CfP: Gegenmedien von links und rechts: Geschichte, Medialität, Praktiken

1. February 2027
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Gegenmedien von links und rechts: Geschichte, Medialität, Praktiken

Internationale Tagung

18.-19. November 2027, Hochschule der Künste Bern & Universität Fribourg

Ort: Hochschule der Künste Bern, Holzikofenweg 8, Bern

 

Wer die Gesellschaft verändern will, muss sich Gehör verschaffen. Doch wie gelingt das, wenn die etablierten Medien als Teil jener Ordnung gelten, die man bekämpft? Nach 1945 waren es vor allem Akteur:innen der politischen Linken, die mit selbstorganisierten Medienprojekten gesellschaftliche Machtverhältnisse herausforderten – insbesondere seit den 1960er-Jahren mit eigenen Zeitschriften, freien Radios und Videogruppen. Heute prägen hingegen rechte Akteur:innen die digitalen Kommunikationsräume mit Nachrichtenportalen, Social-Media-Kanälen und Messenger-Gruppen. Der digitale Strukturwandel der Öffentlichkeit eröffnet ihnen dabei neue Handlungsspielräume: Etablierte Massenmedien verlieren zunehmend an Einfluss darauf, welche Informationen öffentlich zirkulieren, während die Aufmerksamkeitslogiken digitaler Plattformen die Sichtbarkeit polarisierender Botschaften erhöhen. 

Die jüngere medien- und politikwissenschaftliche Forschung hat sich intensiv mit diesem Zusammenspiel von rechten Medienstrategien, digitalen Kommunikationsräumen und politischer Mobilisierung beschäftigt. Weniger untersucht sind hingegen die historischen Voraussetzungen dieser Entwicklungen. Während zu den linken Medienpraktiken der 1960er- und 1970er-Jahre bereits einige Studien vorliegen, ist die historische Entwicklung rechter Medienprojekte bislang wenig erforscht.

 

Vor diesem Hintergrund widmet sich die Tagung der Frage, wie unterschiedliche politische Bewegungen und Milieus seit 1945 mediale Umbrüche, technische Neuerungen und gesellschaftliche Transformationen nutzten, um eigene Öffentlichkeiten aufzubauen, sich zu vernetzen und ihre Überzeugungen zu verbreiten. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf den 1960er- bis 1980er-Jahren, als neue, kostengünstigere Produktionsverfahren und alternative Distributionswege die Ausbreitung einer vielfältigen Alternativpresse begünstigten. Zugleich richtet die Tagung den Blick auf die digitalen Transformationen der 1990er- und 2000er-Jahre. Berücksichtigt werden Medienprojekte aus dem Umfeld der Neuen Linken, der Neuen Sozialen Bewegungen und der Alternativmilieus ebenso wie solche der extremen Rechten, insbesondere völkischer und neurechter Strömungen. 

Um Medienprojekte unterschiedlicher politischer Ausrichtung, historischer Kontexte und medialer Ausdrucksformen vergleichend untersuchen zu können, schlägt die Tagung das Konzept der Gegenmedien vor. Gemeint sind Medien, die sich in Opposition zu etablierten Medienangeboten positionieren, deren Praktiken und Repräsentationen herausfordern und eigene Deutungen und Wissensbestände produzieren und verbreiten. Damit lassen sich linke und rechte Projekte vergleichend untersuchen, ohne deren politische Ziele und gesellschaftliche Funktion gleichzusetzen.

Die Tagung verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, der historische Zugänge mit Perspektiven und Methoden der Medien-, Kultur-, Kunst-, Design- und Sozialwissenschaften verbindet. Sie untersucht gesellschaftliche und politische Deutungsangebote, weltanschauliche Bezüge und Vermittlungsstrategien von Gegenmedien. Besonderes Interesse gilt dabei der ästhetischen Gestaltung, dem multimodalen Zusammenspiel von Text, Bild und Ton sowie den Produktions- und Distributionspraktiken. Gefragt wird somit nicht nur, welche Inhalte und Bedeutungen Gegenmedien produzierten, sondern auch, wie sie hergestellt, gestaltet, verbreitet und genutzt wurden. 

 

Die Tagung bringt Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammen, die sich aus historischer Perspektive mit den politischen, sozialen, kulturellen und gestalterischen Dimensionen von Gegenmedien beschäftigen. Willkommen sind sowohl theoretische und konzeptionelle Überlegungen als auch historische Fallbeispiele aus der Zeit von 1945 bis in die 2000er-Jahre. Bezüge zu aktuellen Entwicklungen sind dabei ausdrücklich erwünscht, der Schwerpunkt der Beiträge muss jedoch auf einer historischen Untersuchung liegen. Beiträge können sich mit Printmedien ebenso befassen wie mit Radio, Video, Film, Fernsehen oder digitalen Medien. Besonders willkommen sind vergleichende und transnationale Perspektiven, die auch über den deutschsprachigen Raum hinausreichen.

Beiträge können sich an folgenden Themenfeldern und Fragen orientieren: 

Theoretische und konzeptionelle Zugänge 

Wie lassen sich Gegenmedien theoretisch verorten und mit verwandten Begriffen und Konzepten wie Alternativmedien, Gegenöffentlichkeiten, Gegenwissen und Gegenkulturen in Beziehung setzen? Inwiefern eignen sich diese häufig mit emanzipatorischen Bewegungen verbundenen Konzepte auch zur Untersuchung rechter, autoritärer oder antidemokratischer Medienprojekte? Welche begrifflichen Weiterentwicklungen sind dafür erforderlich? 

Themen, Diskurse und politische Vorstellungen 

Welche gesellschaftlichen und politischen Themen und Konflikte werden in Gegenmedien aufgegriffen und wie werden sie gedeutet? Wie werden Vorstellungen von Geschlecht, Körper, Natur, Gesundheit oder Gemeinschaft verhandelt? Wie werden Protest, Gewalt und Militanz legitimiert oder kritisiert, Feindbilder und Verschwörungsnarrative erzeugt oder utopische und dystopische Zukunftsentwürfe entwickelt? Welche Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Transfers und Abgrenzungen lassen sich zwischen unterschiedlichen politischen Milieus beobachten? 

Modalitäten, Ästhetiken und Design 

Mit welchen textuellen, visuellen, auditiven und audiovisuellen Mitteln erzeugen Gegenmedien Bedeutung und Aufmerksamkeit? Welche Rolle spielen Rhetorik und Narration, Bilder und Symbole, Stimme und Klang, Typografie, Layout und Montage? Wie werden etablierte mediale Formen angeeignet, verändert oder bewusst zurückgewiesen? Welche ästhetischen Strategien dienen dazu, eine wiedererkennbare mediale Identität herzustellen und sich gegenüber etablierten Medien oder konkurrierenden Gegenmedien abzugrenzen? 

Medienformen und mediale Transformationen 

Wie verändern neue Technologien die Produktion, Distribution und Rezeption von Gegenmedien? Welche Kontinuitäten und Brüche lassen sich beim Übergang von Print- und Rundfunkmedien zu digitalen Medien beobachten? Und wie werden Inhalte, Ästhetiken und Praktiken zwischen unterschiedlichen Medienformen übertragen und transformiert (z.B. beim Übergang von analogen zu digitalen Medien)? 

Akteur:innen, Netzwerke und Praktiken 

Wer produziert Gegenmedien, unter welchen gesellschaftlichen, politischen, technischen und ökonomischen Bedingungen? Welche sozialen Praktiken und Handlungsstrategien kommen dabei zum Tragen? Wer nutzt und rezipiert sie, und welche Bedeutung kommt ihnen im politischen Alltag zu? Welche Rolle spielen Gegenmedien für die Mobilisierung, Vergemeinschaftung und Ausbildung kollektiver Identitäten in politischen Bewegungen und sozialen Milieus? Wie werden Gegenmedien hergestellt, finanziert und verbreitet? Wie funktioniert die Zirkulation von Ideen, Bildern, Texten und Gestaltungsformen über transnationale Kontakte und Netzwerke?

 

Wir bitten um die Einreichung eines Abstracts (max. 3000 Zeichen inklusive Leerzeichen) sowie eines kurzen wissenschaftlichen Lebenslaufs (max. 1 Seite) bis zum 1. Februar 2027 per E-Mail an gegenmedien@unifr.ch. 

Die Konferenzsprache ist Deutsch; Vorträge auf Englisch sind möglich. Die Kosten für Übernachtung und Verpflegung werden übernommen. Reisekosten können nach Möglichkeit erstattet werden. Eine Publikation ausgewählter Tagungsbeiträge ist geplant.

 

Die Tagung wird von der Hochschule der Künste Bern und dem Departement für Zeitgeschichte der Universität Fribourg durchgeführt. Sie findet im Rahmen des interdisziplinären SNF-Forschungsprojekts Counter Media: Periodicals of the New Left and the New Right statt. Weitere Informationen zum Projekt: https://projects.unifr.ch/countermedia/en/ 

 

Organisiert von
Ahmet Köken, Robert Lzicar, Stefan Rindlisbacher, Franca Schaad, Baldassare Scolari, Damir Skenderovic
Sprachen der Veranstaltung
German

Zusätzliche Informationen

Kosten

CHF 0.00