Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Windler
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2013/2014
Abstract
„Falls [mein Sohn] sich in der Kirche ungezogen verhält, ziehen Sie ihm die Ohren lang – in der Kirche und auch auf der Strasse.“ Diese Worte stammen aus einem der Briefe, den der Stuckateur Giovanni Battista Clerici (1673–1736) von Kassel nach Hause schickte. Der aus Meride im Tessin stammende Clerici gehörte zu jenen Bewohnern des alpinen Raumes, die in der Frühen Neuzeit periodisch ihre Heimat verliessen, um in der Fremde Geld zu verdienen.
Die Überlieferung von Briefen wie derjenige von Clerici weist darauf hin, dass die physische Abwesenheit der Migranten keineswegs mit einer mentalen Absenz gleichzusetzen ist. Da „ihr Herz nie weit weg von zu Hause“ war, bemühten sich die Migranten, ihren Heimatkontakt aufrechtzuhalten. Die alpine Migration war demnach nicht – wie lange angenommen – eine „migration de rupture“, sondern eine „migration de maintien“. Trotz des erfolgten Perspektivenwechsels stellt die Erforschung der Aufrechterhaltung der Heimatkontakte, für welche die Arbeit den Begriff der Rückbindung einführt, weiterhin ein Forschungsdesiderat dar.
Mit zunehmender Distanz wurden die physischen Rückwanderungen seltener und der Briefaustausch gewann an Bedeutung. Doch wie konnten Briefe zur Aufrechthaltung der Rückbindung beitragen, wenn die Briefempfänger weder lesen noch schreiben konnten? In diesen Fällen musste sich ein Lesekundiger als Übersetzer dazwischen schalten. Diese Rolle wird in der Forschung den Notaren Oldelli aus Meride zugeschrieben, von denen ein umfangreicher, aus den Korrespondenzen zwischen den Notaren und Bauhandwerkern aus der Region bestehenden Quellenkorpus aus überliefert ist. Die Oldelli seien in die Rolle eines Vermittlers zwischen Heimat und Fremde geschlüpft und hätten als Scharnier einen essentiellen Part bei der Aufrechterhaltung der Rückbindung der Migranten gespielt.
Die Überprüfung dieser Einschätzung bildet den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit: Kam den Notaren Oldelli wirklich eine Scharnierfunktion zu? Welche Handlungschancen eröffneten sich ihnen in dieser Funktion? Ausgehend von den Ansätzen der Netzwerktheorie und dem Konzept des sozialen Kapitals werden die Korrespondenzen auf diese Fragen hin analysiert.
Die Darstellung der familiären Situation sowie die Rekonstruktion der Umrisse des Korrespondenznetzes zeigen in einem ersten Schritt, dass die Oldelli mit ihrer doppelten Vernetzung in der lokalen Gesellschaft und mit den Maestri die Voraussetzungen für eine Scharnierfunktion erfüllten. Die Rekonstruktion des Korrespondenznetzes verdeutlicht jedoch, dass ein regelmässiger Kontakt vorwiegend mit Bauhandwerkern aus der eigenen Verwandtschaft bestand. Mit den anderen Maestri wurden oftmals nur einzelne Briefe ausgetauscht.
Die Untersuchung der in den Briefen formulierten Bittgesuche ergibt in einem zweiten Schritt, dass nur wenige Bitten den Oldelli die Funktion, zwischen zwei durch die geografische Distanz getrennten Knoten zu vermitteln, zuwiesen. Eine Scharnierfunktion hatten die Notare insbesondere bei der Weiterleitung von Briefen inne. In den anderen Fällen wandten sich die Migranten explizit an die Notare Oldelli, weil die Angelegenheit notarielles Wissen erforderte – wie etwa Geldgeschäfte und Erbstreitigkeiten – oder weil man auf die weitläufigen sozialen Beziehungen der Notare angewiesen war.
Wenn sich die Maestri „hilfesuchend“ an die Oldelli wandten, schrieben sie den Notaren Macht zu, die jene ohne dieses Ersuchen nicht gehabt hätten. Die Maestri versorgten die Oldelli mit Informationen (Kapitalinvestition) und fragten zugleich deren Ressourcen ab (Kapitalnutzung). Die in den Korrespondenzen greifbaren Bittgesuche stellen empowering interactions dar, erlaubte es der Briefaustausch doch den Oldelli, die Migranten in der Heimat zu vertreten und dadurch ihre lokale, auf personalen Beziehungen beruhende Machtstellung zu festigen und auszubauen. Durch eine berufliche Diversifizierung (als Notare, Stuckateure, Geistliche und Handelsleute) und die damit einhergehende Multilokalität vermochten die Oldelli ihr Beziehungsnetz auszudehnen. Die Migration – sowohl jene der eigenen Familienmitglieder als auch die von Bekannten – wurde von den Oldelli als Herrschaftsinstrument genutzt. „Überall (mit) jemand(em) sein“ lautete die Devise.
Diese Befunde sind an die Ergebnisse bisheriger Studien, wie jene von Laurence Fontaine und Marco Schnyder, anschlussfähig. Die sich abzeichnende Strategie der Oldelli müsste allerdings noch schärfer herausgearbeitet werden. Mit der weiteren Aufarbeitung der Familiengeschichte könnte ein wichtiger Beitrag zur Kenntnis der Strategien lokaler Eliten, welche die eigene Migration und jene anderer als Instrument zu Erwerb und Erhaltung von Macht nutzten, geleistet werden.