„...von mines verlassnen zytlichen guotts wegen“ Berner Testamente des Spätmittelalters

AutorIn Name
Ariane
Huber
Academic writing genre
Licenciate thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Urs M.
Zahnd
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2004/2005
Abstract

Die Untersuchung mittelalterlicher Testamente stösst in der deutschsprachigen Geschichtsforschung seit den Siebzigerjahren auf Interesse. Eine umfassende Untersuchung wenigstens eines Teils der drei überlieferten Testamentenbücher aus dem Bestand des Berner Staatsarchivs stand jedoch bisher aus. Vermächtnisse – oder deren Abschriften wie im Falle Berns – geben Aufschluss über verschiedenste Aspekte mittelalterlichen Lebens. Da sich die Erblasser einerseits um das eigene Seelenheil und andererseits um die Vergabe ihrer weltlichen Güter sorgten, finden sich Hinweise sowohl auf religiöse Vorlieben und Beziehungen zwischen Menschen als auch auf Ablehnung bestimmter Verhaltensweisen. Auch Gegenstände aus dem alltäglichen Leben lassen sich unter den Legaten finden. Trotz bestimmter vorgegebener Elemente und Formulierungen können Einsichten in Denk- und Handlungsweisen individueller wie kollektiver Natur gewonnen werden.

 

In der Lizentiatsarbeit werden 52 der im Berner Staatsarchiv erhaltenen Testamentsabschriften aus den Jahren 1515 (Niederlage von Marignano) bis 1528 (Reformation in Bern) auf sozial-, mentalitäts- und kulturgeschichtliche Fragen hin untersucht. Rechts- und verfassungsgeschichtliche Aspekte werden nur am Rande betrachtet. Die Untersuchung der Testamentsinhalte, die durch zusätzliche Archivalien ergänzt wird, erstreckt sich über drei Hauptkapitel. Zuerst werden die zu betrachtenden Testamente in den historischen Kontext sowie ins bernische städtische Umfeld eingeordnet. Die Thematik des Sterbens und der Sterbevorsorge in spätmittelalterlichen Städten, das politische und gesellschaftliche Umfeld im vorreformatorischen Bern sowie das bernische Erbund Testierrecht werden erörtert. Im zweiten Hauptkapitel folgt eine umfassende Analyse der 52 Testamente, wobei die Erblasser (Geschlecht, Beruf, sozialer Status), die Legate (Renten, Bargeld, Immobilien, Sachgüter) und deren Funktion sowie die Legatsempfänger (Einzelpersonen wie Verwandte, Freunde und Dienstpersonal sowie religiöse und karitative Institutionen) im Zentrum stehen. Dabei werden auch die Beziehungen zwischen Erblassern und Legatsempfängern, die Vernetzung unter den Testatoren sowie die Entwicklung der Testiergewohnheiten innerhalb des untersuchten Zeitraumes betrachtet. In einem dritten Teil wird ein Vergleich zu vier anderen Städten (Konstanz, Köln, Wien und Stralsund) gezogen. Die Untersuchung wird durch einen Anhang bestehend aus Kurzbiographien zu einzelnen Erblassern, einer tabellarischen Übersicht über die Testatoren, Grafiken, Genealogien und Bildmaterial ergänzt. Die Analyse der Testamente aus dem gewählten Zeitraum ergibt, dass entsprechend der bernischen Gesetzgebung sowohl Frauen als auch Männer unterschiedlichen Zivilstands sowie Geistliche des St. Vinzenzstifts von der schriftlichen Sterbevorsorge Gebrauch machten. Etwa 19 weibliche und männliche Testatoren sind der Oberschicht anzurechnen: Drei Männer und gleich viele Frauen waren Vertreter von Adelsfamilien. Rund dreizehn Testatoren/-gatten gehörten einflussreichen, aufstrebenden vermögenden Familien, dem Kreis der so genannten Notabeln an, bei denen sich Vermögen mit politischer Einflussnahme (Sitz im Kleinen Rat) paarten. Ungefähr fünfzehn Testatoren sind der oberen Mittelschicht anzurechnen. Diese verfügten ebenfalls über ein grösseres Vermögen und hatten teilweise öffentliche Ämter inne. Die restlichen rund dreizehn Testatoren und Testatorinnen sind der weniger vermögenden Mittelschicht zuzuordnen. Es kann davon ausgegangen werden, dass sie einem Handwerk oder Gewerbe nachgingen; einige können als Mitglieder des Grossen Rats nachgewiesen werden.

 

Die Untersuchung der in den Ordnungen legierten Gelder und Sachlegate ermöglicht eine breite Einsicht in das spätmittelalterliche Alltagsleben. Zudem konnte herausgefunden werden, dass ein Zusammenhang zwischen sozialem Status und materiellen Gütern besteht.

 

Der Vergleich von Testatoren und Testiergewohnheiten verschiedener Städte gestaltet sich insofern problematisch, als die untersuchten Zeiträume und der Quellenumfang nicht identisch sind. Zudem unterscheiden sich die Städte aufgrund von Gesetzgebung, geographischer Lage, wirtschaftlicher Ausrichtung und in der Zusammensetzung der geistlichen Institutionen.

 

Ein religiöser Wandel kann in den Jahren vor der Reformation anhand der Testiergewohnheiten der Berner Bürger durchaus festgestellt werden: Legate zu frommen Zwecken wurden in den Jahren 1527 und 1528 entweder nicht mehr getätigt oder ausschliesslich Armen oder bestimmten Geistlichen zugeführt. Dies obwohl die geistlichen Institutionen und Gemeinschaften bis zu Beginn des Jahres 1528 oder – wie im Fall der Beginen – noch länger fortbestanden. Bereits ab dem Jahr 1524 bleiben sowohl die Bruderschaften, die Franziskaner als auch die „Beginensamnungen“ als Legatsempfänger ungenannt.

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