Das jakutische Luxusgut, das keines sein sollte. Eine objektbiografische Annäherung an Macht und Widerstand innerhalb der sowjetischen Diamantwirtschaft 1956 – 1991

Nom de l'auteur
Jana
Kehl
Type de travail
Mémoire de master
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Dr. habil.
Carmen
Scheide
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2025/2026
Abstract

Mitte der 1950er-Jahre lokalisierten Geologinnen und Geologen im Gebiet rund um die heutige Stadt Mirnyj die ersten Diamantvorkommen auf dem Territorium der UdSSR. Mit dem Abbau dieser Vorkommen stieg der sowjetische Staat innerhalb weniger Jahre zu einem der weltweit grössten Diamantproduzenten auf. Während die Auswirkungen dieses Aufstiegs auf das westliche Diamantkartell wissenschaftlich breit diskutiert wurden, bleibt die Frage, welche Rolle der Diamant innerhalb der Sowjetunion einnahm, bis heute grösstenteils unbeleuchtet. Unklar ist etwa, wie die Diamantwirtschaft innerhalb dieses sozialistischen Staates „physisch“ ausgelegt war und welche Personen und Gruppen Teil dieser waren. Relevant sind solche Fragen insbesondere deshalb, weil der Stein in einem kapitalistischen Kontext mit diversen Bedeutungen aufgeladen ist und in vielerlei Hinsicht mit Macht assoziiert wird. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Masterarbeit, welche bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse sich zwischen 1956 und 1991 in der sowjetischen Diamantwirtschaft widerspiegelten–und inwiefern der Diamant dazu beitrug, diese zu festigen oder anzufechten. Um ein umfassendes Bild der sowjetischen Diamantwirtschaft zu erlangen und diese in ihren historischen Kontext einzubetten, folgt die Untersuchung dem methodischen Ansatz einer Objektbiografie. Diese ist darauf ausgelegt, die gesamte „Lebensgeschichte“ des Diamanten, die als ein Wertschöpfungsprozess von der „Produktion“ bis hin zum „Verbrauch“ beschrieben werden kann, nachzuzeichnen. Zudem bietet die Objektbiografie gemäss Annahmen der Material Culture Studies ein Werkzeug dafür, die Dynamik und Stabilität bestimmter gesellschaftlicher Strukturen sichtbar zu machen. Mit dieser Methodik zur Analyse eines breit ausgelegten Bestands an digitalisierten öffentlichen Quellen lässt sich schliesslich aufzeigen, dass auch der natürliche Diamant aus der Jakutischen ASSR eine Vielzahl an „kulturellen Daten“ widerspiegelt und offenbart. Über verschiedene Zeiten und Räume des Wertschöpfungsprozesses hinweg –vom Diamantabbau b Jakutalmaz über die Veredelung der Steine bei Kristall Smolensk bis hin zum Verkauf dieser in der Berёzka–lässt sich die sowjetische Diamantwirtschaft dabei auch als ein „Machtgefüge“ betrachten. Dieses lässt sich durch die Theorien Foucaults als ein Ensemble aus unterschiedlichen sozialen Beziehungen, Praktiken oder Diskursen fassen. Damit werden auch Verbrechen, Skandale, Auszeichnungen oder Arbeitstechniken in der Diamantwirtschaft in der Quellenanalyse berücksichtigt und vor dem Hintergrund von Foucaults Machtbegriff genauer untersucht. All diese Elemente, in welche der Diamant als Untersuchungsobjekt eingebettet werden muss, trugen auf unterschiedliche Weise dazu bei, dass Macht ausgeübt werden konnte und sich bestimmte Hierarchien in der sowjetischen Gesellschaft festigten oder veränderten. Nicht allein die Beschreibung dieser Prozesse liegt im Erkenntnisinteresse der Untersuchung der sowjetischen Diamantwirtschaft: So dient die interdisziplinäre Herangehensweise auch einer Reflexion der Frage, in welche Forschungskontexte Objekte eingebettet werden können und welche Möglichkeiten deren Biografien für die Geschichtswissenschaften bieten.

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