Gesellschaftlicher Wandel und Migration im Berner Oberland des 19. Jahrhunderts - eine Familiengeschichte

AutorIn Name
Silvia
Hubschmid
Academic writing genre
Licenciate thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Windler
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2005/2006
Abstract

Charles Weissmüller, seine Frau Margaritha Weissmüller-Tschabold und ihre vier Kinder verliessen 1851 das Simmental, um sich in der „Neuen Welt“ Amerika ein neues Leben aufzubauen. Das neue Leben dauerte nur sechs Jahre, denn 1857 kehrten beide mit ihren mittlerweile fünf Kindern in die Schweiz zurück, wo sie nun wieder ein Leben führten, welches dem vor der Migration sehr ähnlich war.

 

Die Notabelnfamilie Weissmüller aus Wimmis, einem Dorf am Eingang des Simmentals (Berner Oberland), steht im Mittelpunkt dieser Lizentiatsarbeit. Gefragt wird, wie die Familie mit Emigration und Rückkehr auf den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts reagierte und wie sich die Migrationserfahrung auf ihre soziokulturellen Horizonte auswirkte. Wurden die Migranten für die Veränderungen ihrer Zeit empfänglicher, oder bot ihnen – im Gegenteil – die Migration etwa die Möglichkeit, sich dem Wandel zu entziehen? Welche Rolle spielte in diesem Zusammenhang ihre Beziehung zu Verwandten und Bekannten diesseits und jenseits des Atlantiks? Diese mikrohistorische Arbeit basiert hauptsächlich auf Briefen, welche das Ehepaar Weissmüller- Tschabold zwischen 1851 und 1857 aus den USA ihrem Vater, beziehungsweise Schwiegervater in Erlenbach im Simmental sandten. Dabei werden zwei Hauptaspekte untersucht: erstens die Lebensweise der Familie in den verschiedenen Stadien der Migration – als Auswanderer, Einwanderer und Rückkehrer, zweitens die Bedeutung des Beziehungsnetzes in diesen Phasen.

 

Nach einer Einführung in die verwendeten aktuellen Migrationstheorien, insbesondere in die Bedeutung von personalen Netzwerken in diesem Kontext, werden die Briefschreiber in einem ersten Teil im historischen Kontext ihrer Zeit betrachtet. Aus einer makrohistorischen Perspektive wird der allgemeine gesellschaftliche Wandel der westlichen Welt im 19. Jahrhundert dargestellt, einschliesslich der daraus resultierenden Migrationsbewegungen und der politischen Umwälzungen. Die mikrohistorische Herangehensweise ermöglicht es dann, die lokalen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten im Niedersimmental, die familiären und beruflichen Hintergründe der Weissmüllers sowie ihre sozialen Beziehungen zu beleuchten und nach dem Migrationsmotiv zu fragen. Im folgenden Teil werden Veränderungen der Haltung und Lebensweise des Ehepaars Weissmüller im Prozess vom Auswanderungsentscheid bis zum Rückkehrentscheid nachvollzogen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit sie sich in den sechs Jahren neuen Lebensbedingungen, Werten und Normen anpassten und wie stark sie dem gesellschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts ausgesetzt waren. Das Leben als Rückkehrer im Simmental und das Schicksal der zweiten Auswanderergeneration wird in einem dritten Teil wiederum mit dem Leben der Familie vor und während der Migration verglichen. Gestützt auf gängige Migrationstheorien wird parallel dazu untersucht, wie sich die Migranten in ihrem Beziehungsnetz aus Verwandten und Bekannten bewegten, und wie diese Zugehörigkeit ihr Migrationsverhalten beeinflusste. Mit der Identifikation der in den Quellen genannten Personen wird die Qualität dieses Netzwerks ergründet und gefragt, wer aus ihrem Umfeld ebenfalls migrierte und zu welchen Personen die Weissmüllers während der Migration sowie nach der Rückkehr in die Heimat den Kontakt aufrecht erhielten.

 

Die Untersuchung zeigt, dass die Migrationsmotive, sowohl bei der Emigration, als auch bei der Rückkehr eher konservativer Art waren. In der Atmosphäre einer Welt im Wandel erhoffte sich die Migrantenfamilie von der „Neuen Welt“ ein ruhiges Leben in Sicherheit für sich und ihre Nachkommen. Als diese Hoffnung in der sich ebenso wandelnden amerikanischen Gesellschaft enttäuscht wurde, entschlossen sie sich zur Rückkehr in die „alte Heimat“. Die Motivation blieb der Wunsch nach Kontinuität und Sicherheit. Weissmüllers Netzwerk aus Verwandten und Bekannten in der neuen und alten Heimat ermöglichte eine gewisse Kontinuität zwischen dem Leben vor, während und nach der Migration. Verschiedentlich zeigten sie sich jedoch erstaunlich offen gegenüber neuen Entwicklungen und gegenüber der amerikanischen Lebensweise. So sind die Migrantenbriefe von einem zwiespältigen Verhältnis zum Wandel der Zeit geprägt. Sie zeugen von einem bedächtigen Herantasten an eine sich wandelnde Welt, immer mit Misstrauen, da man die vertraute Welt schwinden sieht, doch auch mit einer gewissen Neugierde und zögerlichen Offenheit. Ihr soziokultureller Horizont hatte sich in der Migration erweitert, ihre Lebensweise jedoch erst wenig den neuen Gegebenheiten angepasst, da der Wandel sie immer wieder überforderte. Erst die zweite Generation sollte von ihrer Migrationserfahrung profitieren: Die jungen Weissmüllers reagierten offener auf den gesellschaftlichen Wandel und änderten ihre Lebensweise grundsätzlich.

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