Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Philipp
Sarasin
Institution
Historisches Seminar
Place
Zürich
Year
2016/2017
Abstract
Als bekannt wurde, wo die Olympischen Sommerspiele 1968 stattfinden sollten, reagierten viele AthletInnen, Funktionäre und Vertreter aus Medizin und Wissenschaft mit Empörung: Mexico-City, der 2300 m hoch gelegene Austragungsort, stellte aufgrund des um 25 % niedrigeren Sauerstoffgehalts besondere Anforderungen an den Leistungskörper, die als unfair und sogar lebensbedrohlich wahrgenommen wurden. Für die Sportmedizin bot sich jedoch nicht nur die Gelegenheit, ein bislang unerforschtes Problem zu beleuchten: den Effekt von Höhe auf den athletischen Körper. Sie erhielt auch die Chance, ihren Einflussbereich zu erweitern und sich in einem wachstumsstarken Markt zu verankern. Denn mit den steigenden Anforderungen, die eine intensivierte Vorbereitung und Betreuung der AthletInnen bedingten, gewann die lange stiefmütterlich behandelte Sportmedizin an Relevanz. Im Kontext des Kalten Krieges, wo Leistungskörper zu Ikonen des Systems stilisiert wurden, fiel es ihr zu, das Potenzial dieser Körper zu vermessen, zu steigern und zu normieren. Es gelang der Sportmedizin, den athletischen Körper als distinktiven, «abnormalen» Typus zu markieren, der spezieller Behandlung bedurfte. In der Schweiz korrelierte diese Entwicklung mit einer Neuorganisation des Spitzensportbetriebs, was den wissenschaftlichen Zugriff auf den athletischen Körper massgeblich begünstigte. Denn auch die Schweiz, die der Instrumentalisierung des Sports durch den Systemkampf kritisch gegenüberstand, vermochte sich der internationalen Dynamik nicht länger zu entziehen. Sie musste sich dem Streben nach Exzellenz anpassen, wenn sie Teil der Olympischen Bewegung bleiben wollte. Hierbei spielte die wissenschaftliche Optimierung von Training und Betreuung eine zentrale Rolle.
Auf Basis der Überlegungen Foucaults zur Interdependenz von Macht, Wissen und dem Körper als Gegenstand und Fläche strategischer Konflikte untersuche ich die Expansion der Sportmedizin innerhalb dieses Settings. Ich folge dazu den zirkulären Bewegungen eines aus Mikrogefechten bestehenden Machtkampfs um den athletischen Körper: Mich interessiert, wie der Leistungskörper als diskursives Konstrukt entworfen wird, wie diese «Imagination» sportpolitisches Handeln strukturiert und medizinisch etablierte Normvorstellungen durch das Verhalten der AthletInnen reproduziert und verändert werden.