Von Portugal nach Rio de Janeiro. José Clemente Pereira und die bürokratische und Grossgrundbesitzer-Elite Rios

Nom de l'auteur
Ana Carolina
Ribeiro Cardoso
Type de travail
Mémoire de master
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Christian
Büschges
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2025/2026
Abstract

Diese Arbeit untersucht die Entstehung und Reproduktion politischer Eliten im Brasilien des 19. Jahrhunderts anhand einer mikrohistorischen Studie zu José Clemente Pereira (1787–1854). In Portugal geboren, begann Pereira seine Karriere in militärisch-bürokratischen Kreisen, bevor er während der Umbrüche der Napoleonischen Kriege nach Rio de Janeiro übersiedelte. Dort blieb er auch nach der Unabhängigkeit und integrierte sich in die brasilianische herrschende Klasse. Er bekleidete hohe Ämter als Minister, Senator und Staatsrat und wurde zugleich ein bedeutender Grossgrundbesitzer und Sklavenhalter. Indem Pereira in die umfassenderen Transformationen der luso-brasilianischen Welt während der Napoleonischen Kriege, die Verlegung des portugiesischen Hofes nach Rio de Janeiro (1808) sowie die Konsolidierung des Brasilianischen Kaiserreichs eingeordnet wird, analysiert die Studie, wie Eliten in einer Phase imperialer Neuordnung politisches, ökonomisches, soziales und symbolisches Kapital mobilisierten.
 

Unter Rückgriff auf die Konzepte von Habitus und Kapital nach Pierre Bourdieu rekonstruiert die Untersuchung Pereiras Werdegang von seiner frühen militärisch-bürokratischen Laufbahn in Portugal bis zu seiner politischen Bedeutung in Brasilien. Dabei wird hervorgehoben, wie er sich durch die Ausübung öffentlicher Ämter, Grundbesitz sowie die Teilnahme an Vereinigungen wie nationalen Orden und Freimaurerlogen in elitäre Netzwerke integrierte. Besonderes Augenmerk gilt seinen Kaffeeplantagen und der versklavten Arbeitskräfte in Vassouras im Paraíba-Tal, dem Zentrum der Plantagenexpansion des 19. Jahrhunderts. Dies zeigt, wie die Kontrolle über Land und Arbeit die Grundlage der Macht der Eliten bildete. Die Analyse stützt sich auf ein vielfältiges Korpus von Primärquellen aus Archiven in Brasilien und Portugal, darunter amtliche Korrespondenzen, juristische Dokumente, Zeitungen und Nachlassinventare. Methodisch wendet die Studie eine fallbezogene archivgestützte Interpretation der Biografie José Clementes an, wodurch Strategien der Eliten in Landkonflikten, Heiratsallianzen und beim Erwerb von Ehrentiteln untersucht werden können.
 

Die Ergebnisse zeigen, dass Pereiras Karriere beispielhaft für die Anpassungsfähigkeit der imperialen Elite Brasiliens steht. Deren Mitglieder verbanden überlieferte aristokratische Praktiken mit neuen kapitalistischen Mechanismen, um ihre Vorherrschaft zu sichern und auszubauen. Die Ungleichheit im Brasilien des 19. Jahrhunderts erscheint somit nicht als blosses Überbleibsel des Kolonialismus, sondern als Ergebnis historisch verankerter Prozesse der Elitenbildung, in denen politische Autorität, Plantagenreichtum und sozialer Status sich gegenseitig verstärkten. Diese Fallstudie leistet damit einen Beitrag zu breiteren historiografischen Debatten über die Beständigkeit und den Wandel herrschender Klassen im Zeitalter der atlantischen Revolutionen.

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