Importbrot in Hungersnot. Verletzlichkeitsanalyse zur Hungerkrise 1816/17 in den Kantonen St.Gallen und beider Appenzell mit Erläuterung der von ihr ausgelösten Reaktionen

AutorIn Name
Gabriela
Bitzi
Art der Arbeit
Lizentiatsarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Pfister
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2008/2009
Abstract


Das Jahr 1816 gilt klimahistorisch als „Jahr ohne Sommer“, welches durch ungünstige Witterungsverhältnisse schlechte Getreideernten verursachte. Der daraus folgende Anstieg der Kornpreise brachte den Hunger in weite Teile Europas, auch in die Gegend der heutigen Ostschweiz. Interessanterweise litten auf europäischer, aber auch auf helvetischer Ebene einzelne Gebiete stärker unter der Teuerungswelle als andere. So fielen in den Kantonen im Westen der Eidgenossenschaft die Einbrüche der Geburtenraten und die Zunahme der Todesfälle wesentlich geringer aus als in den Kantonen im Osten. Besonders die beiden Appenzell und der Kanton St.Gallen verzeichneten eine starke Verringerung der Geburtenüberschüsse. Diese Unterschiede lassen sich durch eine höhere Verletzlichkeit der ostschweizerischen Gesellschaft auf klimainduzierte Subsistenzkrisen erklären, welche durch unterschiedliche strukturelle Voraussetzungen begründet ist.

Die Lizentiatsarbeit analysiert die Verletzlichkeit der Gesellschaft beider Appenzell und St.Gallen in der Hungerkrise von 1816/1 . Zunächst wird die Frage erörtert, in welchem Zustand der Verletzlichkeit bezüglich klimainduzierten Subsistenzkrisen sich die untersuchten Kantone befanden. Im zweiten Teil der Arbeit wird aufgezeigt, mit welchen Reaktionsmustern Obrigkeit, Landwirte, Händler und Private der Krise begegneten.

Zum Begriff der Verletzlichkeit (engl. „Vulnerability“) existieren zahlreiche theoretische Ansätze zum Thema Hunger. Die Arbeit fokussiert auf dem Konzept von Hans-Martin Füssel. Es unterscheidet einen internen und externen Wirkungskreis, der die Verletzlichkeit einer Gesellschaft auf sozio-ökonomischer und bio-physikalischer Ebene bestimmt. Innerhalb der Gesellschaft werden die Ursachen des Hungers gemäss Sarah Millman und Robert W. Kates in die Ebenen der Region, des Haushalts und des Individuums gegliedert und untersucht.

Die Arbeit zeigt auf, dass eine Kombination verschiedener ökonomischer und sozialer Faktoren zu einer starken Verknappung und Verteuerung der Lebensmittel und schliesslich zur Hungerkrise in der Ostschweiz führte. Dazu gehörten vorsorgliche oder aus eigener Not erstellte Importund Exportsperren der Nachbarländer und -kantone, sowie Spekulation und Hamsterkäufe. Speziell die Fruchtsperre Süddeutschlands, des Hauptlieferanten für Getreide nach Appenzell und St.Gallen, traf die Region schwer. Durch einen regelmässigen Warenaustausch mit den deutschen Ländern am nördlichen Bodenseeufer war zuvor ein festes Wirtschaftsgefüge entstanden, das zur Entwicklung eines integrierten Wirtschaftsraumes beitrug. Da sich die untersuchten Kantone auf die Viehwirtschaft spezialisiert hatten und kaum Nahrungsmittel anbauten, bestand ein grosser Importbedarf für Korn, Reis, Obst, Wein und Salz. Die Abhängigkeit vom Markt war ebenfalls verstärkt durch die verbreitete Heimarbeit und die protoindustrielle Spezialisierung auf das Textilhandwerk. Die gefertigten Produkte mussten exportiert, die Rohstoffe dazu importiert werden. Im gesamten Untersuchungsgebiet bestand ein grosses Sozialgefälle. Ein Grossteil der Bevölkerung lebte in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen, was die Verletzlichkeit der Region zusätzlich erhöhte.

Die Massnahmen der Obrigkeit bestanden praktisch durchgehend aus reaktiven Aktivitäten, die kurzfristig umgesetzt wurden. Präventionsmassnahmen gab es in allen untersuchen Kantonen nur in ungenügender Weise. Speziell in Innerrhoden reagierte die Obrigkeit spät, konzeptlos und inkonsequent. Dass die Massnahmen der Kantone unzureichend waren, lag nicht nur an der schlechten Organisation, sondern oft auch an der misslichen Finanzlage. Einzig im Kanton St.Gallen gelang es, das Getreide staatlich zu subventionieren und den Getreidepreis für die Bevölkerung um ein gewisses Mass zu reduzieren. Die breite Masse lebte grösstenteils ohne eigene Vorräte. Somit blieb ihr häufig nichts anderes übrig, als auf unnatürliche und krankmachende Ersatznahrung wie Wurzeln, Gras, Knochen und Buchenholz auszuweichen. Hunde und Katzen galten als Delikatessen. In Ausserrhoden und St.Gallen kam es zu einer grossen Auswanderungswelle nach Amerika, Russland, Frankreich und anderen Ländern. In der neuen Welt erwarteten die Auswanderer manchmal schlimme Schicksale, sei es, dass sie als Sklaven in die Hände von gewissenlosen Gutsbesitzern gerieten, oder dass sie Opfer von Räubern und Betrügern wurden.

Ein zusammenfassender Artikel zur Arbeit wird publiziert in: Unser Rheintal 2009. Jahrbuch für das St.Galler Rheintal. Bd. 66. Au SG, 2008.

Zugang zur Arbeit

Bibliothek

Akademische Arbeiten werden in der Bibliothek der jeweiligen Universität hinterlegt. Suchen Sie die Arbeit im übergreifenden Katalog der Schweizer Bibliotheken