Die Lizentiatsarbeit untersucht, zu welchen Bedingungen die hugenottischen und waldensischen Flüchtlinge im späten 17. Jahrhundert im Gebiet der Drei Bünde aufgenommen worden sind und wie sich dort die Begegnung der Refugianten mit der lokalen Bevölkerung gestaltet hat. Es handelt sich dabei um eine quellenorientierte Arbeit, da es bisher keine umfassende Darstellung der Flüchtlingsproblematik für die Drei Bünde am Ende des 17. Jahrhunderts gibt.
Die Flüchtlingsbewegung am Ende des 17. Jahrhunderts wurde von den Entscheidungen des Königs von Frankreich, Ludwigs XIV., und des Herzogs von Savoyen, Viktor Amadeus II., ausgelöst. Das Edikt von Fontainebleau verbot die Ausübung der evangelischen Konfession in Frankreich (Oktober 1685), in Savoyen wurden die Privilegien der Waldenser annulliert (Januar 1686). Beide Entscheidungen lösten bis Anfang der 1690er Jahre einen Flüchtlingsstrom aus, der sich über ganz Europa ausbreitete, auch die Drei Bünde waren ein Ziel zahlreicher Glaubensflüchtlinge. Diese stiessen aber nicht auf gute Rahmenbedingungen, als sie in die Drei Bünde kamen. Die Lage war dort am Ende des 17. Jahrhunderts angespannt. Sowohl politische wie auch konfessionelle Fragen verursachten immer wieder Streit zwischen verschiedenen Parteien. Die Grenzen zwischen den Katholiken und Reformierten waren gezogen. Das paritetische Land reagierte sehr sensibel auf kleinste Störungen des religiösen Friedens. Innerlich zerstritten und daher auch unbeweglich, sah sich der Freistaat mit einem neuen Problem konfrontiert: Mit der Ankunft von mehreren hundert Glaubensflüchtlingen.
In einer ersten Phase reagierten die evangelischen Gemeinden der Drei Bünden mit Empörung: Vor allem evangelische Pfarrer meldeten sich zu Wort, als sie von den Verfolgungen der Hugenotten in Frankreich hörten. Jan Christian Linard publizierte ein Büchlein in romanischer Sprache, damit ihn die Einheimischen auch verstanden. Und die evangelischen Gemeinden zeigten sich hilfsbereit: Schon 1683, also vor dem Edikt von Fontainebleau, sammelten die evangelischen Bündner Geld, um den Glaubensbrüdern zu helfen. Auch danach gab es etliche Kollekten. Wie aus Briefen der Bündner an die Zürcher hervorgeht, wurde auch gespendet, um Gott zu gefallen. Dieses Gottgefallen war es, das den Umgang mit den Flüchtlingen zunächst prägte. Die Geldsammlungen konnten aber das Leid der Flüchtlinge nur kurzfristig lindern und vor allem den Flüchtlingsstrom nicht stoppen.
In einer späteren Phase kann man eine andere Beobachtung machen: Das Engagement der Bündner fiel je nach Flüchtlingsgruppe unterschiedlich aus. Während der Einsatz für die waldensischen Flüchtlinge gross war, kann man dies für die niedergelassenen Hugenotten in Chur so nicht behaupten. Dies kann begründet werden: Die Hugenotten fielen den Bündnern finanziell zur Last, im Gegensatz zu den Waldensern, die von ausländischen Mächten finanziell unterstützt wurden. Die Waldenser spielten nämlich für den Verlauf des Pfälzischen Erbfolgekrieges eine Rolle, und die Drei Bünden waren ein wichtiges Transitland, was sie als Durchgangsland für die Rückkehr der Waldenser nach Savoyen attraktiv machte. Spione aus aller Herren Länder waren denn auch in den Drei Bünden unterwegs, niederländische und englische Gesandte machten den Bündnern den Hof, Österreich-Spanien hatte weiterhin grossen Einfluss. Die waldensischen Flüchtlinge waren politisch relevant. Diese Relevanz fehlte den Hugenotten.
Die grosse Anzahl der ankommenden hugenottischen und waldensischen Flüchtlinge stellte die Drei Bünden vor viele Probleme, vor allem logistische. Wo sollte man die Ankömlinge unterbringen, wer sollte die finanzielle Belastung tragen? Die Stadt Chur war am schwersten betroffen. Nicht nur, dass der Bischof von Chur gegen die Flüchtlinge protestierte, in Chur versuchten sich einige Refugianten auch niederzulassen und wirtschaftliche Betriebe auf die Beine zu stellen. Spätestens an diesem Punkt stiessen die Churer Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft allerdings an ihre Grenze. Man fürchtete die wirtschaftliche Konkurrenz für die Churer Zünfte. Auf der anderen Seite waren die Ankömmlinge aber auch nicht in der Lage, sich sogleich den Bündner Verhältnissen anzupassen. Es wurde eine französisch-reformierte Gemeinde gegründet, die Bekleidung der Flüchtlinge war französisch, die Sprache natürlich auch. Für die Hugenotten war die Bewahrung der kulturellen Identität wichtig, das heisst auch: Die Fremden wollten bis zu einem gewissen Punkt Fremde bleiben. Es gibt daher auch nur wenige Beispiele von Refugianten, die in den Drei Bünden auf Dauer heimisch wurden.