Panelbericht: Die «Natur der Sache». Herstellung von Geschlecht und Ökonomie im 19. Jahrhundert

Author of the report
Selina
Bentsch
Universität Basel
Citation: Bentsch, Selina: Panelbericht: Die «Natur der Sache». Herstellung von Geschlecht und Ökonomie im 19. Jahrhundert, infoclio.ch Tagungsberichte, 02.08.2022. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0273>, Stand: 19.07.2024

Verantwortung: Matthias Ruoss
Referierende: Sarah Scheidmantel / Monika Wulz
Kommentar: Catherine Davies

 

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Die bekannte Redewendung der «Natur der Sache» drücke Selbstverständlichkeiten, Evidenz und Plausibilität aus – so MATTHIAS RUOSS (Zürich) in seiner Eröffnung des Panels über die Herstellung von Geschlecht und Ökonomie. Es stelle sich die Frage nach den Zusammenhängen von Wirtschaft und Geschlechterordnungen und welche Rückschlüsse hinsichtlich zeitgenössischer Naturvorstel­lungen dar­aus gezogen werden könnten. Das 19. Jahrhundert biete sich als zeitlicher Bezugsrahmen an, da sich in der kapitalistischen Moderne eine von biologisierten Geschlechterdifferenzen domi­nierte soziale Ordnung herausgebildet habe. Ruoss verfolgte mit dem Panel das Ziel, zwei For­schungsagenden zusammenzubringen: Zum einen werde danach gefragt, warum die Geschlechter­verhältnisse im Kapitalismus neu organisiert wurden, zum andern werde beleuchtet, wie Prozesse der Herstellung von Geschlechterverhältnissen damit verlinkt sind. An der Zusammenführung dieser beiden Agenden zeige sich die Wechselwirkung von Natur, Geschlecht und Ökonomie.
 
SARAH SCHEIDMANTEL (Zürich) sprach im ersten Beitrag über die Werbung für und den Einsatz von medizinisch-kosmetischen Vibrationsgeräten um 1900, die Krankheiten entgegenwirken und einen idealen weiblichen Körper schaffen sollten. Am Beispiel dieser Geräte zielte die Referentin darauf, die Verschränkung von Konsum und Weiblichkeitsvorstellungen um die Jahrhundertwende zu verdeutlichen.

Zunächst seien die vibrierenden Massagegeräte als medizinische Instrumente entwickelt worden – und das nicht zufällig im späten 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung und der begin­nenden Moderne. Nach Ansicht der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, und im Sinne des Nervendis­kurses jener Zeit, führten anhaltende Schwingungen bei der Bevölkerung zur Entwicklung eines «nervösen Selbst». Dem Reizübermass könne durch gezielte Vibration entgegengewirkt werden, so eine auf­kommende Vorstellung, indem die Zirkulation des Stoffwechsels angeregt und die Durchblu­tung ge­fördert werde – die Vibrationstherapie war geboren. Anders als bei Elektrotherapien wirkten die Vib­rationsgeräte rein mechanisch auf den Körper ein. Frauen seien zunehmend zur Zielgruppe gewor­den, da insbesondere ihnen «dünnere» Nerven attestiert wurden und die Vibrationshilfe damit in Verbindung stehende Leiden, z.B. «Hysterie» oder sogenannte «Frauenleiden» wie etwa Schwan­ger­schaftsbeschwerden, lindern sollte.

Die wenig zeitintensive und oft in Friseursalons durchgeführte Behandlung fand bald Eingang in die Schönheitspflege, wie die Referentin weiter ausführte. Ein junger, schöner und gesunder Körper war die Maxime – Gesundheit und Schönheit seien damit zu einem (ver)käuflichen Produkt geworden. Dass Schönheitsideale keine unveränderbaren Konstanten sind, sondern historischem Wandel un­ter­liegen, zeigt sich auch an der Werbung für Vibrationsgeräte, die mittels «emotionalem Branding» zu einem neuen Körperregime und einer Verschiebung der Schönheitsideale führte.

Werbebotschaf­ten suggerierten, dass nur ein hergestellter, optimierter (und nicht der natürliche) Körper ansehnlich und liebenswert sei. Vibrationsgeräte wurden auch geschlechtsabhängig beworben: Assoziierte man den männlichen Idealkörper mit Jugendlichkeit und Kraft, die durch Vibration hergestellt würden, wurde der weibliche Körper als unzureichend und unkontrolliert dargestellt, den es mit den Geräten zu verändern galt. In einem «Jahrmarkt der Eitelkeiten» waren vor allem die bürgerlichen Frauen mit dem nötigen Kleingeld die Zielgruppe der Werbung.

Scheidmantel zeigte in ihrem Beitrag den nicht zu unterschätzenden Einfluss der Werbung auf gän­gige Schönheitsideale und die Verflechtungen von körperlichen Idealen und Konsum: Weiblichkeit wurde erschaff- und veränderbar und der Körper der Frau zu einem dauerhaft verbesserungswürdi­gen Objekt – ein Bild aus dem 19. Jahrhundert, das sich bis in die heutige Zeit erhalten habe.
 
Im zweiten Beitrag legte MONIKA WULZ (Luzern) ihren Fokus auf die ökonomischen Grundlagen geis­tiger Arbeit im 19. Jahrhundert und fragte nach dem Zusammenhang von Eigentum und Produktivität von Frauen. Den Zusammenhang von Natur, Zivilisation und Fortschritt zeigte sie anhand des Werks der amerikanischen Suffragette Matilda Joslyn-Gage (1826-1898).

Die Industrialisierung war von In­novationen und Erfindungen geprägt, wobei das populäre Bild dieser Zeit in erster Linie durch be­rühmte Männer und Erfinder gekennzeichnet ist. Diese Wahrnehmung scheint sich auf den ersten Blick auch an den eingereichten Patenten zu bestätigen, die ab den 1860er Jahren an Bedeutung gewannen. Anhand einer Auflistung aus dem Jahr 1885 zeigte Wulz, dass Männer ein Vielfaches an Patenten einreichten (16´000 Patente) als Frauen (106 Patente). Gage habe allerdings bereits in den 1880er Jahren gegen den Ausschluss von Frauen aus der Wissenschaft argumentiert: In ihrem Artikel Women as an Inventor (1883) prangerte sie die Hindernisse an, die weibliches Erfindertum verunmöglichen und die niedrige Zahl an Patentanmeldungen durch Frauen erklären würden. Erfindungen seien ein Zei­chen für Zivilisation, Freiheit und Bildung. Frauen seien jedoch von Bildung, Unternehmertum und politischer Mitsprache ausgegrenzt und als Erfinderinnen nicht beachtet worden. In Anlehnung an ihre Arbeit wird die Verdrängung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft bis heute als «Matilda-Effekt» bezeichnet.

Wulz präsentierte einen zweiten von Gage veröffentlichten Beitrag, in dem diese 1893 kulturelle Mög­lichkeiten und Produktivi­tät von Frauengesellschaften bei den Ho-De’-No-Sau-Nee und den Iroquois mit US-amerikanischen Verhältnissen verglich. Bei den indigenen Gesellschaften habe sie eine für Frauen hoch entwickelte Gesell­schaftsform festgestellt: So hätten Frauen der Ho-De’-No-Sau-Nee eine gleichberechtigte ökonomische Rolle inne, wohingegen in den USA eine Gleichstellung hinsicht­lich der Bedingungen und Rechte nicht vorhanden sei. Gage beschreibt die Gleichberechtigung als ein Naturrecht und ihre Anerken­nung als solches als Zeichen des Fortschritts, wie die Referentin ausführte. Mit ihrer Arbeit zu weiblicher Produktivität habe sich Gage in den zeitgenössischen Dis­kurs zum Verhältnis von Natur, Zivilisation, Evolution und Primiti­vität eingeschrieben und gleichzei­tig gegen einflussreiche Literatur angeschrieben, die matriarcha­lische Strukturen als veraltet und amerikanische natives als unproduktiv darstellten.
 
Ruoss fasste zusammen, dass sich beide Vorträge mit weiblicher Produktivität beschäftigten, wobei das Gefäss des Kapitalismus, in dem Natur, Geschlecht und Ökonomie betrachtet wurden, einen Zu­sammenhang schaffe. Gemein hatten die Beiträge das Thema der weiblichen agency, wie auch im Kommentar von CATHERINE DAVIES (Zü­rich) sichtbar wurde, die Karin Hausens (1976) Thesen zur Po­larisierung der Geschlechterdefinition aufgriff. Die Referentinnen beschäftigten sich mit Geschlech­terunterschieden ausserhalb der fami­liär-häuslichen Sphäre, die in der bisherigen Forschung oft zentraler Bezugspunkt geblieben ist, und zeig­ten Frauen als ökonomische Akteurinnen, als Wissen­schaftlerinnen, Produzentinnen und Konsu­mentinnen. Das 19. Jahrhundert erwies sich dabei als treffend gewählter zeitlicher Rahmen, in dem ökonomische Veränderungsprozesse stattfanden, die auch Geschlechterdifferenzen konstruierten.



Panelübersicht:

Scheidmantel, Sarah: «Schlanke Fesseln, der Stolz der Dame». Die Entstehung optimierter Weiblich­keit durch den Konsum medizinisch-kosmetischer Vibrationsgeräte um 1900

Wulz, Monika: Erfinderinnen und Eigentumsrechte. Geschlecht und die ökonomischen Grundlagen von Innovationen im 19. Jahrhundert

Engel, Alexander: Was Frauen tun: Geschlecht als empirischer und normativer Gegenstand der Nati­onalökonomie im langen 19. Jahrhundert (ausgefallen)


Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts
tagen.

Event
6. Schweizerische Geschichtstage
Organised by
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Université de Genève
Event date
Place

Genf

Language
German
Report type
Conference