Herzensdinge im Wandel. Von der totalen Lebensgemeinschaft zur individualisierten Ehe: Veränderungen der Liebes- und Partnervorstellungen (1945-1995)

Nom de l'auteur
Gabriela
Schüpbach
Type de travail
Mémoire de licence
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Albert
Tanner
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
1997/1998
Abstract

In den letzten fünfzig Jahren unterlag die Ehe im Prozess der Modernisierung einem tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Wandel. Dabei ist weniger bedeutsam, dass die Ehe weiterhin als rechtliche Institution existiert, sondern dass sie als sozial verbindliche an Bedeutung verloren hat. Konnte in den fünfziger Jahren die Ehe noch als eine exklusive, von Gott gestiftete und auf Dauer angelegte "totale Lebensgemeinschaft"(fheodor Bovet) definiert werden, so sind heute zwei Individuen in einem enormen Anpassungsprozess gefordert, ihre gemeinsame (Ehe-)Welt selbst zu definieren.

 

Wie auf einer normativen Ebene der Diskurs über Liebe und Ehe im laufe der letzten fünfzig Jahre geführt wurde, wie er sich inhaltlich verändert hat und ob die in soziologischen Zeitdiagnosen (Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim, Robert Bellah, Axel Honneth u.a.m.) postulierte Individualisierung sich im Diskurs über die Ehe in der Beratungsliteratur bzw. in der Eheberatung ablesen lässt, bildet das eigentliche Erkenntnisinteresse meiner Studie.

 

Konkret habe ich die Ehe- und Beziehungsleitbilder von drei Ehe- oder Paartherapeuten analysiert. So stehen denn Theodor Bovet, geb. 1900, Fritz Tanner, geb.1923, und Jürg Willi, geb.1934, exemplarisch für eine zeitspezifische Richtung und Haltung gegenüber der Ehe. Zudem lässt sich anhand ihrer Schriften und ihrer beruflichen Auseinandersetzung mit der Ehe die Entwicklung des Diskurses von 1945 bis 1995 nachvollziehen. Aus rund fünfzig gesichteten Eheratgebern und -ratgeberinnen fiel die Wahl auf sie, weil sie sich sowohl als Berater und Autoren mit der Ehe beschäftigen als auch in ihren Publikationen ihre persönlichen Beratererfahrungen haben einfliessen lassen. Damit konnte die Beratung als Institution und die Rolle des Beraters zusätzlich in den Blick genommen werden.

 

Ich stützte mich dabei quellenmässig auf die verschiedenen Schriften der drei Autoren. Bei Fritz Tanner konnten weiter seine Artikel in der ,,Annabelle" hinzugezogen werden. Mit Jürg Willi führte ich ein ausführliches Expertengespräch; so befragte ich ihn nicht ausschliesslich nach seinem eigenen Beziehungskonzept, sondern nach seiner persönlichen Einschätzung der wichtigsten Entwicklungen in den Partnerschaftskonzepten der letzten zwanzig Jahre.

 

Im ersten Teil meiner Arbeit beschäftigte ich mich mit der Entwicklung der Eheschliessungen und Ehescheidungen in diesem Jahrhundert und versuchte ebenfalls das Aufkommen der nicht-ehelichen Paargemeinschaften der letzten Jahrzehnte zu dokumentieren. Gerade im internationalen Vergleich zeigt sich, wie stark der Stellenwert der Ehe - trotz hohen und steigenden Scheidungsraten und Veränderungen in den ehelichen Leitbildern - in der Schweiz noch immer ist; nicht-eheliche Paargemeinschaften stellen in der Schweiz im Unterschied etwa zu Skandinavien nur lebenszyklische Uebergangsphänomene dar.

 

Der zweite und umfangmässig grössere Teil der Studie widmet sich in den drei Grosskapiteln den normativen Konzepten der jeweiligen Berater. Ich habe mich dabei auf zwei Schwerpunkte konzentriert:

 

Erstens versuchte ich die Selbstdarstellung der Berater aufzuzeigen, d.h. danach zu fragen, wie der Berater selbst seine Tätigkeit sieht und wie er die eigene Rolle als Berater wahrnimmt. Es konnte festgestellt werden, dass ein eindeutiger Wandel vom Berater, der durch klare Handlungsanweisungen und Schuldzuweisungen versucht, die Ehe wiederherzustellen, zum Therapeuten stattgefunden hat, der im Gespräch die neuen Standards vermittelt, wie ein Paar miteinander umgehen soll.

 

zweitens analysierte ich im einzelnen die Normen und Leitbilder über Ehe, Liebe und Sexualität der Berater, welche Rolle und welche Handlungsspielräume dem Mann und welche der Frau zugeordnet werden, welche Regeln sie für das Zusammenleben der Geschlechter entwerfen ob und wie die Autoren den Individualismus in ihr Konzept einbauen, und wie Konflikte innerhalb der Beziehung gelöst werden sollten.

 

Dabei konnte nur ein sehr langsamer Wandel in den ersten zwei Jahrzehnten ab 1945 festgestellt werden. So setzte erst mit den beiden letzten Schriften Fritz Tanners in den späten 1960er Jahren der eigentliche Übergang von einer traditionellen Ehevorstellung zu modernen, d.h. egalitärindividualistischeren Partnerschaftsleitbildern ein. Mit dem Geschlechterdualismus, dem Konzept der Geschlechtscharaktere, bricht allerdings erst Jürg Willi.

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