Gosteli-Gespräche 2026: Über Grenzen verbunden. Schweizerische Frauenbewegungen und ihre transnationalen Verflechtungen

Author of the report
Claire Louise
Blaser
Ladina
Fessler
Gosteli-Archiv
Citation: Blaser, Claire Louise; Fessler, Ladina: Gosteli-Gespräche 2026: Über Grenzen verbunden. Schweizerische Frauenbewegungen und ihre transnationalen Verflechtungen, infoclio.ch Tagungsberichte, 10.07.2026. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0410>, Stand: 10.07.2026

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Vom 4. bis 5. Juni 2026 fanden bereits zum fünften Mal die Gosteli-Gespräche statt.1 Was 2022 als neue Initiative des Gosteli-Archivs begann, ist zur festen Grösse im Terminkalender von Forschenden im Bereich Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Schweiz avanciert. Nach Kooperationen mit der Universität Bern, dem Historikerinnennetzwerk Schweiz und der Universität Basel brachte eine Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Sozialarchiv die Gosteli-Gespräche dieses Jahr ein erstes Mal nach Zürich, dies unter dem Themenbanner «Über Grenzen verbunden: Schweizerische Frauenbewegungen und ihre transnationalen Verflechtungen». Obwohl der Sammlungsfokus sowohl des Gosteli-Archivs als auch des Sozialarchivs auf sozialen Bewegungen in der Schweiz liegt, wie SIMONA ISLER, Co-Leiterin des Gosteli-Archivs, zum Auftakt ausführte, fielen immer wieder auch die transnationalen Verflechtungen dieser Sammlungsbestände auf – genau diese sollten nun für einmal ins Zentrum gerückt werden.

Genf, 1981 – New York, 1972 – Zürich, 1975 – Berlin, 1896 – Salecina, 1973: Um diese «Orte» sowie die «Begegnungen», die sie ermöglichten, drehte sich das erste Panel. Vier Präsentationen beleuchteten die Transnationalität von feministischem Aktivismus in der Schweiz, indem sie internationale Treffen und Gruppierungen analysierten und grenzüberschreitenden Austausch nachzeichneten. CAROLINA TOPINI (Genf) nahm die Teilnehmenden mit ans 3rd International Women’s Health Meeting (IWHM), das 1981 in Genf stattfand. Sie machte anhand dieser Zusammenkunft die Potentiale und politischen Spannungen sichtbar, die feministische Solidaritätsbemühungen zwischen «Nord» und «Süd» – und generell in der Arbeit von in Genf angesiedelten Organisationen im Bereich der Frauengesundheit – in der Zeit nach der formalen Dekolonisation prägten. GINA DELLAGIACOMA (Zürich) zeichnete nach, wie transnationaler Austausch, der grösstenteils von der internationalen Vernetzung besonders mobiler Einzelakteurinnen ausging, und globale Momente wie das von der UNO 1975 ausgerufene «internationale Jahr der Frau» die Entwicklung schweizerischer «Filmfeminismen» in den 1970ern anregte und prägte. CLAUDIO STEIGER (Heidelberg) führte in seinem Beitrag zurück ins 19. Jahrhundert. Er argumentierte, dass Anlässe wie der internationale Frauenkongress von 1896 in Berlin grosse transnationale Ausstrahlung hatten: Sie ermöglichten produktive Erweiterungen nationaler feministischer Debatten, schufen grenzüberschreitende Netzwerke und wirkten als Inspirationsquelle für Frauenbewegungen in der Schweiz. JULIAN STOFFEL (Basel) interessierte sich anschliessend dafür, welche Bedeutung die Idee einer transnationalen imagined community im «internationalen Frauenlager» von 1973 im bündnerischen Ferien- und Bildungshaus Salecina einnahm, und wie in dieser Lagerwoche ein gemeinsamer, transnationaler, feministischer Alltag gelebt wurde.

Das zweite Panel mit dem Titel «Grenzen und Zusammenschlüsse» betrachtete Migration und die soziopolitische Konstruktion des «Ausländertums» in der Schweiz als Form von Transnationalität. SUSANNE BENNEWITZ (Trier) analysierte anhand der Debatten um die Kriminalisierung der Bürgerrechtsehe oder «Scheinehe», wie Ende der 1930er-Jahre Diskurse der «geistigen Landesverteidigung» die Frauenbewegungen prägten: Weil sie die Bürgerrechtsehe statt als Frauenrechtsthema als Migrationsfrage ansahen, unterstützten Frauenrechtlerinnen unter anderem in reichweitenstarken Zeitungsbeiträgen eine Deliberalisierung des Eherechts und machten sich damit gezwungenermassen für ein androzentrisches, patriarchales Familien- und Geschlechterbild stark. REINE ISHIMWE, SANDRA MODICA, SEVDA OZDEMIR und MARIE-CHRISTINE UKELO-BOLO MERGA (alle Fribourg) reflektierten anhand einer soziologischen und selbsterfahrungsbasierten Fallstudie des migrantisch-feministischen Kollektivs Plus Fortes Ensembles die Frage, was es bedeuten würde, feministische Solidaritäten in der Schweiz «transnationaler», d.h. über (weisse) Schweizer:innen hinausgehend, zu gestalten. Um «gemeinsam stärker» sein zu können, müssten Machtverhältnisse anerkannt, epistemologische Ungleichheit besser verstanden und persönliches Unbehagen als Teil der solidarischen Arbeit akzeptiert werden. Auch SARAH PROBST (Fribourg) und ANNE-VALÉRIE ZUBER (Neuchâtel) befassten sich mit migrantischem Feminismus in der Schweiz, wobei sie in ihrer Präsentation zwei historische Beispiele aus Neuenburg und Solothurn in den 1970ern ins Zentrum rückten: Zum einen der Versuch einer gelebten transnationalen Solidarität zwischen der neuenburgischen Frauenbefreiungsbewegung und dem spanischen Movimiento Democrático de Mujeres, zum anderen die lokale feministische Vernetzung der Gruppo Femminile di Soletta e dintorni. Einprägsam zeigte dieses zweite Panel auf: feministische Solidarität über Grenzen hinweg zu schaffen ist eine zutiefst politische Arbeit.

Nach der Pause füllte sich der Hörsaal dank der Intervention «Wand und Fuge #4: visuelle Verflechtungen» des Künstlerinnen-Kollektivs ensemble5 für eine knappe Stunde mit Seifenblasen, einem Plastikglobus, Postkarten, dekonstruierten Jupes, Landkarten, einem Metronom und einem kleinen Garten im Glas. Ungewohnt materiell und enigmatisch erweckte diese Performance die politischen und persönlichen Spuren von fünf Frauen, wie sie sich im Gosteli-Archiv finden, zu neuem Leben: Elisabeth Feller (1910–1973), die Brieffreundinnen Cécile Lauber (1887–1981) und Agnes Debrit-Vogel (1892–1974), Greti Caprez-Roffler (1906–1994) und Eva Bernoulli (1903–1995).

RITA SEGATO (San Martin/Madrid/Brasília) schloss den ersten Tag mit einer aufwühlenden und breit gefächerten Keynote ab. Die feministische Denkerin, die in ihrer Präsentation den eigenen intellektuellen Werdegang reflektierte, sprach darüber, wie sie in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren ihre Theorie über die «elementaren Strukturen von (geschlechterbasierter) Gewalt» entwickelte, und dass diese heute nach wie vor relevant sei. Weltweit sei zurzeit ein grosses Ausmass an patriarchaler Gewalt festzustellen, deren Logiken sich wieder offener zeigten. Eine feministische Revolution, die diesen patriarchalen Aufschwung brechen kann, ist laut Segato nicht bloss eine «gesellschaftliche Revolution», sondern eine Umwälzung der Gesellschaft selbst. Während Segatos Intervention sich nicht explizit mit grenzüberschreitendem Feminismus beschäftigte, kann ihr eigener Hintergrund und der universelle Anspruch ihrer Theorien als Beispiel verstanden werden, wie transnationale feministische Wissensproduktion aussehen und Wirkung entfalten kann.

Das dritte Panel nahm zwei grenzübergreifende Netzwerke zu «Arbeit und Ökonomie» in den Blick: diejenigen liberaler Geschäftsfrauen der 1920/30er- und autonomer Feministinnen der 1970er-Jahre. ZOÉ SEURET (Lausanne) referierte über die International Federation of Business and Professional Women (IFBPW), die 1919 zuerst als nationaler amerikanischer Verband gegründet wurde und schliesslich 1930 in Genf einen internationalen Hauptsitz etablierte. Schweizerinnen waren bei der Institutionalisierung der Organisation prägend, pflegten persönlichen Kontakt mit amerikanischen Mitgliedern und luden diese unter anderem zum Besuch der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 ein. Die globale Vernetzung des Verbandes beschränkte sich aufgrund seiner strikt wirtschaftsliberalen Prämisse auf privilegierte Frauen und beschäftigte sich dementsprechend wenig mit feministischen Anliegen aus den Bereichen Arbeit und Familie. Ebendiese Themen waren hingegen zentral für die feministischen Recherchesubjekte von HÉLÈNE GOY (Neuchâtel), die über die internationale Debatte um Lohn für Hausarbeit sprach. Sie untersuchte die Rezeption und Weiterentwicklung der von italienischen Marxistinnen initiierten Debatte in der Schweiz und beleuchtete diese aus der Perspektive der transnationalen Zusammenarbeit an der Übersetzung und Verbreitung von Texten: Das Manifest «Frauen und der Umsturz der Gesellschaft» (1972) von Mariarosa Dalla Costa etwa habe die feministischen Kollektive L’Insoumise in Genf und Bezahlt uns die Hausarbeit in Zürich angeregt, die Theorien und Manifeste nicht nur zu übersetzen, sondern auf ihre Bedürfnisse hin zu adaptieren.

Im World-Café-Format berichteten die Historikerin FRANZISKA ROGGER und die ehemalige Parlamentarierin und Europarätin RUTH-GABY VERMOT über die frühe transnationale Frauenbewegung und die Verbindungen von Frauen in der internationalen Friedensarbeit. Es gab Gelegenheit für einen informellen Austausch und persönliches Nachfragen sowie Möglichkeiten diachroner Verknüpfungen, über die Frauenbewegungen als Friedensbewegung oder die Wirksamkeit der Netzwerke auch in ausweglosen Situationen nachzudenken.

Die Beiträge im vierten Panel «Biographien und Ideen» thematisierten die transnationalen Beziehungen und Werdegänge einzelner Feministinnen. CRISTINA R. MARTINEZ TORRES (Genf) beleuchtete das gemeinsame Engagement für Frauenrechte der Waadtländer Juristin Antoinette Quinche und der Spanierin Clara Campoamor, die im Schweizer Exil zur wichtigen Gesprächspartnerin von Quinche wurde. Das Referat führte die Gemeinsamkeiten dieser beiden feministischen Biographien vor Augen, ebenso die Netzwerke in der transnationalen Frauenstimmrechtsbewegung und die gegenseitige Übersetzungsarbeit der Frauen. MARTINA NARMANNs (Bern) Vortrag gab anhand der in der Schweiz wohnhaften Amerikanerin Emilie Loyson-Meriman (1833-1909), die sich für Belange von Mädchenbildung, Frauenwahlrecht und Reformen in der katholischen Kirche einsetzte, Einblick in die Geschichte der frühen transnationalen Frauenbewegung. Indem sie Loyson-Merimans Vorstellungen von Frauensolidarität und Emanzipation im Religiösen mit ihrer Verbindung zur britischen Abolitionistin und Frauenrechtlerin Josephine Butler verlinkte, machte Narmann die Rolle von bekannten «internationalen» Grössen wie Butler als Bindeglieder in der transnationalen Vernetzung von feministischen Akteurinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sichtbar. Den Abschluss machte STEPHANIE JUNGO (Fribourg) mit einem Referat über die Korrespondenz der Züricher Juristin Getrud Heinzelmann und der amerikanischen Theologin Mary Daly aus den 1960er-Jahren. Beide waren in theologischen Zusammenhängen aktiv und engagierten sich für die Frauenordination. Anhand dieser spannenden Allianz zwischen der späteren queer-feministischen radikalen Theologin Daily und der bürgerlichen Frauenrechtlerin Heinzelmann gelang es, eine spezifische Vorgeschichte der feministischen Theologie zu erzählen.

Die Geschichte der Frauenbewegungen und von gleichstellungspolitischen Debatten in der Schweiz wird heute mehrheitlich im nationalen Analyserahmen und auf Schweizerinnen bezogen geschrieben und vermittelt – zu Unrecht, wie diese Tagung deutlich zeigte. Ihre Stärke lag darin, zahlreiche Beiträge zusammenzubringen, die jeweils auf verschiedene Arten geografische Grenzenüberschreitungen ins Zentrum ihrer feministischen Fallstudien stellten. Netzwerke und Freundschaften in der Frauenbewegung, aber auch Grenzen der Verständigung, im lokalen oder persönlichen Zwiegespräch verhaftete Diskurse, dringliche Fragen des gewaltfreien Zusammenlebens, inter- und transnational – die Gosteli-Gespräche haben eindrücklich gezeigt, dass die Frauengeschichte keine Geschichte von Einzelkämpferinnen war und es produktiv ist, die schweizerische und europäische Perspektive zu öffnen. Es wäre spannend (gewesen), die Muster und Parallelen zwischen den diversen Beiträgen herauszuarbeiten und weiter zu reflektieren.


Anmerkungen

1 Ladina Fessler ist im Gosteli-Archiv für die Überlieferungsbildung und die Erschliessung zuständig. Claire Louise Blaser ist im Vorstand des Historikerinnennetzwerks Schweiz.


Programm

Donnerstag, 4. Juni 2026

Begrüssung: Lina Gafner und Simona Isler (Gosteli-Archiv Worblaufen), Christian Koller (Sozialarchiv Zürich)


Panel I «Orte und Begegnungen» – « lieux et rencontres » – «Places and Encounters»

Carolina Topini: «Facilitating Spaces for Feminist Conversations»: Swiss Feminisms, the Global South(s), and Transnational Reproductive Rights Activism, 1980–1990s

Gina Dellagiacoma: Filmfeminismen: Von New York über den Jura bis nach Amsterdam

Claudio Steiger: Zwischen Zürich und Berlin – Deutsch-schweizerische Resonanzen auf dem Internationalen Frauenkongress 1896

Julian Stoffel: «Wie die Frauen aus Frankfurt den hinausspediert haben». Transnationalität im «internationalen Frauenlager» in Salecina 1973

Chair: Lina Gafner


Panel II «Grenzen und Zusammenschlüsse» – « Frontières et alliances »

Susanne Bennewitz: Die Schweizer Frauenbewegung in der rechtsnormativen Debatte zur Naturalisation durch Ehe 1937

Reine Ishimwe, Sandra Modica, Sevda Ozdemir, Marie-Christine Ukelo-Bolo Merga: Repenser les solidarités féministes transnationales dans le champ de l’asile : défis, tensions et apprentissages au sein du collectif Plus Fortes Ensemble

Sarah Probst, Anne Valérie Zuber: Migrantischer Feminismus im Lokalen. Arbeitskämpfe und Selbstorganisation von Migrantinnen in Neuchâtel und Solothurn, 1970er und 1980er Jahre

Chair: Christian Koller


ensemble5 – Wand und Fuge #4: visuelle Verflechtungen

Präsentation einer künstlerischen Recherche im Gosteli-Archiv


öffentliche Keynote von Rita Segato

Moderation: Isis Giraldo


Freitag, 5. Juni 2026

Panel III «Arbeit und Ökonomie» – « Travail et économie »

Zoé Seuret : Au cœur de la fabrique de l’internationalisme féministe libéral: les actrices suisses et le mouvement Business and Professional Women (1924–1930)

Hélène Goy: Des ménagères aux « mauvaises mères » : les traductions éditoriales et militantes du Wages for Housework en Suisse (1973–1979)

Chair: Christian Koller


World Café

Franziska Rogger: Die international-schweizerische Frauenbewegung um 1900

Ruth-Gaby Vermot: FriedensFrauen Weltweit: Krieg können sie – aber wir können Frieden!


Panel IV «Biografien und Ideen» – « Biographies et idées »

Martina Narmann: Religion: Die Motivation von Emilie Loyson-Meriman (1833–1909) für eine Emanzipation der Frau

Cristina R. Martínez Torres: Itinéraires croisés: réseaux de l’exil et de l’engagement politique chez Antoinette Quinche et Clara Campoamor

Stephanie Jungo: Das Religiöse ist politisch. Emanzipation und Feminismen in der Korrespondenz von Gertrud Heinzelmann und Mary Daly (1964–1969)

Chair: Simona Isler

Event
Gosteli-Gespräche 2026: Über Grenzen verbunden. Schweizerische Frauenbewegungen und ihre transnationalen Verflechtungen
Organised by
Gosteli-Archiv / / Schweizerische Sozialarchiv
Event date
-
Place
Zürich
Language
German
Report type
Conference