Vom Erdölpreisschock zum Energieartikel. Die Debatte zum Energie- sparen in der Schweiz 1970 bis 1990

Nom de l'auteur
Tobias
Küng
Type de travail
Mémoire de master
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Christian
Rohr
Codirecteur
Dr. Roman Rossfeld
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2024/2025
Abstract

Mit der Erdölpreiskrise der Jahre 1973 und 1974 rückte Energiesparen in das Blickfeld der schweizerischen Öffentlichkeit. Der Bund reagierte auf die Ereignisse mit der Ankündigung dreier autofreier Sonntage und dem Aufruf zum sparsamen Umgang mit Energie. Über weitergehende verfassungsmässige Möglichkeiten verfügte der Bund im energiepolitischen Bereich damals nicht, obwohl sich Energieangebot und -nachfrage seit dem Zweiten Weltkrieg signifikant verändert hatten. Das ab den 1950er-Jahren günstige und reichlich verfügbare Erdöl hatte zu einem beispiellosen wirtschaftlichen Wachstum beigetragen, in Zuge dessen sich in der Schweiz der Lebensstil substanziell veränderte und der Umgang mit Energie verschwenderische Züge annahm: Der Energieverbrauch vervierfachte sich von 1950 bis 1973 – drei Viertel der verwendeten Energie stammten nun aus Erdöl. Die Erdölpreiskrise machte die Abhängigkeit von Erdöl deutlich und führte zur Ausarbeitung von Konzepten zur energiepolitischen Zukunft, in welchen das Energiesparen von grösserer Relevanz war. Über dessen Bedeutung im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Wachstum und mit ökologischen Problemen gingen die Meinungen allerdings stark auseinander. Die entworfenen Konzepte wurden in den 1980er-Jahren in konkrete politische Begehren überführt. Während die Versuche, das Energiesparen im Rahmen eines energiepolitischen Verfassungsartikels auf eidgenössischer Ebene festzuschreiben, in der ersten Hälfte des Jahrzehnts scheiterten, nahm das Stimmvolk 1990 den sogenannten Energieartikel schliesslich an. Dieser übertrug dem Bund erstmals die Kompetenz, im Rahmen der Energiepolitik Grundsätze und Vorschriften zum sparsamen und rationellen Energiegebrauch zu erlassen.

 

Die Masterarbeit beschäftigt sich mit den Auseinandersetzungen um die Ausgestaltung der Energiepolitik von 1970 bis 1990, wobei der Schwerpunkt der Untersuchung auf dem Energiesparen liegt. Es wird versucht, für den Untersuchungszeitraum relevante energiehistorische Entwicklungslinien aufzuzeigen, um dann im Detail herauszufinden, welche Akteur:innen an der Auseinandersetzung beteiligt waren und mit welchen Argumenten sie die Ausarbeitung einer eidgenössischen Energiepolitik mit verstärktem Fokus auf das Energiesparen vorantrieben oder behinderten. Daneben fragt die Untersuchung nach dem Einfluss der beiden Energiepreiskrisen von 1973/1974 und 1978/1979 sowie der Atomkernenergiekatastrophe in Tschernobyl von 1986 auf die Akteur:innen und damit auf die eidgenössische Energiepolitik.

 

Für die Untersuchung wurden einerseits digitalisierte Amtsdruckschriften des Schweizerischen Bundesarchivs, andererseits eine breite Palette weiterer Quellen zum Thema Energiesparen aus dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Archiv für Zeitgeschichte und dem Schweizerischen Sozialarchiv analysiert. Für die Studie wurde auf den methodischen Ansatz des Advocacy-Coalitions-Framework von Paul Sabatier zurückgegriffen, welcher es ermöglicht, Politik-Veränderungen akteursbezogen zu untersuchen.

 

Im Untersuchungszeitraum wurde die Energiepolitik in der Schweiz von drei Koalitionen massgeblich beeinflusst. Die konventionelle Koalition, zu der Wirtschaftsverbände und die Energiewirtschaft zählten, vertraute auf fossile Energieträger. Bei deren Substitution präferierte sie die Atomkernenergie, Energiesparen genoss für sie hingegen tiefe Priorität. Die Einführung einer Energiesteuer lehnte sie entschieden ab. Die alternative Koalition, der in erster Linie Umweltorganisationen angehörten, forderte bei der Abkehr vom fossilen Energiepfad einschneidende Energiesparmassnahmen inklusive einer Energiesteuer und den Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Die staatliche Koalition schliesslich, die sich zwischen den beiden anderen positionierte, und der unter anderem der Bundesrat und das Bundesamt für Energiewesen (BEW) angehörten, veränderte ihre Position im Untersuchungszeitraum erheblich. War sie anfangs stark von der konventionellen Koalition beeinflusst, näherte sie sich im Verlauf der 1980er-Jahre zunehmend der alternativen Koalition an. Ausschlaggebend dafür waren die beiden Erdölpreiskrisen von 1973/1974 und 1978/1979 und die Atomkernkatastrophe von Tschernobyl 1986. Diese wirkten als Katalysatoren für die Umweltbewegung, deren wachstumskritische Ansichten sich bis 1990 selbst in Teilen der konventionellen Koalition durchsetzten. Die Annahme des Energieartikels und der Volksinitiative, welche ein zehnjähriges Moratorium zum Bau von Atomenergieanlagen forderte, zeigte schliesslich, dass zwischen 1970 und 1990 eine Politik-Veränderung im Sinne Sabatiers stattgefunden hatte, war doch nun eine Mehrheit der Bevölkerung bereit, den fossil-nuklearen Energiepfad zu verlassen und dem Energiesparen verfassungsmässig grössere Bedeutung zu verleihen.

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