Ringvorlesung: „Geschichte Lateinamerikas: Krisenherd und Laboratorium"

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Cours magistral

Die Ringvorlesung bietet einen epochenübergreifenden Überblick über die Geschichte Lateinamerikas von der Ankunft der Europäer 1492 bis in die Gegenwart. Sie begreift den Kontinent zugleich als Raum tiefgreifender Krisen und als historisches Laboratorium, in dem soziale, kulturelle, politische und ökonomische Ordnungen unter oft extremen Bedingungen erprobt wurden. Aktuelle Konfliktlagen und Interventionen – etwa die jüngsten Spannungen um Venezuela – werden dabei konsequent in ihren historischen Kontext eingebettet.

Im Zentrum stehen unter anderem Prozesse von Mestizaje und Transkulturation, die aus der gewaltsamen wie produktiven Begegnung indigener Gesellschaften, europäischer Kolonisatoren und afrikanischer und asiatischer Arbeits- und Zwangsmigranten hervorgingen. Missionarische Unternehmungen und utopische Siedlungsprojekte wirkten als soziale Experimente zwischen religiöser Disziplinierung, Herrschaftsausübung und gemeinschaftlicher Neuordnung. Der Kontakt mit der „Neuen Welt“ förderte frühe Formen ethnologischen Wissens und veränderte europäische Wissensordnungen nachhaltig. Kolonialismus erscheint in dieser Perspektive nicht nur als Ausbeutungsregime, sondern auch als Motor früher Globalisierungsprozesse.

Ein besonderes Augenmerk gilt der Spannung zwischen Distanzherrschaft der Kolonialreiche und lokalen Formen autonomer Selbstverwaltung, etwa in indigenen Kommunen, sowie der Entwicklung lateinamerikanischer Geschichtsschreibung zwischen kolonialen Narrativen, nationalen Deutungsmustern und postkolonialer Kritik. Für das 20. Jahrhundert analysiert die Vorlesung Militärdiktaturen, Bürgerkriege und sozialistische Gesellschaftsexperimente ebenso wie Lateinamerika als volkswirtschaftliches Laboratorium: Dazu zählen die kybernetisch inspirierten Steuerungsversuche der chilenischen Wirtschaft unter Salvador Allende ebenso wie die radikale Umsetzung neoliberaler Reformen während der Pinochet-Diktatur, angeleitet von Ökonomen der Chicago School. Diese gegensätzlichen Modelle verdeutlichen, wie der Kontinent wiederholt als Experimentierfeld globaler Wirtschafts- und Ordnungsvorstellungen diente.

Nach der Dominanz iberischer Kolonialreiche und den Unabhängigkeitsbewegungen des frühen 19. Jahrhunderts geriet Lateinamerika langfristig unter den Einfluss des US-Imperialismus. Aus Schweizer Perspektive blieb der Kontinent trotz seiner globalen Verflechtungen häufig ein blinder Fleck. Die Ringvorlesung möchte dem entgegenwirken, indem sie die Vielschichtigkeit und Dynamik der lateinamerikanischen Geschichte sichtbar macht und ein historisch fundiertes Verständnis für die Gegenwart und ihre Konflikte vermittelt.

Organisé par
Prof. Dr. Vitus Huber / Prof. Dr. Siegfried Weichlein

Lieu de l'événement

Universität Fribourg / Miséricorde 03 3024
Avenue de l'Europe 20
1700 
Fribourg
Langues de l'évènement
Allemand

Informations supplémentaires sur l'événement

Coûts de participation

CHF 0.00

Inscription

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