Perfekte Performanz. Geschlechter- und körperhistorische Perspektiven auf das Frauenkunstturnen in der Schweiz 1949 – 1985

Nom de l'auteur
Yvonne
Schüpbach
Type de travail
Thèse
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Silvia
Berger Ziauddin
Codirecteur
Dr. Christian Koller (Universität Zürich)
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2024/2025
Abstract

„Hübsch und sexy müssen sie sein“, erinnerte sich eine interviewte Kunstturnerin der 1960er und 1970er Jahre an eine Berichterstattung in den Schweizer Medien über sie. Damals war sie noch nicht einmal fünfzehn Jahre alt und Teil des Schweizer Nationalkaders.

 

Frauenkunstturnen war nie ausschliesslich eine sportliche Disziplin, sondern ein zentraler Schauplatz vergeschlechtlichter (Re-)Produktion und Machtaushandlungen. Zwischen dem ersten internationalen Auftritt des Schweizerischen Frauenturnverbandes (SFTV) 1949 und dessen Fusion mit dem Eidgenössischen Turnverband im Jahr 1985 entwickelte sich das Frauenkunstturnen als Sportart, in der normative Vorstellungen von Geschlecht verhandelt, (re-)produziert und inszeniert wurden. Die vorliegende Studie untersucht erstmals umfassend die Verbreitung und institutionelle Verankerung sowie Entwicklung des Frauenkunstturnens in der Schweiz aus geschlechter- und körperhistorischer Perspektive. Sie schliesst wesentliche Forschungslücken und integriert multidisziplinäre Ansätze aus der Geschlechter- und Körpergeschichte mit performativen Geschlechterkonzepten. Am Beispiel des Frauenkunstturnens wird gezeigt, wie sportliche Praxen normative Vorstellungen von Weiblichkeit (re-)produzierten, kontrollierten und naturalisierten. Anhand vielfältiger textlicher und audio-visueller Quellen – aus Beständen des Staatsarchivs Aargau, des Schweizerischen Turnverbandes, der Schweizerischen Nationalbibliothek und des Ringier Bildarchivs – sowie Oral-History-Interviews mit ehemaligen Kunstturnerinnen verdeutlicht die Studie, wie solche Praxen zur Persistenz und (Re-) Produktion von Geschlecht und Geschlechterhierarchien beitrugen.

 

Die Analyse zeigt, dass Frauenkunstturnen nicht einem inhärent „weiblichen“ Wesen entsprang, sondern vielmehr Ausdruck und Folge patriarchaler Gesellschaftsordnungen ist. Die Sportart wurde in bewusster Abgrenzung und Anlehnung an das Männerkunstturnen entwickelt, um die binäre Geschlechterordnung zu stabilisieren und spezifische Weiblichkeitsperformances zu fördern und zu inszenieren. Der vergleichsweise späte Einstieg der Schweiz in den kompetitiven Kunstturnsport für Frauen wurde massgeblich durch Faktoren wie den Kalten Krieg, Entmilitarisierung und Professionalisierung der Sportförderung sowie gesellschaftliche Umbrüche und die Neue Frauenbewegung beeinflusst. Auch der Druck des Schweizerischen Arbeiterturn- und Sportverbandes (SATUS) spielte dabei eine wichtige Rolle. Frauenkunstturnen etablierte sich zudem zunehmend als ästhetischer, akrobatischer Kindersport, was 1968 schliesslich ebenfalls zum offiziellen Einstieg der Schweiz am internationalen Wettkampfgeschehen beitrug.

 

Die Turnerinnen wurden darin primär auf ihren feminisierten Körper reduziert, der überwacht und diszipliniert wurde. Dies geschah im Spannungsfeld zwischen vermeintlicher körperlicher Zerbrechlichkeit und sexualisierter Disponibilität. Der Übergang zum Spitzensport erweiterte zwar ihre Bewegungsmöglichkeiten, verstärkte jedoch zugleich die (Selbst-)Disziplinierung und sexualisierende Objektivierung von Turnerinnen. Während des Untersuchungszeitraumes verschob sich die Kontrolle feminisierter Körper von einer medizinisch-biologischen Überwachung des „Volkskörpers“ im Breitensport hin zu einer leistungsorientierten (Selbst-)Disziplinierung im Spitzensport, wodurch feminisierte Körper zum zentralen Schauplatz patriarchaler Machtausübung wurden.

 

Oral-History-Interviews verdeutlichen, wie geschlechtsspezifische Gewalt und körperliche Dissonanzen gezielt eingesetzt wurden, um Turnerinnen von ihrer untergeordneten Position zu überzeugen. Diese sollten ihre Körper klein, schlank und gehorsam halten – und sie zugleich zu sportlichen Höchstleistungen antreiben. Mediale Darstellungen verstärkten die sexualisierende Objektifizierungzusätzlichundtrugendamitzur Abwertung sportlicher Leistungen bei, wodurch vergeschlechtlichte Hierarchien reproduziert wurden. So wurde der Körper der Turnerinnen zum Medium von Geschlechternormen, zum Disziplinierungsobjekt und Objekt sexualisierter Unterwerfung, sowie zum Ort von Gewalt und Machtaushandlungen.

 

Innerhalb des SFTV zeigte sich während des Untersuchungszeitraumes eine doppelte Hierarchie entlang geschlechtlicher und institutioneller Linien. Trotz wachsender Macht von Funktionärinnen dominierten „männlich“ konstruierte Expertisen. Turnerinnen wurden zugleich als schutzbedürftig inszeniert und durch autoritäre Trainer:innen kontrolliert und diszipliniert. Besonders gravierendwardiegeschlechtsspezifischeGewalt, der meist minderjährige Turnerinnen ausgesetzt waren – ausgeübt durch Trainer:innen und begünstigt durch die hierarchischen und normierenden Strukturen des Leistungssports. Sie äusserte sich in körperlicher, psychischer und sexualisierter Form. Diese Praxen dienten der (Re-)Produktion geschlechtlicher Hierarchien, der (Selbst-) Disziplinierung feminisierter Subjekte und der Einschränkung ihrer Handlungsspielräume. Trotz dieser ernüchternden Befunde berichteten einzelne Turnerinnen aber auch von Widerstand, Solidarität und einer tiefen Verbundenheit zum Sport.

 

Die Studie macht deutlich, dass Frauenkunstturnen als performative Praxis nicht nur sportliche Höchstleistungen abbildete, sondern Weiblichkeitsperformances herstellte und normierte. Turnerinnen mussten Bewegungen, Körperpräsentationen und Verhalten so gestalten, dass sie sowohl sportlichen als auch normierten Weiblichkeitsvorstellungen entsprachen. In der geschlechter- und körperhistorischen Analyse erscheint die Kunst des Frauenkunstturnens so als künstliche Herstellung scheinbar eindeutiger Geschlechterzugehörigkeit und als Normalisierungsstrategie, um die Kluft zwischen „Sportlerin-Sein“, „Frau-Sein“ und „Kind-Sein“ zu überwinden.

 

Die gesellschaftliche Relevanz dieser Studie wird besonders im Kontext aktueller Debatten über Gewalt im Turnsport deutlich, die durch die „Magglingen-Protokolle“öffentlich wurden. Die Untersuchung zeigt, dass geschlechtsspezifische Gewalt kein Einzelfall, sondern integraler Bestandteil institutioneller und systemischer Dynamiken im Frauenkunstturnen mit historischer Kontinuität ist. Damit unterstreicht die Studie die Dringlichkeit nachhaltiger Reformen zum Schutz der Athletinnen und zur Überwindung patriarchaler Strukturen. Durch die Verknüpfung theoretischer Konzepte mit empirischen Befunden leistet die Studie einenwesentlichenBeitragzurWeiterentwicklung der Geschlechter- und Körpergeschichte sowie der Sport- und Schweizer Geschichte. Sie schafft eine fundierte Basis für weitere Untersuchungen, die kritisch nach der unhinterfragten Norm des weissen heterosexuellen Standardmannes fragen und den Sport als vermeintlich unpolitischen Raum systematisch problematisieren.

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