Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Die deutsche Partisanenbekämpfung in der Sowjetunion und in Italien 1941–1945

Nom de l'auteur
Raymond
Ruch
Type de travail
Mémoire de licence
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Stig
Förster
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2002/2003
Abstract

Die historische Forschung hat inzwischen hinreichend nachgewiesen, dass die SS und die Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges im Osten im Rahmen des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion auch einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt haben. Die Ermordung oder Verschleppung zur Zwangsarbeit von Millionen von Menschen wurde dabei häufig unter dem Deckmantel der „Partisanenbekämpfung“ durchgeführt. Oft wird in der Literatur allerdings nach wie vor die Auffassung vertreten, die im Zuge des Partisanenkrieges begangenen Kriegsverbrechen seien einzig für den Krieg in Osteuropa charakteristisch gewesen. Dies obwohl bereits seit geraumer Zeit Studien vorliegen, die zeigen, dass deutsche Soldaten auch in Westeuropa schreckliche Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung begangen haben. Kann vor diesem Hintergrund weiterhin von einem „Normalkrieg“ im Westen gesprochen werden?

 

Anhand eines Vergleichs der deutschen Partisanenbekämpfung in der Sowjetunion 1941–1944 und in Italien 1943–1945 wird in der Lizentiatsarbeit die Gültigkeit der Unterscheidung zwischen einem „sauberen“ Krieg im Westen und einem verbrecherischen Krieg im Osten hinterfragt. Zwar wird in der historischen Forschung eine Vergleichbarkeit zuweilen kategorisch abgelehnt, die Argumentation gegen einen komparativen Ansatz basiert jedoch auf quantitativen Vergleichskriterien. Auch wenn das quantitative Ausmass deutscher Kriegsverbrechen in der Sowjetunion unzweifelhaft um ein Vielfaches grösser war als zum Beispiel in Italien, schliesst dies einen strukturellen Vergleich keineswegs aus. Dass es auch in Italien zu unzähligen Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung gekommen ist, hat die Forschung inzwischen hinreichend nachgewiesen. Offen bleibt dabei allerdings die in der Untersuchung zu klärende Frage, ob diesbezüglich ein systematischer Zusammenhang mit dem Krieg im Osten feststellbar ist.

 

In einem ersten Teil der Arbeit werden die beiden untersuchten Kriegsschauplätze auf der strategisch-operativen und politisch-ideologischen Ebene einander gegenübergestellt, um den Partisanenkrieg in den Kontext des Gesamtkrieges stellen zu können. Im zweiten Teil folgt die Analyse der deutschen Partisanenbekämpfung in der Sowjetunion und in Italien anhand von vier Vergleichskomplexen: 1. der Besatzungsstruktur und Befehlskompetenz, 2. der Befehlslage und -entwicklung, 3. der Praxis der Partisanenbekämpfung und 4. der Wechselwirkung zwischen Partisanenbekämpfung und Widerstandsbewegung.

 

Die Untersuchung konnte aufzeigen, dass die Partisanenbekämpfung in der Sowjetunion und in Italien trotz unterschiedlicher Ausgangslage grosse strukturelle Ähnlichkeiten aufwies. Die von der Wehrmacht und der SS angewandten Methoden waren auf beiden Kriegsschauplätzen nahezu identisch. In Italien lassen sich neben masslosen Geiselerschiessungen, lokalen Massakern und generalstabsmässig geplanten „Grossunternehmen“ auch die im Osten praktizierten „Sklavenjagden“ und die Schaffung von menschenleeren Zonen hinter der Frontlinie nachweisen – die Opfer der „Bandenbekämpfung“ waren dabei hauptsächlich Zivilisten.

 

Auch der Vergleich auf der Ebene der Besatzungsstruktur hat weitreichende Parallelen aufgezeigt. So war die im Osten herrschende „Besatzungspolykratie“ – mit all ihren Auswirkungen für die Zivilbevölkerung – auch in Italien ein grundlegender Wesenszug der deutschen Besatzungsverwaltung. Ein wesentlicher Unterschied bestand dennoch: Während die SS im Osten ihren Führungsanspruch im Partisanenkrieg aufrechterhalten konnte, übernahm in Italien der Oberbefehlshaber Südwest Albert Kesselring ab April 1944 die oberste Leitung der gesamten Partisanenbekämpfung – die SS war der Wehrmacht sogar direkt unterstellt worden und Letztere somit hauptverantwortlich für die verbrecherische Kriegführung gegen Partisanen und unschuldige Zivilisten.

 

In Italien wie in der Sowjetunion waren die in der Partisanenbekämpfung eingesetzten deutschen Soldaten mit einer „carte blanche“ ausgestattet, die ihnen im Umgang mit der Zivilbevölkerung jedes Kriegsverbrechen erlaubte. Im Osten war die völkerrechtswidrige Behandlung der Zivilbevölkerung bereits vor Feldzugsbeginn vorgesehen – für Italien muss die verbrecherische Befehlsgebung aber als „Eigeninitiative“ der Befehlshaber vor Ort bezeichnet werden. Obwohl das Oberkommando (OKW und OKH) im September 1943 in seinen Befehlen aus pragmatischen Gründen bereits eine Deeskalation des Partisanenkrieges anstrebte, wurden die Richtlinien in Italien bis in den Sommer 1944 hinein ständig radikalisiert. Die Partisanenbekämpfung war zu diesem Zeitpunkt längst ausser Kontrolle geraten.

 

Einen Ursprung hatte die unaufhaltsame Gewaltspirale in der von der Wehrmacht und der SS auf beiden untersuchten Kriegsschauplätzen praktizierten „präventiven Partisanenbekämpfung“. Die nationalsozialistische Kriegführung hat sich mit ihrer unglaublichen Brutalität das „Partisanenproblem“, das ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr lösbar war, selber geschaffen. Die Bevölkerung in den besetzten Ländern wurde wie die versprengten sowjetischen und italienischen Soldaten auch erst durch ständigen Terror in den Widerstand gedrängt.

 

Die Unterteilung in einen verbrecherischen Krieg im Osten und einen „sauberen“ Krieg im Westen mag vielleicht für die deutschen Feldzüge vor 1941 noch zutreffen, für die Zeit des Italienkrieges ab Sommer 1943 kann sie aber eindeutig nicht aufrechterhalten werden.

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