Ausstellungsrezension: Wir und der Krieg

Author of the report
Regula
Schmid
Universität Bern

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Diese Ausstellungsrezension geht aus einer Kooperation zwischen HSozKult und infoclio.ch hervor und wurde redaktionell von Eliane Kurmann betreut.
Schmid, Regula: Ausstellungsrezension «Wir und der Krieg», 17.4.2026 – 17.1.2027, Landesmuseum Zürich, in: infoclio.ch, 31.10.2026, <https://www.infoclio.ch/de/node/193256>.


Eine Inschrift an der Aussenmauer des Landesmuseums in Zürich erinnert an 154’000 Evakuierte, die zwischen Oktober 1914 und Oktober 1917 über Zürich aus dem Norden in den Süden Frankreichs gelangten. Eine ähnliche Anzahl Personen passierte die Schweiz auch über Schaffhausen und Basel. Sie alle hinterliessen Spuren in der Schweiz und in der Geschichte des Landes. Die Hunderttausenden von rapatriés, Internierten und Kriegsversehrten, denen die Schweizer Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs begegnete, kommen in der vom 7. April 2026 bis zum 17. Januar 2027 im Landesmuseum Zürich gezeigten Ausstellung Wir und der Krieg allerdings nicht vor. Was vorkommt, sind dagegen einzelne herausragende Objekte, raunende Klangteppiche und suggestive Gegenüberstellungen von historischen Stücken und zeitgenössischer Kunst.

Doch von vorn: Ausgehend von der Feststellung, dass mit dem russischen Angriff auf die Ukraine Krieg «plötzlich» auch in der Schweiz wieder als Bedrohung wahrgenommen wird, will die Ausstellung Wir und der Krieg Spuren des Kriegs in der Schweiz aufzeigen. Dabei soll gemäss Katalog ein «fragmentarischer Blick auf die Verflechtungen von Krieg mit dem Nationalmythos, dem wirtschaftlichen Wohlstand, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und den politischen Handlungsspielräumen» (S. 11) geworfen werden. Die Ausstellungsmacher wollen auf diese Weise einen «Dialograum» bilden, «verschiedene und neue Möglichkeiten der Wahrnehmung eröffnen» und schliesslich als «einladender Impuls zum Nachdenken über das Thema» wirken, «als Spiegel, der zeigt, wie wir heute handeln, erinnern und Verantwortung übernehmen» (S. 12).

Ein hochgestecktes Ziel. Kann es die Ausstellung aber mit den gewählten Mitteln auch erreichen? Eröffnen die musealen Objekte als Einzelstücke und in Gegenüberstellung, die Kunstinstallationen, Film und Ton, Karten, Graphiken und Texte in ihrem Zusammenspiel diesen offenen Dialograum? Und zu welchen Erkenntnissen führt die Ausstellung ihre Besucherinnen und Besucher?



Bild 1: Blick in den ersten Raum der Ausstellung. © Schweizerisches Nationalmuseum


Nachdem sie die Aufforderung, auf sich zu achten – in einer Ausstellung über Krieg werden ja Themen gezeigt, die «irritierend oder (re-)traumatisierend» sein können –, zur Kenntnis genommen hat, tritt die Besucherin in den ersten Raum ein. Im Zentrum drei Hellebarden aus dem 14., dem 17. und dem 19. Jahrhundert, an den Wänden unter anderem das Historienbild ‘Rückkehr der Basler von Murten’ von 1859, ein Foto des Schlachtfelds bei Murten, das bekannte Schulwandbild ‘Belagerung von Murten’ (1939) von Otto Baumberger. Rechter Hand dann der sechste Teppich aus der Serie zur Schlacht bei Pavia (1528-31), der die Flucht der eidgenössischen Söldner im Dienst Franz I. einschliesslich der sie begleitenden Frauen zeigt (die im Zentrum der Darstellung positionierte Frau, die mithilfe eines Söldners aus ihrem Versteck flüchtet, ist allerdings in der beigegebenen Erläuterung nicht erwähnt). Direkt daneben an die Wand projizierte Filmausschnitte, schwarz-weiss, ohne Ton, eine Szene aus ‘Landammann Stauffacher’ (1941) wechselt ab mit Szenen aus Milo Raus Inszenierung von Wilhem Tell (2022) – Titel ‘Tell im Jetzt’. Über dem Ganzen wabert ein Klangteppich – ein wenig ‘Gilberte’ (1915/16 und 1941 in Franz Schnyders Film popularisiert), ein wenig ‘Sempacherlied’ (1836, bei der Sempacherfeier 1886 popularisiert), ein wenig Reden. Titel dieses ersten Raums ist «Bedrohte Identität», und die Aussage ist: «Kriege prägen die politische und symbolische Identität der Schweiz».



Bild 2: Einer der sieben Wandteppiche, die Szenen der Schlacht von Pavia zeigen. Die Weber Willem und Jan Dermoyen aus Brüssel fertigten sie auf der Vorlage des flämischen Malers Bernard van Orley zwischen 1528-1531 an. © Museo e Real Bosco di Capodimonte, Napoli


Der Eindruck einer suggestiven und auf Emotionalisierung abzielenden Inszenierung, den dieser erste Raum hinterlässt, verfestigt sich im Lauf des Ausstellungsbesuchs. Es gibt grossartige Objekte – neben dem Pavierteppich sind der Rezensentin etwa die Sänfte mit Zurlaubenwappen (um 1680) aufgefallen, die im Raum «Geschäft mit Gewalt» den Reichtum der Soldunternehmer repräsentiert, ein intrigierender Wandbehang mit applizierten exotischen Tieren, der aus den Uniformresten der bei den Tuilerien gefallenen Schweizergardisten hergestellt sein soll (leider fehlen Ausführungen zu dieser Zuschreibung), Henri Dunants Menschheitsvision in Diagrammform, Hans Ernis gemalte Felstarnungen und sein um 1944 für die Soldatenstube Uri gemaltes Wandbild ‘Muni mag 5’, das auch das Cover des Katalogs ziert. Diese Objekte sind aber so positioniert, dass sie in bedeutungsschwangeren Anspielungen unterzugehen drohen. Zwar folgen die Räume – neben den beiden genannten sind es «Gesellschaft im Umbruch», «Wehrhafte Schweiz» und «Friedenspolitik» sowie der Abspann «Wir und die Neutralität» – grob der Chronologie vom ausgehenden 15. zum 21. Jahrhundert. Innerhalb der Räume stehen aber Objekte unterschiedlicher Zeitstellung und zeitgenössische Kunst nebeneinander. Ihre Aussagekraft wird immer wieder geschwächt, etwa weil der Inhalt nicht zu erkennen ist (wie bei der Filminstallation im ersten Raum), die Kunstinstallation vom historischen Objekt ablenkt oder die Texte so verkürzt sind, dass sie den Objekten jede Mehrdeutigkeit absprechen und so für nur die eine, von den Ausstellungsmachern gewählte Aussage stehen.



Bild 3: Das Cover des Ausstellungskatalogs basiert auf dem im Landesmuseum ausgestellten Fresko «Muni mag fünf», das Hans Erni 1944 für die Soldatenstube im Rynächt bei Schattdorf gemalt hat.


Eine gewisse historische Kontextualisierung soll eine Reihe von Zeitleisten bieten, die sich über einzelne Wände spannen. Zu erwähnen wären ein Zeitstrahl mit Kriegen, welche das Land betrafen, oder, über eine ganze Wand gespannt, eine Graphik, auf der kriegsbedingte Fluchtbewegungen in die Schweiz der militärischen Auswanderung aus der Schweiz gegenübergestellt sind. Abgesehen von der generellen Problematik einer solchen Visualisierung (die zweite hier erwähnte Graphik mischt militärische Arbeitsmigration, Flucht und Auswanderung) ist für die Rezensentin schlicht nicht nachvollziehbar, weshalb die Darstellungen ganz ohne den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auskommen. Nicht einmal die ‘Bourbaki-Armee’ – immerhin 87'000 Mann, 12’000 Pferde und zahlreiche Frauen und Kinder, die nach ihrer Aufnahme im Februar 1871 im ganzen Land verteilt wurden – wird angesprochen, obschon die Zehntausenden von Menschen und ihre Schicksale in der Schweiz nachhaltig Spuren’ hinterlassen haben. Kriege innerhalb der Schweiz fehlen zudem fast vollständig: Abgesehen vom Bauernkrieg 1653 (er steht für «soziale Spannungen») und dem Sonderbundskrieg 1847/48 (er «beendet die letzte militärische Auseinandersetzung innerhalb der Schweiz […] und öffnet den Weg zur Bundesverfassung») geht die Ausstellung nicht auf die konfessionellen Kriege von 1531, 1656 und 1711 ein. Erklärbar ist das nur, wenn man davon ausgeht, dass diese Kriege, welche die politische und soziale Entwicklung der Eidgenossenschaft und der Schweiz massgeblich prägten, nicht so ganz in das Narrativ der Ausstellung mit seinen Gegenüberstellungen ‘oben gegen unten’, ‘reich gegen arm’, ‘abweisende Schweizer’ vs. schutzsuchende Flüchtlinge zu passen scheinen.

Die Schlagseite der Auswahl wird durch Suggestives noch verstärkt. So steht neben einem Maschinengewehr ‘1911’ (das gezeigte Objekt stammt allerdings von 1934) die mit «Armee gegen Bevölkerung» betitelte Aussage: «Während des Landesstreiks setzt die Schweizer Armee Maschinengewehre gegen die eigene Bevölkerung ein.» Zwar schwächt der nachfolgende Satz: «Sie marschiert in Grossstädten auf und besetzt Gebäude, Bahnhöfe und das Bundeshaus» diese Aussage ab, aber der Schaden ist angerichtet: Die historisch weniger bewanderten Besucherinnen und Besucher müssen davon ausgehen, dass die Armee mit diesem Maschinengewehr systematisch und wiederholt auf die «eigene Bevölkerung» geschossen habe. Dazu finden sich Fehler in den Bildlegenden: nicht «die Waldstätte», sondern Luzern, Uri, Unterwalden und Zug und Leute aus der Leventina kämpften bei Bellinzona / Arbedo 1422 gegen die Truppen des Herzogs von Mailand (Scheibenriss von Gregor Sickinger, Bannerträger von Uri, 1591) und der Film ‘Landammann Stauffacher’ ist keine «Verfilmung der Morgartenschlacht», sondern berühmt dafür, dass die Schlacht bei Morgarten nicht vorkommt – für die Bewertung der Rolle des Films im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung tatsächlich ein relevantes Detail.

In jedem Museum sind die historischen Objekte ihrem ursprünglichen geschichtlichen Ort entrissen; ihre Bedeutung ist nunmehr diejenige, die ihnen in musealen Kontext zugewiesen wird. Die Ausstellung Wir und der Krieg baut ihre Erzählung auf dem Zusammenspiel von Objekten unterschiedlicher Zeitstellungen, Kunstobjekten und künstlerischen Inszenierungen auf. Damit kollabiert aber die Geschichte: Krieg entzieht sich der historischen Analyse. Und zugleich treten anstelle klarer Aussagen über Geschichte und ihre Nutzungen, die Rolle der Vergangenheit in der politischen Gegenwart oder auch über die Bedeutung des Kriegs in der Geschichte der Schweiz ein streckenweise diffuser Brei an emotionalisierten Eindrücken. Wie kann auf dieser Basis überhaupt ein informierter Dialog über Vergangenheit und Gegenwart geführt werden?

«Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg.» Walter Benjamins Diktum ist mehr denn je zu beherzigen. Wie Kriege auf die Schweiz eingewirkt haben und noch einwirken, wie die Bevölkerung dieses Landes zu unterschiedlichen Zeiten mit und von Krieg gelebt hat, wie verschiedene Gruppen unterschiedlich von den Folgen des Kriegs betroffen waren und sind – als Handelnde und Leidende –, wie Politik und Krieg ineinandergreifen – diese und mehr Fragen sind von brennender Aktualität. Hier ist den Ausstellungsmachern beizupflichten. Die in der Schweiz lange vernachlässigte Auseinandersetzung mit der Geschichte von Krieg und Militär ist zwingend notwendig. Allerdings muss sie auf der Basis von historischer Kontextualisierung, mit offenen Augen und ohne ideologische Vorannahmen geschehen – damit der Dialog nicht nur ‘offen’, sondern vor allem informiert ist.

Die Ausstellung wird von Katalog, Internetauftritt, einem Audioguide (gemäss Beschreibung auf der Website lädt eine fiktive Journalistin dazu ein, «verbreitete Vorstellungen der Schweiz zum Krieg zu hinterfragen») und einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Die Rezensentin hat die Ausstellung drei Mal ohne Audioguide besucht.

Event
Wir und der Krieg
Organised by
Landesmuseum Zürich
Event date
-
Place
Zürich
Report type
Conference