Identität und Alterität im Hochmittelalter: Studien zu Helmold von Bosau, Saxo Grammaticus und Heinrich von Lettland

AutorIn Name
Barbara
Egli
Academic writing genre
Licenciate thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Rainer C.
Schwinges
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2007/2008
Abstract


Die drei hochmittelalterlichen Chronisten Helmold von Bosau (~1120-1177), Saxo Grammaticus (~1150-1220) und Heinrich von Lettland (~1188-1259) verband nicht nur eine gemeinsame Lebenswelt mit dem Ostseeraum, sondern auch ähnliche Lebensumstände. Alle drei waren Geistliche und lebten in Gebieten, welche sich durch kriegerische Auseinandersetzungen mit Wenden oder Balten in einem Zustand ständiger Unsicherheit befanden. Ausserdem verbrachten alle drei Chronisten ihre längste Lebenszeit in Räumen, welche sich im landesherrschaftlichen Aufbau befanden, und zudem Missionsoder Christianisierungsgebiet waren. Die Grenzerfahrung und die ständige Konfrontation mit den heidnischen Wenden resp. Balten stellten für die christlichen Verfasser eine grosse Herausforderung dar.

Die Perzeptionsmodalitäten der drei Chronisten sind Gegenstand der Arbeit. Durch einen mentalitätsgeschichtlichen Zugang untersucht die Studie den Umgang der drei Chronisten mit dem Fremden. Dabei galt es die wichtigsten Beurteilungs parameter herauszuarbeiten und in einen weiteren kulturhistorischen Rahmen zu stellen. Der komparatistische Ansatz erlaubt neben Gemeinsamkeiten auch Differenzen festzumachen. Hierbei trat die Frage auf, inwieweit die geäusserten Urteile als Ausdruck eigenständiger Denkweise zu deuten sind, also auf ein Eigenbewusstsein hinweisen, oder dem Zeitgeist inhärent sind. Somit versteht sich die Arbeit nicht nur als Beitrag an den Identitätsdiskurs, sondern bezieht auch Stellung in der Frage, ob Individualität im Hochmittelalter „entdeckt“ wurde.

In einem ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen zum Konzept von Identität und Alterität erarbeitet. Da eine Fremdwahrnehmung immer ein Konstrukt ist, welches aufgrund der eigenen Identitätsstrukturen zustande kommt, ist Alterität alleine nicht aussagekräftig.

Folglich konzentriert sich der zweite Teil der Arbeit auf die Analyse der Identitätsstrukturen der drei Chronisten. Aufschluss geben hierin einerseits die Biographien der drei Verfasser, andererseits starke Identifikationsmomente in ihren Werken. Exemplarisch werden je zwei herausragende Figuren herausgegriffen und nach den Beurteilungskriterien der Verfasser hin untersucht.

Aufgrund der so gewonnenen Erkenntnisse werden im dritten Teil die Fremdwahrnehmungen der drei Chronisten systematisch analysiert. Dies geschieht an erster Stelle mittels der Bestimmung des Heidenbildes der drei Historiographen. Die Beurteilungskriterien fächern sich hierin in verschiedene Felder auf; einerseits beherrscht weitgehend die glaubensbestimmte Dichotomie christani-pagani/ gentiles die Beurteilung der Heiden, andererseits wenden die Chronisten aber auch das Konzept der barbari an, welches auf kulturelle und zivilisatorische Aspekte zielt. Ebenso führen rechtliche Überlegungen zu Wahrnehmungskategorien, welche auf die Geistesströmungen des 12. Jahrhunderts hinweisen. Bestimmend für das Heidenbild erweisen sich in allen drei historiographischen Werken ethnische Gegensätze. Für Saxo ist die patria geradezu ein Schlüsselbegriff, welcher als Zeugnis von einem dänischen Patriotismus gewertet werden muss.

Abschliessend lassen sich folgende Resultate festhalten: Die Fremdwahrnehmung aller drei Chronisten wird massgeblich durch ihre christliche Identität bestimmt. Am wenigsten kommt dieser Parameter bei Saxo zum Ausdruck, welcher aufgrund seiner Bildung einen Realismus und Rationalität aufweist, welche ihn in den engen Zusammenhang mit der sog. „Renaissance des 12. Jahrhunderts“ stellen. Helmold zeigt trotz seines stark begrenzten Blickwinkels ein erstaunliches Differenzierungsvermögen, welches sich aus seiner stark pragmatischen Warte erklären lässt. Heinrichs Aufzeichnungen bezeugen den Kreuzzugsgeist, welcher im Baltikum im 13. Jahrhundert nochmals in seiner ganzen Radikalität auflebte. Das hier zum Ausdruck kommende Weltbild lässt kaum eine vergleichbare Differenzierung zu. Dennoch führten auch Heinrich konkrete Begebenheiten und persönliche Erlebnisse zu Schlüssen, welche absolute Konzepte abschwächen.

So verweisen die Urteile aller Chronisten auf ein mehr oder weniger ausgeprägtes Eigenbewusstsein und sind Ausdruck einer sich stark wandelnden Zeit, welche, zusätzlich zur Grenzsituation der drei Chronisten, dazu führte, dass die eigene Identität als problematisch erfahren wurde. Daraus erklärt sich das erhöhte Bewusstsein der drei Chronisten für die eigene Identität und der daraus resultierende Perzeptionswandel der Alterität. Individualität wurde damit nicht etwa neu entdeckt, aber die Wahrnehmungskategorien änderten und verschoben sich und rückten das Eigene vermehrt in der Vordergrund.

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