Reichtum“ (an-)erkannt. Die Produktion „gesunder Milch“ wurde damit zum erklärten Ziel der staatlichen Agrar- und Ernährungspolitik. Gleichzeitig entwickelte sich die Milchproduktion im Zuge der strukturellen Veränderungen in der Schweizer Landwirtschaft seit den 1950er-Jahren zu einer hoch technisierten, nach Rentabilität wirtschaftenden Branche. Die neuen Verfahren generierten jedoch auch neue Probleme und so rückte in den 1960er-Jahren die „Eutergesundheit“ als Faktor für die Milchqualität in den Blick von Behörden, Milchproduzenten und Veterinärmedizinern. Böhmer erläuterte nun, wie der Fokus auf die Erregerbekämpfung zunehmend einem umfassenderen Blick auf die Eutergesundheit wich und 1972 zur Einführung des Eutergesundheitsdienstes (EGD) führte. Das Konzept des EGD sah eine enge Zusammenarbeit verschiedener Akteure sowie den Dreischritt von Prophylaxe, Überwachung und Sanierungsmassnahmen vor. Mit Blick auf das übergreifende Thema des Panel besonders spannend erscheinen zwei in diesem Zusammenhang erörterte Thesen: 1. Am Beispiel des EGD lasse sich die allgemeinere Entwicklung der Nutztiermedizin zu einer „prophylaktischen Kollektivmedizin im Dienste landwirtschaftlicher Produktivität und der öffentlichen Hygiene”1 beobachten. 2. Die im EGD betonte Freiwilligkeit der Kooperation der Tierbesitzer sei in Anbetracht der nach Qualitätsmerkmalen abgestuften Bezahlung nicht ganz so zwanglos gewesen. Der Zusammenhang von Reichtum und Gesundheit wird also auch in dieser Geschichte der Milchhygiene, in der Milchqualität, Lebensmittelsicherheit und Rentabilität immer als umkämpftes Feld staatlicher und nichtstaatlicher Akteure sowie medizinischem und ökonomischem Wissen in Erscheinung treten, greifbar.

PETER STRECKEISEN (Zürich) gab Einblick in seine noch unabgeschlossene Studie zu den Veränderungen im Schweizer Gesundheitswesen seit den 1970er-Jahren. Zwischen 2014 und 2016 hat er vierzehn biographisch orientierte Interviews mit führenden Akteuren des Schweizer Gesundheitswesens geführt. Die Entwicklungen und Machtverschiebungen, die er unter dem Begriff der „Ökonomisierung“ verhandelte, sollten in seinem Beitrag am Beispiel der verschiedenen Erwerbsbiografien nachvollziehbar gemacht werden. Zunächst erläuterte Streckeisen seine vier Ausgangsthesen: 1. Spätestens seit 1982 habe ein Kostenreduktionsdiskurs die gesundheitspolitische Diskussion dominiert. Das habe zu einer diskursiven Transformation von „Gesundheit“ in ein ökonomisches Gut geführt. 2. Die Einführung der allgemeinen Versicherungspflicht 1996 gehöre nicht in die Geschichte sozialstaatlichen Ausbaus, sondern sei unter Gesichtspunkten der Marktschaffung und Marktregulation sowie der konstitutiven Beziehung von Markt und Staat zu diskutieren. 3. Die Transformationen im Bereich der öffentlichen Gesundheit seit den 1980er-Jahren und das Aufkommen neuer Macht-Wissens-Komplexe könnten in Begriffen der Ökonomisierung beschrieben werden. 4. Dabei könnten Machtverschiebungen zwischen drei dominanten institutionellen Logiken – der professionellen Logik, der bürokratischen Logik und der Managementlogik – beobachtet werden. Vor diesem Hintergrund gab er Einblick in vier Interviews. Die von Streckeisen gesetzten Titel wie „The Disembedding of Health Funds“ oder „The Rise of Economists“ lassen bereits erkennen, für welche Entwicklungen oder (Macht-)Verschiebungen im Gesundheitswesen die jeweiligen Erwerbsbiografien Streckeisen zufolge stehen.

MARTIN LENGWILER (Basel) verwies in seinem Kommentar zunächst auf das Fehlen einer epochenübergreifenden Darstellung des Gesundheitswesens in der Schweiz und skizzierte mögliche Gründe: etwa die Sperrigkeit des Begriffs „Gesundheit“, der sowohl ein materielles als auch ein immaterielles Gut bezeichne, insbesondere aber die Schwierigkeit ein epochenübergreifendes Narrativ zu definieren. Der Umriss eines solchen Narrativs sei durch die Beschreibung des Panels zwar aufgerufen, durch die drei an sich inhaltlich spannenden Referate jedoch nicht wirklich eingelöst worden. Die Stellungnahmen der Panelverantwortlichen und der ReferentInnen zu diesem kritischen Einwand blieben allerdings eher vage. Zusammenfassend kann festgehalten werden: Das Panel konnte kein neues übergreifendes Narrativ liefern, in der Vielfältigkeit der Themengebiete, der methodischen Zugriffe und der Zeithorizonte wurde aber die Komplexität des Gesundheitswesen und seiner Geschichte greifbar. Die Verbindung von Reichtum und Gesundheit als epochenübergreifende Struktur schien in allen Referaten auf, verdiente aber noch expliziter be- und hinterfragt zu werden.


Anmerkungen

1 Vgl. Artikel Tiermedizin im Historischen Lexikon der Schweiz (Zugriff 8. Juli 2019).

Panelübersicht:

Haldemann, Arno: «Milchhygiene» als Problem der öffentlichen Gesundheit. Zur Produktion von «gesunder» Milch in der Schweiz ab den 1950er Jahren

Böhmer, Maria: «schwächliche gesundheit» – «geringe anzahl bürger». Populationist Pastors, Public Health and Criticism of Government in 18th-Century Bern

Streckeisen, Peter: The Changing Role of the Medical Profession, the State and the Market in Public Health: Swiss Pieces of Oral History


Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen

Veranstaltung: 
5. Schweizerische Geschichtstage
Organisiert von: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Universität Zürich
Veranstaltungsdatum: 
07.06.2019
Ort: 
Zürich
Art des Berichts: 
Conference