Im Zentrum der Arbeit steht der kommerzielle Eisabbau am Oberen und Unteren Grindelwaldgletscher sowie in Strättligen am Thunersee. Dabei werden in einer vergleichenden Analyse die beiden Eisgewerbe in Bezug auf den Eisabbau, den Eishandel und den Niedergang des Gewerbes untersucht und die beteiligten Akteur:innen herausgearbeitet. Als Grundlage für die Analyse dienen vor allem Zeitungsartikel, die über das Eisgewerbe im Berner Oberland berichteten.
Die Eisgewinnung erfolgte sowohl in Grindelwald als auch in Strättligen durch lokale Unternehmen, wobei am Thunersee die Burgergemeinde Strättligen den Eisabbau bei ihren Eisweihern regulierte. In Grindelwald waren hingegen vor allem staatliche Institutionen für die Organisation des Gewerbes verantwortlich. Eine Besonderheit des Eisgewerbes im Bergdorf war, dass sich Kooperationen von lokalen Hotelbetrieben mit externen Firmen entwickelten. Allerdings stellte der Eisabbau an beiden Standorten einen bedeutenden Nebenerwerb dar. Die Ausrüstung und Technik, welche die Arbeiter verwendeten, wurden auf die jeweiligen Abbaugebiete spezialisiert. So konnte bei den Eisweihern ein horizontaler Abbau vorgenommen werden, während bei den Grindelwaldgletschern die Vertikalität verschiedene Herausforderungen mit sich brachte, sodass sich im Vergleich zu Strättligen beim Grindelwalder Eisabbau mehr Unfälle ereigneten.
Der vertikale Eisabbau führte in Grindelwald ausserdem dazu, dass für die Beförderung des Eises verschiedene Transportmittel entwickelt wurden. Während in Strättligen das Eis vor allem mit Fuhrwerken in die Stadt Thun gebracht wurde, verwendeten die Arbeiter bei den Grindelwaldgletschern mehrere Drahtseilkonstruktionen und eine Rollbahn, um das Eis schneller ins Dorf und zur Bahnstation zu transportieren. Dabei hatten auch die Bewegungen der Gletscher Auswirkungen auf die Entwicklung neuer Transportmittel. Für das Bergdorf war zudem der Anschluss an das Eisenbahnnetz wichtig, da das Grindelwalder Eisgewerbe neben einem lokalen Handel stark exportorientiert war. Auch die Eröffnung der Trajektschifffahrt auf dem Thunersee ermöglichte den einfacheren Export von Gletschereis, da die Eisblöcke nicht mehr umständlich umgeladen werden mussten. Der Tourismus war ein Faktor, der den Ausbau der Infrastruktur in Grindelwald und somit indirekt auch das Eisgewerbe förderte. Allerdings war auch der Gletschereisexport für Grindelwald vorteilhaft, da so Werbung für das Bergdorf als Reisedestination gemacht werden konnte.
Das exportorientierte Eisgewerbe in Grindelwald steht dem lokalen Eishandel in Strättligen gegenüber. Dort wurde das Eis vor allem an Unternehmen in der Stadt Thun geliefert, die viel Eis zu Kühlzwecken benötigten. So waren neben Brauereien auch Hotels oder Krankenhäuser auf das Naturprodukt angewiesen, weshalb sie teilweise eigene Eiskeller und -lager besassen. Da in der Region Thun die Nachfrage nach Eis in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark anstieg, reichten oft die Eisbestände aus den Eisweihern nicht, weshalb aus anderen Regionen Eis dazugekauft werden musste. In diesem Kontext zeigt die Arbeit, dass trotz der Nähe der beiden untersuchten Eisgewerbe keine gemeinsamen Handelsbeziehungen entstanden, da das Grindelwalder Gletschereis im Vergleich zu anderen Eisimporten zu teuer war. Ausserdem wird dadurch deutlich, dass sich das Grindelwalder Eisgewerbe im Vergleich zu Strättligen mit mehr Konkurrenz konfrontiert sah, da überregional Handel betrieben wurde.
Der steigende Bedarf an Eis war ein Grund, weshalb in Strättligen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kunsteis in der Stadt Thun produziert wurde. Trotzdem blieben die Eisweiher vorerst noch bestehen, da sie sowohl im Winter als auch im Sommer für Freizeitaktivitäten als sozialer Treffpunkt dienten. In Grindelwald hingegen war der Niedergang des Gewerbes vor allem durch den Rückzug der Gletscher in nur schwer zugängliche Gebiete geprägt.