Jugend beobachten, in Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft in der Schweiz, 1945-1979

AutorIn Name
Rahel
Bühler
Academic writing genre
PhD thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Jakob
Tanner
Institution
Neuzeit
Place
Zürich
Year
2016/2017
Abstract
Das Dissertationsprojekt untersucht den Diskurs über Jugend bzw. die Leitbilder, Vorstellungen und Konzepte von Jugend, die in der Schweizer Öffentlichkeit der 1960er und 1970er Jahre entworfen und ausgehandelt werden. Im Fokus steht dabei das Akteursdreieck Politik, Wissenschaft, gesellschaftlich-mediale Öffentlichkeit. Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts geraten Jugendliche regelmässig in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Debatten bewegen sich dabei zwischen zwei Polen: Zukunftsgerichtete Hoffnungen, aber auch tief sitzende Ängste werden mit dieser Lebensphase und den sie durchlaufenden Menschen verbunden. So wird Jugend häufig als Verkörperung von neuen Werten gefeiert oder aber als Angriff auf das Hergebrachte betrachtet und insofern problematisiert oder kriminalisiert. Mit dem Jugenddiskurs stark verwoben ist die Selbstreflexion der Gesellschaft. Jugend ist insofern auch eine gesellschaftliche Projektionsfläche und die Jugenddebatte ein Diskurs, den die Gesellschaft über sich selbst, ihre Ängste und Hoffnungen sowie den intergenerationellen Transfer von Werten und Normen führt. Auf besonderes öffentliches Interesse stösst Jugend in der Nachkriegszeit. Grund dafür sind einerseits die entstehenden jugendlichen Subkulturen wie die „Halbstarken“ oder die „Teenager“. Andererseits tragen die Werbung, die ab den späten 1950er Jahren die Jugend zum Leitbild erklärt, sowie die Freizeit- und Konsumindustrie, die den über zunehmende Freizeit und finanzielle Mittel verfügenden Jugendlichen als Konsumenten entdeckt, zu einer Idealisierung der Jugendphase bei: Jugendlichkeit wird zu einem Wert an sich. Parallel zu diesem Prozess läuft eine konträre Entwicklung ab: Das gesellschaftliche Unbehagen gegenüber der Jugend nimmt in der Nachkriegszeit zu. In den 1960er und 1970er Jahren sind in der Schweizer Öffentlichkeit Klagen über eine „Entfremdung“, Segregation und eine „katastrophal anwachsende Desintegration der Jugend“ verbreitet. Verschiedene Akteure im öffentlichen Diskurs wie Politiker, Wissenschaftler und die Massenmedien diagnostizieren ein akutes „Jugendproblem“ und bezeichnen dieses als eine der bedeutendsten Herausforderungen der Zeit. Dieses Unbehagen und die Angst vor einer „Entfremdung“ der Jugend finden ihren Niederschlag in den ab Mitte der 1960er Jahre sprunghaft ansteigenden Studien und Berichten, in denen Jugendliche wissenschaftlich erfasst werden. Diese Jugendstudien werden u.a. von der Politik in Auftrag gegeben, von Wissenschaftlern durchgeführt und in der (medialen) Öffentlichkeit breit rezipiert und verhandelt. Das Dissertationsprojekt setzt hier ein und fragt danach, wie Jugend ab den 1960er Jahren in der Schweiz zum Gegenstand von öffentlichen Aushandlungen wird, wie sie in diesen konzipiert und zum Gegenstand von Wissen sowie zum Problematisierungsobjekt von Politik wird. Der Untersuchungszeitraum wird durch die 1978 erfolgte Gründung der eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) beschlossen, die den Anfang einer eigentlichen Jugendpolitik des Bundes darstellt. In der Dissertation soll untersucht werden, welche Leitbilder und Vorstellungen von Jugend den öffentlichen Diskurs in der Schweiz prägen, wieso Narrative wie die „Desintegration“ der Jugend und der „Generationenkonflikt“ so erfolgreich sind, wer in die Jugenddiskurse eingreift und Deutungsmacht hat und wie sich die Diskursteilnehmer in ihrem Blick auf die Jugend unterscheiden. Dabei wird danach gefragt, welche Deutungskontroversen auszumachen sind, welche gesellschaftlichen Konflikte sich in diesen Auseinandersetzungen manifestieren und wie sich das Wechselverhältnis von Politik, medialer Öffentlichkeit und Wissenschaft gestaltet. Schliesslich stellt sich die Frage, wie und wieso der Staat Wissen über Jugend produziert, wer die Auftraggeber der Jugendstudien sind, welches Jugendbild diese zeichnen, wie sie rezipiert werden und welchen Einfluss sie auf politische Massnahmen haben. Letztlich soll das Projekt auch eine Antwort auf die Frage liefern, wie die starke Problematisierung von Jugend erklärbar ist neben einer gesellschaftlichen Entwicklung, in deren Verlauf sich Jugendlichkeit zunehmend als Wert an sich manifestiert. Diese Fragen sollen u.a. anhand massenmedialer Quellen (Tages- und Wochenzeitung sowie illustrierte Zeitschriften), Jugendstudien und weiterer ausgewählter wissenschaftlicher Publikationen, Protokolle und Aufzeichnungen der politischen Jugendkommissionen sowie anhand der Protokolle von Parlamentsdebatten beantwortet werden.

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