„Aber der Armut werden wir im Leben trotzdem immer wieder begegnen.“ Armutsverständnis und -bekämpfung der Schweizerischen Winterhilfe 1945 bis 1970

AutorIn Name
Yvonne
Burri
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Brigitte
Studer
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2013/2014
Abstract
Die Schweizerische Winterhilfe formte sich in den Krisenjahren vor dem Zweiten Weltkrieg infolge der Arbeitslosigkeit in den Industriezentren und der schwierigen Lage der Familien in den Berggebieten der Schweiz. Als gemeinnützige Organisation nahm sie sich der bedürftigen Bevölkerung an und verfolgte seit Gründungsbeginn im Jahr 1936 das Ziel, die Solidarität der Menschen untereinander zu fördern. Der privat organisierte Zusammenschluss war parteipolitisch und konfessionell neutral sowie kantonal und kommunal föderalistisch aufgebaut. Von Beginn an war die Schweizerische Winterhilfe in ihren Tätigkeiten auf ehrenamtliche Mitarbeit aus der Bevölkerung angewiesen. Die sich zur Verfügung stellenden Personen stammten unter anderem aus der Politik, dem sozialen und dem gemeinnützigen Bereich. Aufgrund einer flächendeckenden Wahrnehmung der Schweizerischen Winterhilfe trug sie bedeutend zur Wissensproduktion von Armut in der Schweiz bei. Die vorliegende Arbeit untersucht erstmals das Armutsverständnis und die Armutsbekämpfung der Schweizerischen Winterhilfe hinsichtlich ihrer Veränderungen während des wirtschaftlichen Aufschwungs von 1945 bis 1970 in der Schweiz. Im ersten Teil der Arbeit wird das Armutsverständnis anhand der Quellensorten Referate, Berichte, Ansprachen und Schlussworte analysiert. Diese wurden an öffentlichen Versammlungen und Presseorientierungen der Schweizerischen Winterhilfe vorgetragen. Des Weiteren werden veröffentlichte Jahresberichte untersucht, welche an verschiedene Adressaten in der ganzen Schweiz verschickt wurden. Gewisse Kreise der Bevölkerung kritisierten nach Kriegsende öffentlich die Schweizerische Winterhilfe. Sie meinten, dass die gemeinnützige Organisation in einer Zeit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur und dem Ausbau der öffentlichen Fürsorge nicht mehr gerechtfertigt sei. Deshalb wandte sich die Schweizerische Winterhilfe an die Öffentlichkeit, um die immer noch vorherrschende Not in der Schweiz aufzuzeigen. Im zweiten Teil der Arbeit wird die Armutsbekämpfung der Schweizerischen Winterhilfe analysiert und auf die Bergkantone fokussiert. Relevante Quellens- orten sind interne Protokolle von Generalversammlungen und Mitarbeitertagungen sowie Sit- zungen des Zentralvorstandes und Unterstützungs-Ausschusses. Die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung zeigen im Verlauf des wirtschaftlichen Aufschwungs eine Veränderung im Armutsverständnis sowie der Armutsbekämpfung der Schweizerischen Winterhilfe auf. Primär waren kinderreiche Familien und alleinstehende Menschen von Armut betroffen. Dabei handelte es sich in den Familien mehrheitlich um überlastete Mütter und bei den Alleinstehenden um Frauen. Ebenso waren häufig alte Menschen sowie Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen armutsgefährdet. In den 1950er- und 1960er- Jahren nahm die Anzahl der von Not betroffenen alleinstehenden Menschen in der Schweiz deutlich zu. Gleichzeitig gab es eine Veränderung bezüglich Armutsursachen. Gemäss der Schweizerischen Winterhilfe war seit Kriegsende die Hauptursache von Armut auf fehlende Einnahmen zurückzuführen. Diese Armutsursache nahm während der wirtschaftlichen Entwicklung in den 1950er- und 1960er-Jahren in der Schweiz zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte die Schweizerische Winterhilfe der Armut in den Berggebieten mehrheitlich mit fürsorglichen Massnahmen entgegen. Damit sollten bereits eingetretene Notstände behoben und die Armut unmittelbar durch materielle Unterstützung bekämpft werden. Während des wirtschaftlichen Aufschwungs nahm das Bedürfnis nach fürsorglichen Massnahmen in Berggegenden allmählich ab und die Schweizerische Winterhilfe wandte sich vermehrt vorsorglichen Massnahmen zu. Ziel war es, die Bergbevölkerung aufgrund der vorherrschenden tiefen wirtschaftlichen Existenzgrundlage in ihrer gesundheitlichen und wirtschaftlichen Selbsthilfe und -versorgung zu fördern. Die Armut sollte damit langfristig behoben bzw. verhindert und der Selbstbehauptungswillen der Menschen in Berggebieten erhalten und gestärkt werden. Die Förderung der Selbständigkeit beabsichtigte, die Bevölkerung vor der Armengenössigkeit zu bewahren.

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