Der linke Sonderfall. Die Parteiengeschichte der Zuger Linken

Nom de l'auteur
Konradin
Franzini
Type de travail
Mémoire de master
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Dr.
Juri
Auderset
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2025/2026
Abstract

Viele Kantone in der Schweiz verfügen über eigene Parteiensysteme, so auch der Kanton Zug. Schweizweit einzigartig ist jedoch, dass eine Neue Linke Partei neben einer etablierten SP längerfristig zur stärksten linken Kraft werden konnte. Die Masterarbeit untersucht, weshalb in Zug eine starke Neue Linke Bewegung entstand und inwiefern dies mit der Positionierung und Aktivität der SP Zug zusammenhing. Auf der Grundlage einer Vermittlung von Perspektiven einer politischen Kulturgeschichte und der neueren Sozialgeschichte untersucht die Arbeit vier Thesen, um den linken Zuger „Sonderfall“ historisch zu erklären. Erstens konnte die Neue Linke mit einer dezidiert linken Agenda das nach 1968 entstehende alternative Milieu besser ansprechen als die traditionelle SP; zweitens gewann die Neue Linke durch einen aktiven Kommunikationsstil ein klares Profil; drittens verankerte sie sich durch ihre Zusammenarbeit mit neuen sozialen Bewegungen stärker in der Bevölkerung. Zusätzlich bildete die These, wonach die Zuger Entwicklung ein verzögertes Resultat einer westeuropäischen Entwicklung war, in der sich soziale Milieus und klassische Parteimilieus wandelten, einen Referenzrahmen. Zur Prüfung der Thesen wurden Protokolle, Diskussionspapiere, Parteipublikationen und Wahlmaterial analysiert. Ausgehend von den 68er-Bewegungen entstanden auch in Zug Jugendgruppen, die sich zunehmend politisierten. Teile davon traten in die SP ein, um diese zu einer sozialistischen Partei zu formen. Andere gründeten die Revolutionär Marxistischen Liga Zug (RML). Bei der Kommunikation zeigten sich früh Unterschiede zwischen den Parteien. Die SP setzte auf klassische Pressearbeit und klagte über mangelnde Sichtbarkeit. Die RML, welche sich auch von der Presse benachteiligt sah, erwirkte hingegen Sichtbarkeit über Initiativen, Referenden oder medienwirksame Aktionen. Anfangs der 1980er-Jahre thematisierte die RML, welche sich neu in Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) umbenannt hatte, immer stärker die Zuger Steuerpolitik und ihre globalen Auswirkungen. Diese internationale Perspektive wurde zu einem zentralen Programmpunkt und erhielt durch die wirtschaftliche Entwicklung des Kantons besondere Relevanz. Die SAP positionierte sich damit früh als moralischer Gegenpol zur bürgerlichen Tiefsteuerpolitik, was auch auf mediales Interesse stiess. Die SP versuchte sich in den 1980er-Jahren zunehmend von den Gewerkschaften zu lösen und griff vermehrt postmaterielle Themen auf. Die Jugendbewegungen anfangs der 1980er-Jahre waren für die SAP ein wichtiger Wendepunkt. Während die nationale Parteileitung die „Proletarisierung“ beschloss, zeigte sich in den Jugendbewegungen ein grösseres Mobilisierungspotential. Elektoral erzielte die SAP zehn Jahre nach ihrer Gründung ihren ersten Wahlerfolg. Ihren Sitz im Zuger Stadtparlament sah die Partei primär als zusätzliche Plattform und verknüpfte diese mit ihrer ausserparlamentarischen Arbeit. Die Untersuchung zeigt, dass der SAP der elektorale Durchbruch erst durch ihre Öffnung hin zur Sozialistisch Grünen Alternative (SGA) 1986 und damit weg von der ideologisch geschlossenen Kaderstruktur gelang. Damit öffnete sich auch die SP gegenüber der SGA und die beiden Parteien näherten sich inhaltlich an. Ein entscheidender Unterschied zeigte sich aber nach wie vor bei wichtigen Abstimmungen, wo die SGA früh klare Akzente setzte, während die SP innerparteilich um eine Positionierung rang. Zusätzlich erhöhte die Zusammenarbeit mit lokalen Oppositionsgruppen ihr politisches Gewicht und führte schliesslich 1990 zum Einzug in die Kantonsregierung. Dies markiert zugleich den Wandel von einer bewegungsnahen Oppositionskraft zur institutionell eingebundenen Partei, ohne dabei ihre Wurzeln in den Bewegungen aufzugeben. In den 1990er-Jahren wurde die SGA der SP elektoral ebenbürtig, wenngleich eine konservative Gegenbewegung das politische Umfeld rauer machte. Während die SP 1995 mit dem Gewinn eines Nationalratssitzes noch einmal Stärke zeigen konnte, ging der elektorale Erfolg ab den 2000er-Jahren klar zugunsten der SGA. In der Analyse zeigt sich, dass der Zuger Sonderfall weder auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen ist, noch isoliert von übergeordneten gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet werden kann. Vielmehr entwickelte sich die Neue Linke in Zug im Spannungsfeld struktureller, kultureller und politischer Veränderungen, die ab den 1970er-Jahren zusammenwirkten. Die Geschichte der Zuger Linken wurde bislang fast ausschliesslich von direkt beteiligten Akteur:innen aufgearbeitet. Die Masterarbeit leistet einen ersten Beitrag, um diese Forschungslücke zu schliessen und eröffnet gleichzeitig weiterführende Forschungsperspektiven, beispielsweise die systematische Untersuchung neuer linker Parteien in der Schweiz.

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