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Bericht Schweizerische Geschichtstage: Panel „Zwischen den Welten. Grenzüberschreitungen in Osteuropa und der Schweiz“

Einleitend wies der Vorsitzende des Panels, Prof. Dr. Heiko Haumann, darauf hin, dass die Fragen der Grenzen, Grenzüberschreitungen und Zwischenwelten seit langem einen Schwerpunkt der Arbeiten am Basler Lehrstuhl für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte bilden. Dabei spiele die Geschichte und Lebenwelt der Jüdinnen und Juden für die Untersuchung von Raum, Transnationalität und Transkulturalität eine besonders wichtige Rolle.

Im ersten Vortrag „Grenzgänger – Nomaden im Zarenreich“ erläuterte Jörn Happel die Problematik der Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen im Russland des beginnenden 20. Jahrhundert anhand der Bevölkerung der Kasachen. Dabei habe es erhebliche Unterschiede in der Auffassung von Grenze und Territorium zwischen den kasachischen Nomaden und den russischen Beamten gegeben. Die Nomadenwelt sei durch unsichtbare Grenzziehungen gekennzeichnet, in einem immerwährenden Aushandlungsprozess zwischen Stammesverbänden der Steppe, wohingegen das Russische Reich auf der Suche nach einer festen Grenze gewesen sei. Durch die willkürliche Festlegung von Territorien griffen die Russen in die flexiblen Herrschaftsräume der nomadischen Bevölkerung ein und somit in deren ursprüngliche Lebens- und Wirtschaftsform. Die Kasachen, in ihrem Selbstverständnis freie Menschen mit einem eigenständigen Leben, waren von der Offenheit des Raumes abhängig. Die Figur des Grenzgängers sei in Hinsicht auf die Nomaden doppelt zu besetzen, argumentierte Happel, denn erstens sei dies ein Mensch, der sich auf der Grenze bewege, zweitens eine Person, die in einer Zwischenwelt lebe, von kulturellen Missverständnissen geprägt.

Mit kulturellen Missverständnissen hatte auch David Hirsch Farbstein zu kämpfen, dessen Leben Anna K. Liesch in ihrem Vortrag „David Farbstein – Zionismus ist das jüdische Volk unterwegs“ beschrieb. Farbstein, in Warschau im Russischen Reich geboren, hatte in Berlin und Bern studiert, war in das Schweizer Bürgerrecht aufgenommen worden und brachte es zu einem angesehenen Richter, Rechtsanwalt und Politiker in der Schweiz. Seine zutiefst demokratische und sozialistische Gesinnung brachte ihn in die Reihen der schweizerischen Sozialdemokratie, für die er zunächst in den Zürcher Kantonsrat, später sogar in den Nationalrat gewählt wurde. Allerdings konnte Farbstein seine jüdischen Wurzeln nie vergessen und bezeichnete sich selbst als „eine Art Zwittergeschöpf“ zwischen Jude und Schweizer. Dies machte die besondere Mittlerfunktion Farbsteins über unterschiedliche politische, religiöse und staatliche Grenzen hinweg aus, die Anna Liesch anhand von Dokumenten des Ersten Zionistenkongresses erläuterte. Dieser fand im Jahr 1897 in Basel statt. Farbstein war dabei nicht der einzige Grenzgänger im Umfeld des Kongresses. Viele Teilnehmer überschritten mit ihrer Reise zum Kongress nicht nur die Grenze der Schweiz, sondern auch die Grenze zwischen Sprachen und Herkunft. Sie alle sahen sich durch die Idee des Zionismus vereint.

In seinem Vortrag „Mehr als nur die Landesgrenze überschritten – Deserteure des russischen Expeditionscorps in der Schweiz 1918“ beschäftigte sich Thomas Bürgisser auch mit der Schweizer Landesgrenze. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs wurden russische Soldaten und Offiziere mittels eines Tausches zwischen Frankreich und dem Russischen Reich an die deutsch-französische Front gebracht. Nach der Februarrevolution im Jahr 1917 und der darauffolgenden Meuterei der Russen innerhalb der französischen Armee wurde der Expeditionscorps aufgelöst und die Soldaten in Arbeitskompanien eingeteilt, davon einige an der französisch-schweizerischen Grenze. Zwischen 1918 und 1919 desertierten fast 1200 russische Soldaten, wie vor allem aus Interviewbögen der Schweizer Armee ersichtlich wird. Die in der Schweiz als „unerwünschte Gäste“ und „vollständig fremde Elemente“ bezeichneten russischen Soldaten kamen zu einem Zeitpunkt, an dem die Schweiz selbst mit Radikalisierung und Streiks zu tun hatte und zudem die Angst vor dem Bolschewismus im Bürgertum sehr ausgeprägt war. Dies führte dazu, wie Bürgisser zeigte, dass die Behörden besonders hart mit den russischen Deserteuren umgingen und sie als Zwangsarbeiter einstellten, da sie diese als Bedrohung der sozialen Stabilität in der Schweiz ansahen. Die Deserteure, die sich seit der Russischen Revolution als freie Bürger einer freien Republik sahen, fanden keine neue Welt grenzenloser Freiheit in einem demokratischen, neutralen Land vor sondern Schikanen und Kontrollen durch die Schweizer Behörden.

Russland und Krieg waren auch die Stichwörter des Vortrags von Carmen Scheide, „Propaganda und Zensur. Grenzen des Zeigbaren in sowjetischen Partisanenbildern“. Mittels Partisanenbildern aus dem russischen Komsomol-Archiv verdeutlichte Scheide, dass es beliebte und unbeliebte Illustrationen aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“ gab. Dabei sollte das russische Volk als siegreich dargestellt werden. Die Partisanenbewegung während des Zweiten Weltkriegs wurde als Volkskampf gegen den deutschen Aggressor stilisiert und wurde zur Grundlage für ein oft propagiertes Geschichtsbild, welches unter anderem mittels Fotografien hergestellt wurde, die zum Teil bis in die Gegenwart Verwendung finden. Allerdings würde ein krasser Widerspruch zwischen den harmonischen, teilweise inszenierten Bildern und den schriftlichen Zeugnissen, die von Zerstörung, Menschenopfer und Armut berichten, herrschen. Fotografien, die dem visuellen Kanon des von Natur aus patriotischen Partisanen nicht entsprachen, wurden nicht gezeigt und damit konfliktträchtige Themen vom Regime ausgeblendet.

In den 1960er Jahren wurden in der Sowjetunion die Partisanen durch ein anderes Heldenbild abgelöst, wie Julia Richers zeigte. In ihrem Vortrag „Gagarins Kosmosflug und der Traum von der Entgrenzung des Sowjetmenschen“ beschäftigte sie sich mit den Folgen des Weltallflugs des Kosmonauten Jurij Gagarin am 12. April 1961. Zahlreiche Denker, Politiker und Publizisten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs wurden dadurch inspiriert, denn nun war das Weltall als bis dahin letzte Grenze der Menschheit überwunden worden. Der Kosmos wurde zum neuen Bezugsraum, was unter anderem in zahlreichen Plakaten, Gedichten und sogar Briefmarken zelebriert wurde. Gagarin selbst avancierte zum Helden des Kalten Kriegs und wurde in der UdSSR als „Himmelsstürmer“ oder „neuer Kolumbus“ gefeiert und mit Prometheus gleichgestellt. Der Topos der Bezwingung und Unterwerfung der Natur hatte seine Antwort im neuen, kosmischen Menschen, gefunden. Die durch den Kosmosflug realisierte Überschreitung von räumlichen, philosophischen, weltanschaulichen und sogar religiösen Grenzen bewahrheitete den Traum der totalen Entgrenzung der Menschheit, wobei es Gagarin auf populären sowjetischen Plakaten sogar mit Gott aufnahm. Hingegen zeigte Richers, dass die reale Kondition des Kosmonauten während seines Fluges weit weg von einer Entgrenzung lag: Eingepfercht in einer kleinen und engen Kapsel, umrundete er die Erde auf einer von vorneherein bestimmten Laufbahn. Dies ist symptomatisch für die Bedingungen, unter denen damals die Sowjetbürger lebten. Der Auslandspass war ein Privileg, von dem nur die allerwenigsten profitierten, und auch die Reisefreiheit innerhalb des Landes war sehr eingeschränkt. Die Sehnsucht nach unendlicher Bewegungsfreiheit wurde auf den Komosflug projiziert, denn eine Reise auf den Mond schien damals erreichbarer als eine Reise nach Amerika.

In der zusammenfassenden Diskussion wurde hervorgehoben, dass der Begriff des Grenzgängers mehrdeutig ist: Er kann einen Menschen bezeichnen, der auf dem Weg von einer Kultur zu einer anderen ist oder durch die Kenntnis zweier, vielleicht sogar mehrerer Kulturen etwas kulturell Neues schafft, er kann einen Vermittler zwischen verschiedenen Kulturen charakterisieren oder einen Grenzüberschreiter. Grenzgängertum habe viel mit Identität zu tun. Zwischenwelten könnten leicht zu Gegenwelten werden, Kontaktzonen zu Konfliktzonen. Auch der Raumbegriff könne durch den Bezug auf Grenzen, Unbegrenztheiten und Begrenzungen differenziert werden.