Panelbericht: Global Player – Local Storage? Schweizer Wirtschaftsarchive zwischen (globaler) Geschäftstätigkeit und (lokaler) Überlieferungsbildung

Autor / Autorin des Berichts
Carolin Foehr, Universität Freiburg
Zitierweise: Foehr, Carolin: Panelbericht: Global Player – Local Storage? Schweizer Wirtschaftsarchive zwischen (globaler) Geschäftstätigkeit und (lokaler) Überlieferungsbildung, infoclio.ch Tagungsberichte, 2013. Online: infoclio.ch, <http://dx.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0036>, Stand:


Verantwortung: Irene Amstutz
Moderation: Roman Rossfeld
Referentinnen: Tanja Aenis / Irene Amstutz / Doris Eizenhöfer / Daniel Nerlich / Roman Rossfeld / Rebekka Wyler

Moderator ROMAN ROSSFELD erklärt zur Einführung, warum der Verband Schweizerischer Archivare und Archivarinnen (VSA) als Initiant des Panels diese Thematik in die Schweizeri-schen Geschichtstage miteinbringen wolle. Als Historiker sei er persönlich davon überzeugt, dass die Arbeit in Archiven eine zentrale Grundlagenarbeit für die historische Forschung darstellt. Als generelles Ziel der Referatenreihe macht Rossfeld die Sensibilisierung der wissenschaftlichen Seite für die Problematiken der Archivierung und des Archivzugangs aus. Gleichzeitig solle der Austausch zwischen beiden Ebenen intensiviert und damit eine Offenlegung der unterschiedli-chen Interessenlagen ermöglicht werden. Zudem räumt Rossfeld privaten Archiven mit der rasan-ten Entwicklung der Unternehmensgeschichte in den letzten zwanzig Jahren einen wachsenden Stellenwert ein.

Als erste Referentin gibt REBEKKA WYLER im Sinne eines Praxisberichts Einblick in die Recherchearbeit zu ihrer Dissertation „Schweizer Gewerkschaften und Europa (1960-2005)". Sie befasste sich dabei mit Aktivitäten von Schweizer Gewerkschaften in Europäischen Betriebsräten (EBR), die ab 1994 Gültigkeit hatten. Anhand dreier Fallbeispiele von transnationalen Konzernen mit Sitz in der Schweiz – Nestlé, Holcim und Alusuisse-Lonza – untersuchte Wyler die Auswir-kungen dieser neuen, europäischen Dimension auf die Arbeitsbeziehungen. Dabei stützte sie sich auf breitgefächerte Quellenbestände, die in unterschiedlichen und sowohl privaten als auch staat-lichen Archiven zur Verfügung standen. Obwohl seitens der untersuchten Konzerne einzig die Nestlé-Firmenarchive einsehbar waren (Holcim und Alusuisse-Lonza lehnten ab), hat die For-scherin über umfangreiche Quellenbestände verfügen können. Lange Schutzzeiten oder andere Nutzungseinschränkungen gelten bei Gewerkschaftsbeständen weitgehend nicht. Zudem konnte Wyler mittels Beständen in in- und ausländischen Dachverbandsarchiven bestehende Lücken in ihrer Fragestellung schliessen.

DORIS EIZENHÖFER stellt in ihrem Vortrag das Firmenarchiv der Evonik Industries AG vor. Der international agierende Konzern mit Sitz in Essen (D) ist in hundert Ländern aktiv und be-schäftigt rund 33‘000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Als Archivleiterin zeigt die Referentin die multiplen Herausforderungen auf, mit denen ein „global player“ im Bereich der Archivierung konfrontiert ist. So verfolgt das Evonik-Konzernarchiv das Ziel, einheitliche Richtlinien zu einer globalen Archivierung festzulegen. Einen Grundsatz sieht Eizenhöfer in sogenannten Vor-Ort-Lösungen, bei denen Akten ausländischer Akteure auch im Ausland bleiben. Obwohl dies den Arbeitsaufwand mit Blick auf die Durchsetzung von Mindeststandards erhöht, entstehen beson-ders für die Forschung relevante Vorteile (Einbeziehung nationaler Gesetzgebungen, kultureller Unterschiede und lokaler Sensibilitäten).

Ein zweites Beispiel konzerneigener Archive bildet das historische Archiv von Nestlé in Vevey. TANJA AENIS weist in ihrer Einführung darauf hin, dass das internationale Unternehmen neben seiner globalen Ausrichtung auch in den lokalen Märkten verwurzelt und historisch gewachsen ist. Somit vertritt Nestlé wie auch Evonik die Strategie, an lokalen Standorten produzierte Dokumente dort auch archivieren zu lassen. Das 1993 gegründete Historische Archiv in Vevey beherbergt vor allem Bestände und Sammlungen der Holding- und der Ländergesellschaft Schweiz. Als Herausforderung für die Archivierung relevanter Daten kristallisiert Aenis einerseits die Einführung neuer Informationstechnologien heraus, welche die Zerstreuung der Informationen zur Folge hat. Zum anderen sieht sie in der „extrem hohen“ Fluktuationsrate der Mitarbeiter ein grosses Risiko des Datenverlusts. Zudem sehen viele Märkte die Bestrebungen des Archivs, seine global angelegten Sammlungen um neue Bestände zu ergänzen oder darin bestehende Lücken zu schliessen, als sinnlosen zusätzlichen Arbeitsaufwand an. Aenis schliesst mit den Worten, dass eine umfassende konzerninterne Lobby-Arbeit unumgänglich für die Weiterentwicklung des historischen Archivs Nestlé ist.

Auf die durch die Globalisierung der privaten Wirtschaft entstandenen Herausforderungen für öffentliche Archive in der Schweiz weist IRENE AMSTUTZ hin. Während in multinationalen Konzernen der Professionalisierungsgrad der Archivarinnen und Archivaren ausgezeichnet sei, sieht die Ausgangslage bei KMU’s weitgehend um einiges schlechter aus. Der firmeneigenen Verantwortung, der Forschung in einem allgemeingesellschaftlichen Sinn Akten zur Verfügung zu stellen und damit als Kulturgut zu sichern, ist bislang noch nicht vollumgänglich verbreitet. Hier sieht Amstutz allerdings auch Unterstützungspotenzial seitens der öffentlichen Hand. Auf der Ebene der Archivwissenschaft sei es notwendig, spezifisch auf Firmenarchivierung ausgelegte Konzepte und Strategien auszuarbeiten und zu debattieren. Gleichzeitig sollten Firmenarchivare Leitsätze für die verschiedenen betroffenen Länder ausarbeiten und untereinander debattieren. Die Arbeitsgruppe „Archive der privaten Wirtschaft“ des VSA müsse hierbei mittels Erfahrungs-austausch, Angebot von Schulungen, Check-Listen und Werkzeugen eine unterstützende Rolle einnehmen. Wie auch die beiden Referentinnen zuvor sieht Amstutz in der elektronischen Akten-führung eine der grossen Herausforderungen für die Archivierungsarbeit. Auch hier müsse unter Fachkollegen und innerhalb der Konzerne auf gewisse Mindeststandards (Träger, Metadaten, etc.) hingewiesen werden.

Als Präsident der Arbeitsgruppe „Archive der privaten Wirtschaft“ der VSA stellt DANIEL NERLICH zum Abschluss der Referate deren Arbeit vor. Sensibilisierung für die Sicherung und Pflege der Wirtschaftsarchive mittels Öffentlichkeitsarbeit ist das Hauptmandat, das der VSA der Arbeitsgruppe übergeben hat. Die 1993 angedachte Arbeitsgruppe organisierte 2005 eine Fachtagung unter dem Titel „Unternehmensarchive – ein Kulturgut?“, wobei das Fragezeichen laut Nerlich seitdem durch ein Ausrufezeichen ersetzt werden konnte. In die 2009 erschienene Neuauflage des Inventars der Kulturgüter von nationaler und regionaler Bedeutung sind erstmals private Wirtschaftsarchive aufgenommen worden. Hierbei muss aber auch unterstrichen werden, dass durch den Eintrag nicht nur Mehrwerte, sondern auch Verpflichtungen für die Unternehmen entstanden sind. Der AG-Präsident wünscht sich eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Archivaren und Historikerinnen, welche ein genaueres Bild ihrer Berufsrealitäten verbreitet und bewerben könnte.

Die im Anschluss an die Referate geführte Debatte geht auf mehrere Problematiken ein. Zum einen diskutieren Doris Eizenhöfer und Tanja Aenis die Frage, ob eine global konzipierte und umgesetzte Vorgehensweise in der Archivierungspraxis von Vorteil sei. Beide sehen darin jedoch ein Gefahrenpotenzial, bei der die Überlieferungsbildung nicht gesichert werden könne. Im An-schluss daran stellt Moderator Roman Rossfeld die Frage nach einer auf eine verbesserte Überlie-ferungssicherung ausgerichteten Gesetzgebung. Hierbei sind sich die Referent/innen einig, dass eine Unterstreichung des Mehrwerts eines privaten Archivs für das allgemeingesellschaftliche Interesse für die betroffenen Firmen grösseren Erfolg verspreche. „Die wissenschaftliche Ausei-nandersetzung mit dem Archivgut kann sich auch positiv für die Firmen auswirken“, so Nerlich, der damit das Schlagwort „History-Management“ verbindet. Für Amstutz müssen auch und vor allem die verfügbaren Ressourcen (öffentlicher Archive) in die Problematik einbezogen werden. Tatsächlich zeigen die unterschiedlichen Wortmeldungen, dass ein neues, auf die Privatwirtschaft ausgerichtetes Finanzierungsmodell für Archivierungsarbeit vonnöten ist. Aufgeworfen werden dabei die Aspekte der Nutzungsregelungen, der Überlieferungsbildung und der Eigenverantwor-tung bestehender und rentierender privater Unternehmen.


Panelübersicht:

Rebekka Wyler: Das Puzzle transnationaler Arbeitsbeziehungen in Firmen- und Gewerkschafts-archiven

Doris Eizenhöfer: Das Beispiel der Evonik Industries AG und die Aktivitäten des Arbeitskreises Globalisierung der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare (VdW)

Aenis Tanja: Das Historische Archiv der Nestlé – Fallbeispiel eines ,global players‘ mit lokaler Überlieferungsbildung

Irene Amstutz / Daniel Nerlich: Globalisierte Archive? Die Herausforderungen der öffentlichen Archive (Archiv für Zeitgeschichte und Schweizerisches Wirtschaftsarchiv) und die Angebote der AG Archive der privaten Wirtschaft des VSA zur Sicherung der Unterlagen globaler Wirt-schaftsakteure

Veranstaltung
3. Schweizerische Geschichtstage 2013
Organisiert von
Departement für Historische Wissenschaften der Universität Freiburg / Schweizerische Gesellschaft für Geschichte (SGG)
Veranstaltungsdatum
Ort

Fribourg

Art des Berichts
Conference