„Wir führen das, was noch lebt, in die Gefangenschaft“. Die Wehrmachtführung und ihr genozidales Projekt „Barbarossa“. Die Vernichtungspläne für Leningrad und Moskau

Nom de l'auteur
Nadja Maria
Stirnimann
Type de travail
Mémoire de licence
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Stig
Förster
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2005/2006
Abstract

Der Krieg der deutschen Wehrmacht im Osten, der als „Unternehmen Barbarossa“ lanciert wurde, ging als einer der brutalsten Kriege Europas in die Geschichte ein. Nicht nur die Zahl der Toten nahm ein katastrophales Mass an, auch die Kriegführung war jeglicher Menschlichkeit entrückt und verdient die Bezeichnung „barbarisch“.

 

Gerade der Charakter und die dem Krieg zugrunde liegende Intention, bilden seit Jahren ein kontrovers diskutiertes Thema. Die jüngst von Jörg Ganzenmüller erschienene Arbeit über die Belagerung Leningrads hat nun gezeigt, dass die Wehrmachtführung den Massenmord an der sow-jetischen Zivilbevölkerung nicht nur plante, sondern auch durchführte. Doch in welchem Zusammenhang muss die grausame Vorgehensweise der Wehrmacht gegen Leningrad betrachtet werden; was wäre mit der Hauptstadt Moskau geschehen, wenn die Wehrmacht bis zur Hauptstadt hätte vorrücken können und handelte es sich beim „Unternehmen Barbarossa“ angesichts der grausamen Kriegführung und der hohen Opferzahlen letztendlich um ein genozidales Projekt? Diesen Hauptfragen geht die Lizentiatsarbeit nach und versucht, darauf Antwort zu geben.

 

Um die Frage zu klären, ob es sich beim Unternehmen Barbarossa um ein genozidales Projekt handelte, werden in der Einleitung theoretische Überlegungen zum Begriff „Genozid“ erörtert und diskutiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass der Begriff „Genozid“ zu statisch ist, um für die empirische Forschung sinnvoll angewendet zu werden. Es ist hilfreicher von genozidalen Vorgängen zu sprechen, da mit diesem Begriff die Prozesshaftigkeit dieser Geschehnisse verdeutlicht werden kann.

 

Im Hauptteil wird in einem ersten Abschnitt die Wehrmachtführung in ihrem Entstehungsprozess beleuchtet und aufgezeigt, dass keineswegs Hitler alleine für die Planung und Durchführung des „Unternehmens Barbarossa“ verantwortlich gemacht werden kann, sondern die militärische Wehrmachtelite aus eigenem Antrieb handelte. In einem nächsten Schritt werden die Vorbereitungen und Planungen für den Krieg im Osten dargelegt. Hier kann festgehalten werden, dass die Motive für den Krieg und die besonders grausame Kriegführung, welche einen Genozid an der sowjetischen Bevölkerung durch Aushungerung und militär-juristische Willkür bewusst einkalkulierte, unterschiedlicher Natur waren. So haben sowohl militärstrategische, politische, wirtschaftliche ebenso wie rassistisch-ideologische Motive, die insbesondere in Form der so genannten „verbrecherischen Befehle“ zum Ausdruck kamen, eine wichtige Rolle gespielt.

 

Im dritten und letzten Abschnitt des Hauptteils steht die konkrete Kriegführung gegen die Grossstädte Leningrad und Moskau im Mittelpunkt. Während für Leningrad die Arbeit von Ganzenmüller als Grundlage diente, wurden für Moskau die Ereignisse anhand von gedruckten Quellen und Literatur rekonstruiert. Da Leningrad und Moskau zur so genannten Waldzone Russlands gehörten, welche von der Wehrmachtführung als wirtschaftlich unprofitabel erachtetet wurde, sollten diese Städte gemäss der militär-wirtschaftlichen Pläne nicht erobert, sondern lediglich abgeriegelt und die Bevölkerung ausgehungert werden. So vertritt die Arbeit die, wenn auch spekulative These, dass Moskau wohl das gleiche, schreckliche Schicksal ereilt hätte, wie Leningrad, falls die Wehrmacht bis zur Hauptstadt hätte vordringen können. Diese These wird noch dadurch erhärtet, weil die Wehrmachtführung ein allfälliges Kapitulationsangebot dieser beiden Städte schon im Voraus kategorisch ablehnte. Die Tatsache, dass diesem verbrecherischen Krieg unterschiedliche Motive einer sehr heterogenen Täterschaft zugrunde lagen, zeigt auch, dass der seit Jahre andauernde Historikerstreit zwischen „Intentionalisten“ und „Funktionalisten“ sein Ziel verfehlt. Für die Analyse des Kriegs im Osten ist es wenig hilfreich, zwischen ideologischen Absichten und möglichen rationalen Motiven oder Sachzwängen zu unterscheiden, denn beim genozidalen Projekt „Barbarossa“ war letztlich der Weg zugleich das Ziel.

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