Der «Mädchenhandel» in der Habsburgermonarchie. Netzwerke der Frauenhändler:innen in Behördenakten und Presse

Nom de l'auteur
Niko
Bebis
Type de travail
Mémoire de master
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Julia
Richers
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2025/2026
Abstract

Der Frauenhandel zwischen den 1880er-Jahren und dem Ersten Weltkrieg, zeitgenössisch auch als „Mädchenhandel“ bezeichnet, war ein transnationales Phänomen, dem insbesondere in der Habsburgermonarchie eine zentrale Rolle zukam. Die vorliegende Arbeit analysiert die Netzwerke der Frauenhändler:innen, ihre Strukturen, Funktionsweisen und internationalen Verflechtungen. Dabei wird Frauenhandel nicht ausschliesslich als kriminelle Praxis verstanden, er galt als eine der ersten Formen von organisierter Kriminalität, sondern als ein vielschichtiges soziales, wirtschaftliches und migrationsgeschichtliches Phänomen.

 

Ziel ist es, auf Grundlage von Behördenakten und zeitgenössischen Presseberichten diese Netzwerke zu rekonstruieren. Im Fokus stehen dabei die internen Beziehungen, die Identifikation von Schlüsselpersonen sowie die Strategien der Strafverfolgung. Deutlich wird, dass nicht isolierte Personen handelten, sondern arbeitsteilig organisierte Zusammenschlüsse. Diese Netzwerke variierten in ihrer Struktur: Während manche auf familiären Bindungen basierten, agierten andere in lose verbundenen, bandenähnlichen Strukturen über Staatsgrenzen hinweg. Einzelpersonen waren zum Teil für verschiedene Gruppen tätig. Der Frauenhandel umfasste mehrere Stufen–Anwerbung, Transport/Verschleppung und Verkauf – , häufig in aussereuropäische Regionen wie Südamerika, Ägypten oder dem Osmanischen Reich. Innerhalb dieser Netzwerke agierten die Beteiligten zunehmend spezialisiert und angepasst an die Bedingungen einer mobilen und urbaner werdenden Welt.
 

Galizien und die Bukowina waren von struktureller Armut, geringer Bildung und fehlenden Perspektiven geprägt. Besonders die jüdische Bevölkerung war von Auswanderung betroffen – freiwillig oder unter Druck. Auf beiden Seiten des Frauenhandels waren jüdische Personen involviert, was in der antisemitisch gefärbten Presse zunehmend zu einer Stigmatisierung des „Mädchenhandels“ als vermeintlich „jüdisches“ Verbrechen führte. Die Arbeit beleuchtet diesen Diskurs–gerade in der deutsch-nationalen Presse–kritisch und zeig wie weit diese antisemitische Stigmatisierung innerhalb der Zeitungen ging.

 

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Reaktion der habsburgischen Behörden. Herausforderungen in der Strafverfolgung – etwa durch gefälschte Pässe, Korruption und ein unzureichendes Strafrecht–erschwerten ein konsequentes Vorgehen. Zwar wurden institutionelle Massnahmen wie die Einrichtung einer Zentralstelle zur Bekämpfung des Frauenhandels oder ein Verbrecher:innenalbum implementiert, deren Wirkung blieb jedoch begrenzt angesichts der Flexibilität der Täter:innen und der transnationalen Dimension des Phänomens.
 

Grundlage bilden umfangreiche Aktenbestände der Landespolizeidirektion Wien, darunter internationale Korrespondenzen, Ermittlungsberichte und Fahndungsunterlagen, sowie digitalisierte Zeitungen aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek. Methodisch kombiniert die Arbeit klassische Quellenkritik mit Netzwerkanalyse–unter anderem durch Visualisierungen mittels Gephi – sowie eine diskursanalytische Auswertung der Presseberichte. Diese dient dabei die Netzwerke auch graphisch sichtbar zu machen, Schlüsselfiguren zu erkennen, Beziehungen zwischen Personen zu analysieren und zum Herausfinden von Schnittstellen–also Personen welche für verschiedene Frauenhändler:innen tätig waren.
 

In der Analyse werden die Netzwerke der Frauenhändler:innen als heterogene Gebilde sichtbar, angesiedelt zwischen organisiertem und ökonomischem Verbrechen. Die Untersuchung zeigt, wie komplex die Verbindungen zwischen den Akteur:innen waren und wie unzureichend die staatliche Reaktion blieb. Zudem verdeutlicht die Arbeit, wie stark antisemitische Deutungsmuster den Diskurs in deutsch-nationalen Zeitungen und darüber hinaus prägten. Sie leistet damit einen Beitrag zur historischen Kriminalitäts-, Migrations- und Antisemitismusforschung und sensibilisiert für ein Phänomen, das bis heute als Menschenhandel bekannt ist.

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